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Andreas Gerdes-Wurpts: Mit Kondomen zur Copa Cabana

Zwischen Fußball in Meppen und Weltmeisterschaften in Brasilien. Im Fußballleben von Viertliga-Angreifer Andreas Gerdes-Wurpts könnten die Kontraste kaum knackiger sein. Im Gespräch mit BLOG-TRIFFT-BALL-Reporter Harry Jurkschat (spielte 2004 mit Gerdes-Wurpts für Kickers Emden) berichtet der 32-Jährige über seine Zeit als Deutscher Nationalspieler der Bundeswehr und warum er einen Wechsel in die Großstadt nicht ausschließt.

 

Andreas, bei unserer letzten Begegnung saßen wir in Emden und du wolltest raus aus der Provinz. Immerhin: Du hast es bis nach Meppen geschafft … Hut ab!
Na ja, es kamen schon immer mal andere Angebote. Aber ich bin sehr heimatverbunden. Andere Drittligaangebote aus Verl und Lotte habe ich in der Vergangenheit abgeblockt und mich damit überhaupt nicht beschäftigt.

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Jetzt bist Du 32 Jahre und kinderlos. Reizt da nicht auch mal die Großstadt?
Oh, doch. Und zwar mehr denn je. Ich würde im Sommer sofort in die Großstadt ziehen.

Das heißt Wechsel?
Das heißt, ich würde sofort überall hinwechseln. Ich hab mich noch nie so fit gefühlt, war, bis auf eine Bänderdehnung vor zehn Jahren, nie verletzt. Und ich will etwas Neues erleben. Sportlich wie privat.

Wir würden Hamburg empfehlen. Und der SC Victoria sucht hochbegabte Stürmer.
Wenn sie die Liga halten, bin ich sofort dabei. Mein Vertrag läuft im Sommer aus. Dann versuche ich auf jeden Fall irgendwo hinzuwechseln. Koblenz hatte schon mal leicht angefragt, aber eine richtige Großstadt wäre mein Traum. Ich verlange auch nicht viel.

Und in deiner Werbetrommel liegt einiges.
Ja, momentan treffe ich die Hütte wirklich wie Sau. Und das, obwohl es aktuell wirklich schwer ist zu treffen. Wir haben keinen Zehner und ich tingel da alleine vorne rum. Das ist nicht so einfach. Daher ist es umso geiler, dass ich am Ende der Hinrunde trotzdem traf.

In der Recherche auf das Gespräch bin ich über deine Karriere als Deutscher Nationalspieler der Bundeswehr gestolpert.
Genau. Ich bin 2003 zum Bund gekommen. Nach einem Dreivierteljahr fand ein Sichtungstrainingslager statt und da bin ich einfach mal hin. Beim Bund an sich bin ich aber seit zweieinhalb Jahren nicht mehr. Ich spiele nur noch.

Die Bundeswehr scoutet Nationalspieler?
Ja klar. Die Sportschule schreibt aus, dass der, der Fussball spielen kann oder höherklassig gespielt hat, sich vorstellen kann. Und da gehst du dann hin. Nur die Stars Jermaine Jones, Philipp Lahm oder Christian Lell und Andreas Ottl, mit denen ich gespielt habe, mussten natürlich nicht zur Sichtung.

Du bist durch ein Probetraining Nationalspieler geworden?
Genau. Erst das Probetraining, dann kam die Einladung zur Quali für die Weltmeisterschaft in Indien. Gegen Litauen gewannen wir 2:0 und ich habe beide Tore geschossen. Italien schlug dann Litauen 11:0 und wir mussten gegen die Italiener gewinnen. Haben wir dann auch 3:1 und ich habe die drei Tore gemacht. Dadurch qualifizierten wir uns und ich war damit voll in der Mannschaft drin.

Und circa 50 Spiele später hast Du die Bundis erneut zur Weltmeisterchaft geschossen. Nächstes Jahr geht’s dank Andreas Gerdes-Wurpts nach Baku.
Ja, die letzte Woche vor der Winterpause war wirklich unglaublich. Erst haben wir gegen Holland 1:0 gewonnen, dann gegen Irland 1:0 und 1:1 gespielt und ich habe alle Tore geschossen.

Wie viel bedeutet es Dir, Deutschland zur Weltmeisterchaft zu schießen?
Das ist einfach ein saugeiles Gefühl und macht dich unglaublich stolz. Gerade gegen Holland zu gewinnen und das Tor zu machen. Und dadurch, dass Holland dann gegen Ireland gewann und wir nicht verlieren durften, war mein Tor in der 75. Minute natürlich überragend. Aber nicht nur aufgrund der Tore ist es immer etwas ganz Besonderes für die Mannschaft zu spielen. Wenn die Hymne läuft und das Deutschland-Trikot am Körper klebt, dann ist das jedes Mal Gänsehaut.

Wie viele Zuschauer kommen zu den Länderspielen?
Das kommt drauf an. In Irland war nicht viel los. Aber Weltmeisterschaften sind gut besucht. Wir waren 2011 in Brasilien und da waren 30.000 Leute im Stadion.

Beeindruckend.
Das war wirklich unbeschreiblich. So schade das dortige Ausscheiden in der Vorrunde auch war, hatten wir so eben noch eineinhalb Wochen für uns und sind durch Rio gewandert. Das war wie der Ballermann an der Copa Cabana.

Und nun kommt 2013 die nächste Reise. Mit dem Panzer nach Baku.
Nein. Mit dem Flugzeug. Und Gewehr in der Hand.

Wo würdest Du die Qualität der Truppe einordnen?
Früher war sie sicher höher durch die etlichen Bundesliga-Stars. Aber seitdem die Wehrpflicht nicht mehr besteht, haben wir nur noch Regionalliga- und Drittliga-Spieler in den Reihen.Ich würde sagen, wir haben sehr gutes Regionalliga-Niveau.

Besser als der SV Meppen?
Ja.

Was war dein Highlight in zehn Jahren Bundeswehr-Nationalmannschaft.
Ein Spiel in Kiew bei minus 40 Grad vor 5000 Ukrainern. Das war heftig. Dann die Weltmeisterschaften in Indien und Brasilien. In Brasilien wurde ich sogar, trotz des frühen Ausscheidens, Torschützenkönig. Jetzt kommt Aserbaidschan und das eigentliche Highlight kommt erst noch. 2015 geht es nach Korea.

Mit Andreas Gerdes-Wurpts?
Da werde ich auf jeden Fall dabei sein. Das haben sie mir schon gesagt. „Andi, da kannste machen wat de willst, da bist auf jeden Fall dabei.“ Und das lasse ich mir auch nicht entgehen. Die Weltmeisterschaften sind der Hammer. Da sind 120 Nationen. Es ist ja nicht nur die Fussballer-WM, sondern quasi eine Art Olympia. Schiessen, Dreikampf, Vierkampf, Fechten, alles.

Da gibt es sicherlich ein Sportlerdorf?
Ja. Wir haben extra ein deutsches Haus, wo wir dann mit gut 120 Athleten untergebracht sind. Dasselbe gibt’s auch für die anderen Nationen. Da kommst du aus deinem Haus und siehst wie links die Moslems beten, rechts Capoeira getanzt wird und geradeaus sitzen die Koreaner und essen Reis.

In der Welt unterwegs, in Meppen zu Hause. So ein bisschen versteht man Deine Wechselgedanken.
Die Dritte Liga ist reizvoll. Aber ich glaube, meine Liga ist die Regionalliga. Da fühle ich mich gut und bombe auch. Gucken wir mal, wo die Reise hin geht. Wenn ich einen Verein finde, wo ich nicht arbeiten brauche, dann werde ich das mal machen.

Danke. Abtreten.

Harry Jurkschat

Seit Gründung mit auf dem brennenden BTB-Rasen. Im Gegensatz zu Semmler ist Jurkschat smart. Eine Mischung aus Mehmet Scholl und Günter Netzer. Der ewig 31-Jährige Insiderexperte harmoniert sich von Meppen bis Kiel, ist der Ausbügler und Staubsauger in der 2. Reihe. Dazu kommt aufgrund internationaler Fussball-Erfahrung (6 Länderspiele für Deutschland) Know-How im Wesentlichen. Manko: Bisweilen zu symphatisch und häufig mit den Sekretärinnen beschäftigt.