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Timo Lange: „Neuville war der Beste“

Populäre Spieler bei Hansa gab es viele. Die wenigsten blieben dem Verein über längere Jahre treu. Timo Lange war einer dieser wenigen Mohikaner. Elf Jahre beackerte der Leitwolf die rechte Seite, avancierte mit 165 Bundesligaspielen zum hanseatischen Rekordspieler im Oberhaus. Auch als Co-Trainer feierte „Fußballgott-Timo Lange“ Erfolge an der Ostsee. Zeit für das BTB-Legenden-Interview.

 

Herr Lange, zu Ihrer Zeit spielte Hansa in der Bundesliga. Wie sehr schmerzt es zu sehen, wo Rostock heute rumdödelt?
Es ist schon traurig, was beim FC Hansa Rostock in der letzten Zeit passiert ist. Die abgelaufene Spielzeit war ja die schwächste Saison seit der Wiedervereinigung. Deshalb kann es jetzt eigentlich nur noch aufwärts gehen. Ein kompletter Neuaufbau muss her, der ja nun auch vom neuen Vorstand eingeleitet wird. Das ist der richtige Schritt.

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Wie nah sind Sie noch am Verein?
Na ja, seit meinem Ende vor vier Jahren hat sich viel verändert. Mittlerweile werden die Geschicke beim FC Hansa von Personen geleitet, die ich persönlich gar nicht oder kaum noch kenne. Zu meiner damaligen Beurlaubung möchte ich gerne noch sagen, dass ich keinen Groll gegen den Verein hege. Es lief sportlich suboptimal und so ist im Fußball nun einmal  der Lauf der Dinge. Ich hoffe nun, genauso wie die vielen Fußballfans hier in Mecklenburg-Vorpommern, dass der Klub wieder dahin kommt, wo er hingehört. Und zwar in den höherklassigen Fußball, dass wäre für die Stadt, für die ganze Region und vor allem auch für die Menschen von großer Bedeutung. Ein baldiger Aufstieg, auch wenn es sehr schwer wird, wäre da natürlich wünschenswert.

Gehen Sie noch ins Stadion?
Ja. Absolut. Dieses Jahr aber leider nur zweimal. Und das bei enttäuschenden 0:0-Spielen.

Reden wir über Ihre Karriere. Können Sie Ihre Bundesligazeit mit einem Wort beschreiben?
Geil! Es war einfach eine fantastische Zeit.

So ähnlich hat Ihr ehemaliger Teamkollege Thomas Gansauge die Frage auch beantwortet. Was war denn Ihre schönste Phase beim FC Hansa?
Ich muss sagen, dass das ganze Kapitel Hansa Rostock eine wundervolle Zeit war. Nachdem ich 1992 zum FC Hansa gewechselt bin und wir dann im dritten Jahr unter Frank Pagelsdorf sensationell den Aufstieg feiern konnten, war das ein ganz besonderes Gefühl. Auch in der ersten Bundesliga lief die erste Saison fantastisch, wir waren eine geschlossene Einheit und es ist wirklich schön an diese Zeit zurückzudenken. Menschlich und vor allem sportlich ein phänomenaler Abschnitt, schließlich war der sechste Tabellenplatz in der Aufstiegssaison ein wahnsinniges Ergebnis. Zumal man bedenken muss, ich war ja auch schon 27-Jahre alt bei meinem Bundesligadebüt. Das hat es noch ein wenig aufgewertet. Ich musste zwar ab und zu auf die Bank, aber ich war ein Kampfschwein und habe mich immer wieder zurückgekämpft.

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Gibt es ein Spiel aus dieser Zeit, an welches Sie sich besonders gut und gerne erinnern?
Ja, das gibt es durchaus. Ich glaube, wir haben damals Ende April bei Bayern München gespielt. Wir haben durch einen geilen Spielzug 1:0 gewonnen und jeder Sieg gegen die Bayern ist an sich schon unvergesslich, aber durch die Niederlage wurde Otto Rehhagel bei den Bayern entlassen, was für mich den Triumph ein wenig schmälerte. Otto Rehhagel machte immer einen sehr authentischen und vor allem auch sympathischen Eindruck und meiner Meinung nach, soweit ich es von außen einschätzen kann, war er ein genialer Trainer.

Welcher Ihrer unzähligen Ex-Kameraden hat Sie am meisten fasziniert?
Eine sehr schwierige Frage, da ich mit vielen großartigen Spielern zusammengespielt habe. Natürlich ein „Paule“ Beinlich, der am Ball alles konnte und auch von seiner menschlichen Art her ein absoluter Gewinn war. Ein Sergej Barbarez, ein Jonathan Akpoborie, aber auch die einheimischen Spieler wie Hilmar Weiland, Heiko März oder Marco Zallmann. Ich kann die Typen gar nicht alle aufzählen, mit denen es unglaublichen Spaß gemacht hat. Nur Oliver Neuville mag ich ein wenig herausheben. Für mich war er einer der Besten, der je das Hansa-Trikot tragen durfte. Auch von seiner Art her, ganz entspannt und zurückhaltend. Als er kam, konnte er nicht einmal Deutsch sprechen, aber durch seine Verhaltensweisen und seine zuvorkommende Art war er trotz der sprachlichen Barriere sofort ein Bestandteil der Mannschaft.

Lange, Neuville, Bochum. Was fällt Ihnen spontan dazu ein?
Oh ja, das Spiel. Es ist immer noch der blanke Wahnsinn. Unglaublich. Ich weiß noch, ich bin damals über rechts durchgebrochen und habe Oli dann das 1:0 vorgelegt. Zu dem Zeitpunkt spielte er bereits mit einem Turban nach einer Kopfverletzung. Obwohl sein Wechsel längst eine beschlossene Sache war, hat er bis zum Schluss alles gegeben. Allgemein kann man die Ereignisse während dieser Begegnung nur sehr schwer in Worte fassen.

Die entscheidende Phase saßen Sie allerdings schon mit runtergeschobenen Stutzen auf der Bank.
Na ja, als ich spät in der 2. Halbzeit ausgewechselt wurde, war ich zuerst einfach nur pappensatt. Es war ein unglaublich heißer Tag, bestimmt an die 45 Grad im Stadion. Jeder Schritt tat ab einem gewissen Zeitpunkt weh. Wir hatten alle Durst ohne Ende, wir haben geschwitzt wie sonst etwas. Als ich raus bin, war ich komplett fertig. Zudem hat uns der aussichtslose Spielstand sehr zugesetzt. Aber kaum war ich auf der Bank, macht Victor Agali den Ausgleich und dann der verrückte Slavomir Majak mit seinem  geilen Kopfball durch die Beine vom Torhüter den Siegtreffer. Im Nachhinein betrachtet, war meine Auswechslung wohl der richtige Schachzug.

Das weiß ja jeder Hansa-Fan. Aber nicht, was dann passierte …
Als abgepfiffen wurde, kannte die Euphorie keine Grenzen. Die Feier mit den Fans direkt nach dem Spiel vor und im Block macht mich heute immer noch sprachlos. In der Kabine gab es dann natürlich noch einen Tropfen Alkohol, obwohl wir schon ein bisschen aufpassen mussten. Man war ja nach einem Bier schon fast besoffen, da wir so ausgelaugt waren. Wir haben nicht nur diesem Abend gefeiert, sondern, so meine ich mich zu erinnern, mehrere Abende durchgemacht. Der Klassenerhalt war ja wie eine  Meisterschaft, es war der Oberhammer. Pure Emotionen.

Pure Emotionen gab es auch mal in Cottbus, oder? 2007/08?
Es war so ein Dreckspiel von uns. Wir hätten das Spiel nie verlieren dürfen. Es ist immer noch unfassbar, dass wir dieses Spiel verloren haben. Es war eine Katastrophe, das Ding hätte längst entschieden sein müssen. Dazu die Verletzung von Stefan Wächter, die letzten dramatischen Minuten mit dem entscheidenden Gegentreffer. Es war grausam, aber das gehört nun einmal dazu. Fußball ist Wechselbad. Nachdem wir im Vorjahr aufgestiegen waren, schmeckte der Abstieg nur ein Jahr später natürlich besonders bitter.

Unterscheidet sich Ihr Aufstieg als Spieler vom dem als Co-Trainer?
Nein. Da wird genauso gejubelt wie damals als Spieler. Dazu muss man sagen, dass wir damals eine grandiose Hinrunde ohne Niederlage gespielt haben, dafür haben wir in der Rückrunde extrem geschwächelt. Die Siege in München und gegen Unterhaching waren da überlebenswichtig und vor allem Christian Rahn. Wie er zum Saisonende die Freistöße reingedroschen hat, atemberaubend.

Sie haben Ihre Bundesligakarriere komplett in Rostock absolviert, gab es nie Angebote?
Ja, es gab einmal eine Anfrage aus dem westlichen Raum.

Alles ist westlich von Rostock.
Na ja, der MSV Duisburg hat damals bei mir Interesse bekundet. Ich hatte auch zu diesem Zeitpunkt nicht meine beste Zeit in Rostock, aber ich wollte mich zurückkämpfen und das ist mir auch gelungen. Ich bin absolut froh in Rostock geblieben zu sein. Es war die richtige Entscheidung.

Jetzt die Mannschaft als Kapitän auf den Platz zu führen, die Stimmung im Stadion aufzusaugen? Hätten Sie darauf nochmal Lust?
Nein. Ich hatte eine sehr ausfüllende Karriere. Zudem wurde ich ja langsam ans Karierende herangeführt und konnte meine Laufbahn bei den Amateuren ganz ruhig ausklingen lassen. Ich hatte meine Zeit und die habe ich voll ausgenutzt. Aber, dass muss ich zugeben: Ich erinnere mich gerne und oft an die Zeit als Hansa-Profi.

Und Sie haben es in die Geschichtsbücher der Bundesliga geschafft.
Ja, dank Jens Lehmann. (lacht)

Erzählen Sie schon.
Oh, da muss ich mich anstrengen, um das wieder zusammen zu bekommen. Ich glaube, es ging damals um eine vermeintliche Schwalbe von mir. Er hat sich daraufhin tierisch darüber aufgeregt und mich angeschrien, da habe ich ihm auch einen Spruch zugeflüstert. Auf einmal kam er an und hat mich mit seinen Arbeitshandschuhen an den Haaren gepackt. Das war schon sehr verwunderlich und kam völlig unerwartet. Ich habe mich demzufolge auch sehr leicht fallen lassen. Danach durften wir beide runter, aber da wir den Sieg sicher hatten und schon 90 Minuten gespielt waren, kann man diesen Platzverweis schon als lustige Geschichte stehen lassen.

Weltklasse-Torhüter und Rostock passte generell gut, oder?
Ja, Oliver Kahn ja genauso. Ein Weltklasse-Torhüter, aber manchmal auch deutlich übermotiviert. Gerade gegen die „Kleinen“ wollte er nicht verlieren. Damals war ja nicht nur sein Handballtor spektakulär, sondern die gesamte Kulisse. Das Stadion war damals ja mitten in der Bauphase.

Wobei auch Hansas Spieler gerne mal…
… insbesondere Piecke (Martin Pieckenhagen, d. Red.). Aber auch „Paule“ und Sergej Barbarez waren auf eine positive Art und Weise anders. Barbarez lebte von seiner Emotionalität, das war ab und an ein wenig anstrengend. Aber ein grandioser Fußballer.

Haben Sie noch Kontakt?
Das ist leider eine komplizierte Sache. Man entfernt sich mit der Zeit und dem steigenden Alter immer mehr voneinander. Die Kommunikation wird schwieriger. Ich habe zum Beispiel schon viel zu lange nicht mehr mit Oliver Neuville gesprochen. Aber natürlich vergisst man bestimmte Weggefährten nicht. Deshalb freut man sich immer wieder einen alten Mitstreiter zu treffen. Wie zum Beispiel meinen Kumpel Thomas Gansauge, deshalb bin auch sehr gespannt, was er euch alles erzählt hat.

Herr Lange, was soll man Ihnen zum Abschluss sagen. Nicht nur für das Interview ein großes Dankeschön, sondern auch für Ihre gesamte Zeit bei Hansa Rostock.

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Hannes Hilbrecht

Hannes Hilbrecht schreibt und schrieb nebenbei für ZEIT ONLINE, NDR.de und den Berliner Tagesspiegel. Füllt ein Marketing-Magazin mit Liebe (GrowSmarter.de) Und er liest eine spannende Case Story genauso gerne wie den neuen Roman von Ralf Rothmann.