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Oliver Neuville: „Ich wollte zu Hansa zurück“

Es ist schon lange her, als Oliver Neuville die Kogge verließ um mit Bayer Leverkusen Europa zu entern. Trotz seiner sportlichen Erfolge machte der stets freundliche Stürmer keinen Hehl aus seiner Sympathie für den FC Hansa. Im BLOG-TRIFFT-BALL-Interview spricht ein emotionaler Oliver Neuville über seine alte Liebe Hansa Rostock.

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Herr Neuville, wann waren Sie das letzte Mal oben an der Küste?
Das war im letzten Jahr, wegen eines privaten Termins. Das letzte Mal Fußball gespielt habe ich in Rostock bei der Rückkehr der Helden. Das  war ein tolles Erlebnis, wieder mit den alten Kollegen zu kicken und dabei im Hansa-Trikot zu spielen.

Imagefilme für Rostock und Mecklenburg-Vorpommern

Wie sehr schmerzt derzeit Ihr Hansa-Herz?
Es ist natürlich schwer anzusehen, dass der FC Hansa Rostock nur in der dritten Liga spielt. Es ist vierzehn Jahre her, dass ich den Verein verlassen habe. Ich habe aber immer die Ergebnisse des FC Hansa verfolgt und ich freue mich sehr, dass sie sehr gut in die neue Saison gestartet sind. Es wäre zu schön, wenn sie schon in dieser Saison wieder aufsteigen würden.

Welchen Kollegen aus vergangenen Hansa-Tagen würden Sie gerne mal wieder sehen?
Zu Thomas Gansauge und Marco Rehmer habe ich noch viel Kontakt. Wir reden oft miteinander und ab und zu sehen wir uns auch. Natürlich gibt es Spieler, die ich gerne mal wiedertreffen würde. Dazu gehören sicherlich Sergej Barbarez und Igor Pamic. Als ich hörte dass einer der beiden Söhne von Igor gestorben ist, hat mich das richtig bewegt. Igor ist ein fantastischer Mensch und war damals ein wahrer Freund. Ein Kind zu verlieren ist glaube ich das Schlimmste, was man sich vorstellen kann.

Hansa-Legende Gansauge im Interview

Gab es eigentlich jemals die Option zu Hansa zurückzukehren?
Die gab es. Im Sommer 2009 wollte mich Andreas Zachuber gerne verpflichten. Ich habe damals noch Bundesliga in Gladbach gespielt. Für mich wäre der Schritt in die 2. Bundesliga kein Problem gewesen, weil es ja zu Hansa gegangen wäre. Es war wirklich sehr schade, dass ich aufgrund meines Vertrages nicht zurückkehren durfte. Es hat mich traurig gemacht, weil ich immer den Wunsch hatte, noch einmal für den Klub aufzulaufen, dem ich sehr vieles zu verdanken hatte.

Was fällt Ihnen als erstes zum Thema Turban ein?
Das Spiel gegen Bochum natürlich. Ich habe mit dem Turban sogar ein Tor geschossen. Ich weiß, dass ich mich damals am Kopf verletzt hatte, aber ich wollte in meiner letzten Partie unbedingt der Mannschaft helfen. Ich habe dieses Spiel wirklich immer noch vor Augen, ich weiß noch, dass wir zehn Minuten vor Schluss abgestiegen waren und auf einmal  schießen wir zwei Tore und sind wir wieder drin. Daran denke ich sehr gerne zurück.

Ist Ihnen der Abschied aufgrund der eigentlichen Feierstimmung besonders schwer gefallen?
Natürlich. Es waren 10.000 Rostocker in Bochum, die Feier nach dem Spiel ist unvergesslich, genauso wie die Ankunft in Rostock. Es war wie im Märchen. Ich möchte aber auch ganz klar sagen: Ich bin wirklich nur aus sportlichen Gründen gewechselt. In Leverkusen bekam ich die Chance Champions-League zu spielen. Diese Möglichkeit hätte sich in Rostock wohl auch mit mir in der Mannschaft nie ergeben. Wäre es nur nach privaten Motiven gegangen, dann bin ich mir sicher, dass ich noch viele Jahre in Rostock gespielt hätte. Menschlich hat alles sehr gut gepasst.

Sie haben Ihren Wechsel bereits im Winter bekannt gegeben. Warum so früh?
Ich wollte mich einfach fair gegenüber dem Verein, den Fans und vor allem auch gegenüber der Mannschaft verhalten. Die Fans haben natürlich zuerst gepfiffen, aber als sie gemerkt haben, dass ich meine Leistung weiterhin bringe, haben sie meinen Entschluss akzeptiert und mich fantastisch unterstützt. Das hat mir ungemein geholfen und ich kann ehrlich von mir behaupten, bis zum Schluss alles für den FC Hansa gegeben zu haben.

Ihr Wechsel in Leverkusen hat  sich sportlich allemal ausgezahlt. Sie haben Champions-League gespielt, in der Liga ganz vorne mitgewirkt und sich in der Nationalmannschaft etabliert. Dann kam diese Vizekusen-Geschichte. Bestimmt nicht das beste Kapitel in Ihrer Karriere?
Das würde ich so gar nicht sagen wollen. Sicherlich, wir sind in der Liga oft Zweiter geworden und haben in der einen Spielzeit auch das DFB-Pokalfinale und das Champions-League-Finale verloren. Es waren natürlich zunächst einmal große Enttäuschungen, aber es waren unabhängig vom Ausgang große Erfahrungen, von denen jeder junge Spieler träumt. Dann kam natürlich das Weltmeisterschaftsfinale dazu, wo wir auch verloren haben. Aber wenn man so weit gekommen ist, dann überwiegt trotz der finalen Niederlage das Positive. In dem Moment, wo die Enttäuschung verflogen ist, kommt ein gewisser Stolz auf. Ich möchte diese Zeit keinesfalls missen.

Im WM-Finale 2002 gegen Brasilien hätten Sie mit einem tollen Freistoß fast die Führung erzielt. Der Pfostenschuss hat sich doch bestimmt in dem einen oder anderen Alptraum wiederholt?
Dieses Bild werde ich wohl nie vergessen. Der Torwart, ich glaube Marcos hieß der Torhüter, hat den Ball super gehalten und an den Pfosten gelenkt. Natürlich stellte ich mir die Frage, was wenn der reingegangen wäre? Wären wir Weltmeister geworden? Aber das kann ich und das können auch andere nicht beantworten. Es ist ja auch lange vorbei und es ist eh nicht mehr zu ändern. Im Endeffekt hat sich daraus auch eine witzige Geschichte ergeben.

Die da wäre?
Irgendwann haben Freunde angefangen, mich mit der Geschichte aufzuziehen. Die haben dann gefragt: „Oli, hättest du den nicht besser schießen können?“. Ich konnte darüber aber auch immer herzlichst lachen.

Im Vorfeld der WM gab es ein Länderspiel gegen die USA in Rostock.
Ich stand bei diesem Spiel sogar in der Startelf und es war natürlich eine ganz besondere Partie. Das lag nicht nur daran, dass ich eines meiner seltenen Kopfballtore gemacht habe, sondern vor allem daran, wie ich aufgenommen wurde. Nachdem Tor haben die Zuschauer so laut meinen Namen gerufen und mich gefeiert, dass mich das wirklich sehr berührt hat. Auch wenn ich zu der Zeit für einen anderen Klub gespielt habe, ich habe mich irgendwie als Rostocker gefühlt. Es war unbeschreiblich wie ich empfangen wurde.

Ein sehr wichtiges Tor haben Sie ja auch mal gegen Polen geschossen. Ihr Emotionalstes?
Ja, auf jeden Fall war das mein emotionalstes Tor. Es war diese Gesamtsituation. Das Stadion in Dortmund komplett voll, diese riesige WM-Euphorie und wir spielen gegen Polen dann einfach nur 0:0? Das wäre der Stimmung nicht gerecht geworden. Auf einmal bringt David Odonkor den Ball in die Mitte  und ich bugsiere die Kugel irgendwie ins Netz. Wir waren dank des Sieges sicher im Achtelfinale, die Zuschauer sind komplett ausgeflippt und ich war in dem Moment der Auslöser. Ich glaube mit diesem Last-Minute Sieg hat das Sommermärchen erst richtig seinen Lauf genommen.

Zum Abschluss: Was halten Sie von der Vorstellung, wenn in fünf Jahren die Borussia zum Bundesligaauswärtsspiel in Rostock antreten müsste?
Der FC Hansa Rostock gehört nicht in die dritte Liga. Er gehört eigentlich auch nicht in die Zweite, sondern wirklich ganz nach oben. Klar, es ist ein ganz weiter Weg. Aber irgendwie glaube ich daran, dass das Kapitel Bundesliga und Hansa noch nicht geschlossen wurde. Sollte der FC Hansa Rostock zurückkehren, würde ein großer Wunsch von mir in Erfüllung gehen.

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Hannes Hilbrecht

Hannes Hilbrecht schreibt und schrieb nebenbei für ZEIT ONLINE, NDR.de und den Berliner Tagesspiegel. Füllt ein Marketing-Magazin mit Liebe (GrowSmarter.de) Und er liest eine spannende Case Story genauso gerne wie den neuen Roman von Ralf Rothmann.