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Kevin Mueller

…über Panne, Pieckenhagen und Jörg Hahnel

Er ist 22 Jahre alt, spricht aber abgeklärt wie ein 35-Jähriger. Der Rostocker Jung Kevin Müller spricht bei BLOG-TRIFFT-BALL über seine neue Station in Stuttgart, über das Interesse von Bayern München und auch sein Onkel Martin Pieckenhagen (der mit der elberschen Eckfahnenerfahrung) kommt nicht zu kurz.

Kevin, wie sieht’s mit dem Heimweh aus?
Das ist durchaus vorhanden. Gerade, weil ich bis auf das Auswärtsspiel in Rostock noch nicht wieder in der alten Heimat war. Meine Eltern und meine Schwiegereltern haben uns besucht und das Heimweh gemildert, aber die Rostocker Heimat fehlt schon ein bisschen.

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Anfang August ging es für Dich im Stuttgart-Dress zurück in die DKB-Arena. Wie war das für Dich?
Es war sehr komisch. Dass ich mal in Rostock in einem Hotel übernachte, hätte ich allein schon nicht gedacht. Dann ist man natürlich in die „falsche“ Kabine gegangen, hat sich das „falsche Trikot“ angezogen und auf der „richtigen“ Seite saß man ja auch nicht. Es war sehr merkwürdig. Natürlich habe ich den Anspruch für meine aktuelle Mannschaft das Beste zu geben und sicherlich habe ich in Rostock ungern verloren. Aber obwohl ich jetzt für den VfB Stuttgart spiele, werde ich im Herzen immer ein Rostocker bleiben. Rostock ist meine Heimat und ich bin dem Verein auf ewig verbunden.

Apropos Stuttgart, Gegen Werder Bremen und Eintracht Braunschweig hast Du das erste Mal in einer Bundesligakabine gesessen. Das muss einen doch richtig packen.
Das hat es auch. Vor allem hat es gezeigt, wie schnell das im Fußball gehen kann. Zu Saisonbeginn fiel ich fünfeinhalb Wochen verletzungsbedingt aus. Jetzt bin ich auf einmal im Bundesligakader und das, obwohl ich erst einmal nur in der 2. Mannschaft spielen sollte. Klar, es liegt daran das Sven Ullreich verletzt ist. Aber das Gefühl kann man mir trotzdem nicht nehmen.

Bei Hansa warst Du zwei Jahre lang die Nummer 1, aber irgendwie permanent im Konkurrenzkampf. Hat Dir das geschadet?
Na ja, die Torhüterposition ist etwas ganz besonderes. Es kann halt nur einer spielen und zwei sitzen draußen. Deshalb ist der Konkurrenzdruck natürlich besonders hoch. Die Trainer haben mir immer das Vertrauen ausgesprochen, durch die Bank weg. Deshalb kann ich mich da nicht beklagen.

Wie war Dein Verhältnis zu Jörg Hahnel? „Jockel“ gilt ja nicht unbedingt als einfacher Konkurrent.
Das war ein sehr faires Verhältnis. Sicherlich waren wir nicht die besten Freunde und haben privat  nicht so viel miteinander unternommen, trotzdem haben wir uns gegenseitig angetrieben und dabei das kollegiale Verhältnis gewahrt. Das ist für mich aber auch eine Grundvoraussetzung. Bei aller Rivalität um den einen Posten darf man ja nicht vergessen: Wir sind eine Mannschaft. Wir Torhüter haben uns immer ausgesprochen fair behandelt. Egal ob Jockel oder Pommes. Das war alles in bester Ordnung. Gerade wenn man sich die Lage „Jockels“ anschaut, verlangt das sehr viel Anerkennung. Er steigt mit einer Mannschaft auf und sitzt dann in der 2. Liga auf der Bank, weil ein 20-Jähriger den Posten übernimmt.

Hat Dir vielleicht der große Unterstützer als Nummer 2 gefehlt. Du wirktest immer recht nervös in den Spielen, wenn Du zu viel Zeit zum Nachdenken hattest. Siehe Standartsituationen.
Ja, dem bin ich mir auch bewusst. Mir hat da phasenweise das Grundvertrauen in mich selbst gefehlt. Bei einem Freistoß kann man sich eigentlich genau denken was passiert, es gibt eigentlich nur eine wahrscheinliche Variante und man weiß genau, was zu tun ist und das im Normalfall kein Problem entstehen kann. Doch das konnte ich nicht so umsetzen und war von daher sicherlich nicht fehlerfrei und ich gebe auch zu, dass ich nicht nur Punkte erspielt habe, sondern auch welche verspielt habe.

Torhüter werden häufig und ganz schnell als Fehlerverursacher verurteilt. Ist Kritik für Dich immer nachvollziehbar?
Es ist immer die Frage, wie die Kritik geäußert wird. Kommt jemand zu mir und sagt, ich wäre ein „Blinder“, dann setze ich mich damit nicht auseinander. Wird Kritik allerdings fair und konkret geäußert, wie auch eben von dir, dann stehe ich ihr sehr offen gegenüber. Auch meine Frau sagt mir ehrlich, wenn sie irgendwelche Fehler von mir gesehen hat. Generell gehört Kritik zum Fußball dazu. Es geht um große Emotionen und natürlich um viel Geld, da darf man nicht die Augen verschließen. Allerdings sind auch Fußballer Menschen, dass sollte nie vergessen werden.

Du bist knapp Anfang zwanzig, Fußballprofi, verheiratet und hast einen kleinen Sohn. Was ist bei Dir eigentlich schief gelaufen? Das süße Fußballerleben in Clubs und in den Armen mehrerer Blondinen fällt bei Dir ja weg …
… bei mir ist nichts schiefgelaufen. Für mich war immer klar, gerade aufgrund meines Elternhauses, dass ich früh eine Familie gründen will. Für mich ist die Familie nicht nur das aller Wichtigste, sondern auch der richtige Ausgleich. Es tut unwahrscheinlich gut sich auch mal zurückziehen zu können, ohne sich mit dem Fußball beschäftigen zu müssen.

Familie. Dazu gehört bei dir auch Martin Pieckenhagen. Timo Lange sagte mal: Pieckenhagen ist ein super Kerl, der aber auch sehr verrückt ist. Hat er Recht?
Ich glaube jeder Torhüter ist verrückt. Für mich war das natürlich großartig, jemanden wie Martin im direkten Umfeld zu haben. Er ist ein toller Kerl auf und neben den Platz, von dem ich mir sehr viel abschauen konnte.

Zum Beispiel, dass ein Dribbling an der Eckfahne nicht immer gut ausgeht?
Oh ja, an diese Szene kann ich mich noch bestens erinnern. Ich war damals auch im Stadion und habe noch genau vor Augen, wie er in das Dribbling mit Giovanne Elber geht. Vor allem, dass der Elber, gegen den ich sehr gerne noch selber gespielt hätte, das Ding so reinzwirbelt. Das war ein Traumtor und natürlich passte diese Kuriosität auch irgendwie zu Martin.

Bevor wir zum Schluss kommen. Räumen wir mit einem Mythos auf: Stimmt es, dass Bayern München, Werder Bremen und Greuther Fürth Dich verpflichten wollten nach dem Abstieg aus der  2. Liga?
Ja, da ist durchaus was dran. München und Bremen haben ihr Interesse bekundet, was mich natürlich sehr geehrt hat. Aber am Ende wollte ich nicht irgendwo hingehen, wo meine Perspektive sehr begrenzt ist. Dann ist es auch egal, ob man am Ende mehr Geld auf der Habenseite hat. Greuther Fürth war da schon das deutlich heißere Thema, aber am Ende entschied ich mich aufgrund der Perspektive und auch aufgrund des Herzens für einen Verbleib bei Hansa. Jetzt mag der Wechsel nach Stuttgart komisch wirken, aber wie ich eingangs bereits sagte, sah ich den Schritt nun als richtig an. Gerade, weil ich in der 3. Liga spielen kann und bei den Profis mittrainiere.

Aus aktuellem Anlass. Wie kam Kevin Müler mit » Kevin Pannewitz in Rostock klar?
Sehr gut. „Panne“ ist ein sensationell lieber Mensch. Der jedoch auch seine Ecken und Kanten hat. Es ist einfach schade, dass er durch den Kontakt zu falschen Leuten immer wieder für Probleme abseits des Platzes gesorgt hat. Sportlich ist er unbestritten ein toller Fußballer, der auf dem Rasen immer das Beste gegeben hat. Zudem ist Rostock irgendwo wie ein Dorf. Es kommt immer alles raus. Egal ob man abends noch ein Bier von der Tanke holt oder etwas zu spät die Tür aufmacht, die Wege zum Verein sind sehr kurz.

Angenommen du wärst nur bedingt begabt in Deinen Torwarthandschuhen. Was wäre die Berufsalternative gewesen?
Die schwerste Frage kommt bei dir also zum Schluss? Ich denke, ich wäre auch Richtung Studium gegangen, aber was ich studiert hätte, könnte ich nicht auf Anhieb sagen.

Na dann, vielen Dank für das Interview.

Foto: Claudia Schmidt
Hannes Hilbrecht

Hannes Hilbrecht schreibt und schrieb nebenbei für ZEIT ONLINE, NDR.de und den Berliner Tagesspiegel. Füllt ein Marketing-Magazin mit Liebe (GrowSmarter.de) Und er liest eine spannende Case Story genauso gerne wie den neuen Roman von Ralf Rothmann.