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Mkhitaryans Kumpel: „Micky kennt die TSG“

Sargis Adamyan zog es im Winter nach Neustrelitz. Doch wer denkt, dass das die einzige Bühne für den jungen Armenier ist, der irrt.

 

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Auf dem Fußballmarkt trennen den Dortmunder Henrikh Mkhitaryan und den Neustrelitzer Sargis Adamyan (Foto: mitte) erstaunliche 25,95 Millionen Euro. Und während der eine längst das Leben eines Multimillionärs genießt, auf den edelsten Plätzen der Welt logiert und seine Rolle im Establishment des internationalen Fußballs gefunden hat, kickt der 20-jährige Adamyan in der Regionalliga Nordost. Statt Real Madrid, Bayern München oder Zenit St. Petersburg heißen die Gegner dort Meuselwitz, Zwickau und Nordhausen.

Doch es gibt sie, diese Momente, in dem die gewaltige Kluft zwischen den beiden Akteuren auf ein Minimum zusammenschmilzt. Dann nämlich, wenn der neue armenische Nationaltrainer, seit wenigen Wochen der Schweizer Bernard Challandes, die Nummer des jungen Mittelfeldspielers wählt um ihn in die Nationalmannschaft Armeniens zu berufen. Vor drei Wochen tat Challandes genau das, Adamyan berichtet stolz: „Es macht mich natürlich überglücklich für mein Land zu spielen. Ich bin mir durchaus bewusst, dass diese Chance nur sehr wenigen ermöglicht wird.“, so der Neustrelitzer, der sich Ende Januar dem aufstiegsgewillten Regionalligisten anschloss.

Doch die Abenteuerreisen zu den Länderspielen sind nicht gänzlich frei von Strapazen. Eine direkte Flugverbindung von einem naheliegenden Flughafen in die armenische Hauptstadt Jerewan gibt es nicht. Zunächst geht es von Hamburg nach Wien, anschließend weiter in das transkausische Land, das bis zum Ende der Sowjetzeit zur gleichnamigen Republik gehörte. Reisestrapazen, die für Adamyan jedoch kein größeres Problem darstellen: „Natürlich ist es etwas anstrengend, aber dafür sammelt man auch viele Erfahrungen die mich persönlich voranbringen.“

Für den jungen Adamyan, der als Sohne eines armenischen Fabrikanten in der Metropole Jerewan geboren wurde und im Alter von fünf Jahren mit seiner Familie nach Mecklenburg-Vorpommern übersiedelte und später viele Jahre in den Talenteschmieden in Neubrandenburg und Rostock ausgebildet wurde, bieten seine internationalen Auftritte nicht nur sportliche, sondern auch freundschaftliche Errungenschaften. So pflegt Adamyan eine Freundschaft zum Dortmunder Nationalmannschaftskollegen. Wenn der Name Mkhitaryan fällt, beginnt der quirlige Offensivspieler aus der mecklenburgischen Landeshauptstadt zu schwärmen: „Er lässt seine Prominenz nie raushängen. Er ist in der Nationalmannschaft einer von uns. Er redet mit allen auf einer Augenhöhe, wo und in welcher Liga die anderen Spieler aktiv sind, ist für ihn nicht entscheidend. Das macht ihn noch mehr zum Vorbild für uns junge Spieler.“

Dabei verbindet Adamyan und seinem Landsmann aus der Bundesliga auch die neue Heimat, wie der etwas schüchtern daherkommende Auswahlspieler bekennt: „Wir sprechen über unsere Erfahrungen in Deutschland und er interessiert sich auch für meine Situation. Man kann schon sagen, dass Henri mit der TSG Neustrelitz etwas anfangen kann.“ Doch nicht nur Dortmunds Mittelfeldregisseur, den Adamyan bereits bei Familienreisen nach Dortmund getroffen hat, weiß mit dem Erfolgsklub aus dem Süden Mecklenburgs etwas anzufangen, auch die armenische Presse interessiert sich zusehends für das jüngste Mitglied der A-Nationalmannschaft und seinem Arbeitgeber. So fand der Wechsel zum Transferschluss in einigen überregionalen Blättern seine Erwähnung.

Doch was sich mit den Nationalmannschaftseinsätzen und dem guten Verhältnis zu einem absoluten Topspieler wie eine kleine Märchenstory anhört, verliert  bei näherer Betrachtung etwas seinen Glanz. Die Karriere des einstigen Toptalentes aus dem Rostocker Nachwuchs verebbte zuletzt ein wenig.

Im letzten Winter noch unter Marc Fascher in Rostock durchgestartet, verlor der technisch versierte Außenspieler zusehends seine Unbekümmertheit. Die acht Einsätze unter  Fascher in der Rostocker Profimannschaft sollten seine vorerst letzten auf der drittklassigen Bühne sein.

Unter Andreas Bergmann, der eigentlich bekannt für seinen Jugendfaible ist, flog Adamyan stets weit unter dem Radar in der Talenteakquise. Für Axel Rietentiet, der den armenischen Offensivmann lange Jahre in Rostock trainierte, kam diese Entwicklung wenig überraschend: „Sargis ist hochtalentiert, aber ich glaube kaum, das es vom Kopf her reicht für den Profifußball. Ihm fehlt die Einstellung, was total schade ist. Das Talent hat dazu er nämlich.“

Was nach einer ausgeprägten Hybris klingt, kann TSG-Manger Bornemann nicht unterschreiben: „Man hat ja aus Rostock einiges gehört. Bei uns verhält er sich vorbildlich und auch nach Länderspielreisen, die für einen jungen Spieler ja sehr intensiv sind, wirkt er keineswegs hochnäsig, sondern ist ganz normal.“

Nicht hochnäsig, dafür aber ziemlich hochgesteckt sind die Ziele des internationalen Aushängeschilds der TSG. Dieser will nämlich im Sommer 2016 nach Frankreich zur Euromeisterschaft, wie er BLOG-TRIFFT-BALL zum Abschluss erklärt: „Die Europameisterschaft ist ein großes Ziel für jeden Armenier. Dafür wollen wir alle hart arbeiten.“

Vielleicht steht der selbstbewusste Jungspund dann auch beim „Mer Hajrenik“ gemeinsam mit Kumpel „Micky“ auf dem Feld. Dann wäre sicherlich auch Manager Bornemann mächtig stolz und auch die Marktwertdifferenz dürfte bis dahin ein wenig geschmolzen sein.

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Hannes Hilbrecht

Hannes Hilbrecht schreibt und schrieb nebenbei für ZEIT ONLINE, NDR.de und den Berliner Tagesspiegel. Füllt ein Marketing-Magazin mit Liebe (GrowSmarter.de) Und er liest eine spannende Case Story genauso gerne wie den neuen Roman von Ralf Rothmann.