Top
schubert_870

Oliver Schubert: „Nichts kam an diesen Tag heran“

Der 29. Mai 1999. Für jeden Rostocker ein besonderer Tag. Inbesondere Radio-Kommentator Oliver Schubert avancierte an diesem Tag zu einem Star in der Rostocker Sportwelt. Wir erwischten Markus Merks besten Zahnarztkunden in einer amerikanischen Glückspielmetropole und sprachen aber sowas von exklusiv über alte Helden, dicke Zigarren und dem Hütchenwerfer Majak.

 

Imagefilme für Rostock und Mecklenburg-Vorpommern

Hallo Oliver, Du urlaubst ja gerade in Las Vegas. Vorab gefragt, was macht eine Wasserratte in der Wüste?
Ein bisschen Urlaub. Wir reisen mit paar Freunden in die USA, um dort eine ruhige Zeit zu verbringen. Die werden wir wohl aber am meisten am Pool und vielleicht auch einen Tag lang am Gran Canyon verbringen.

Kommen wir zu einem der größten Hansa-Spiel der vergangenen Jahrzehnte. Bochum ’99. Wie aufgeregt ist man als junger Reporter vor so einer Partie?
Für meine 22 Jahre, die ich damals auf dem Buckel hatte, war ich erstaunlich ruhig. Das mag daran liegen, dass ich bei meinem ersten Einsatz als Reporter – wenige Monate zuvor in Dortmund  – zehn Mal aufgeregter war. Da war ich wirklich sehr nervös und habe auch nicht den besten Job abgeliefert. Vor dem Bochum-Spiel ging das allerdings. Erst mit dem dramatischen Spielverlauf baute sich die innere Anspannung auf.

Über das Spiel selbst müssen wir ja nicht allzu viel reden. Jeder kennt ja die entscheidenden Szenen. Wer war damals Dein ganz persönlicher Held?
Viele würde jetzt wahrscheinlich den Namen Majak erwarten. Für mich war es aber ganz klar Oliver Neuville. Man muss sich doch nur seine Situation noch einmal vorstellen. Er hatte seinen Vertrag bei einem Topverein unterschrieben, alle Schäfchen waren im Trockenen und das Spiel selbst war für ihn eigentlich nur noch Zugabe. Dann verletzt er sich schwer, weil ihm fast das halbe Ohr abgerissen wird. Niemand hätte gemeckert, wenn er zur Auswechselbank gegangen wäre und gesagt hätte: „Es geht nicht mehr.“  Keiner hätte es ihm verübelt, denn er hat schließlich in den Wochen zuvor alles für den FC Hansa gegeben. Doch anstatt aufzugeben, lässt sich der Kerl behandeln und kommt dann zurück, das dann auch noch in entscheidender Manier. Ich möchte an dieser Stelle nicht Andreas Zachhuber vergessen. Was er motivationstechnisch mit der Manschaft angestellt hat, muss an dieser Stelle ebenfalls  Erwähnung finden.

Gab es damals nicht groteskerweise einen Vorfall zwischen Majak und Zachhuber?
Ja, der lag jedoch einige Wochen zurück. Majak wurde damals in Frankfurt ein- und ausgewechselt. Dann war er so sauer, dass er mit einem Trainingshütchen nach dem Trainer geworfen hat. In Journalistenkreisen waren wir uns alle einig, dass er kein Spiel mehr unter Zachhuber bestreiten würde. Zum Glück, wurden wir eines Besseren belehrt.

Als das Spiel in die entscheidende Phase ging, wurdest du ja sehr emotional. Hast Du damals noch überlegt was Du sagst, oder war die Contenance längst komplett verloren?
Ich habe einfach das gemacht, für das ich bezahlt werde. Meine Aufgabe ist es ja Emotionen zu transportieren und dem Zuhörer zu schildern, was genau in diesem Augenblick abgeht. Ich glaube, das ist mir auch ohne Contenance ganz gut gelungen. Wobei ich dazu sagen muss, es ist das Glück jedes Reporters, bei einem Tor live drauf zu sein.

Wie lief die Zeit nach dem Spiel ab. Gab es direkt auf der Pressetribüne das Klassenerhaltsbierchen?
Nein, das gab es aus zweierlei Gründen nicht. Zum einen, weil die ganze Schnitt- und Nacharbeit noch wartete, zum anderen weil ich keinen Alkohol trinke.

Du warst also an diesem wundersamen Tag abstinent?
Nicht ganz. Obwohl ich eigentlich Nichtraucher bin, gab es gemeinsam mit dem erschöpften Manfred Wimmer eine dicke Zigarre im Kabinentrakt. Da ich wie gesagt kein Raucher bin, war die Zigarre aus sicherlich bekannten Gründen mit Vorsicht zu genießen.

Gab es trotz vollständigen Bewusstseins die EINE Bochum-Anekdote aus Deiner Sicht?
Ja, die gab es. Ich wusste nämlich zum Zeitpunkt des Majak-Kopfballs nicht, dass er auf dem Platz stand. Mir war seine Auswechslung einfach entgangen, er war mir bis zum Treffer auch nicht weiter aufgefallen. Da musste ich wirklich schmunzeln. Der Majak kam im meisten Sinne des Wortes unerwartet.

Wie würdest Du deine „Bochum-Reportage“ in deinem Reporterleben einordnen?
Was ist das für eine Frage? Natürlich, war Bochum DER Höhepunkt. So etwas Ähnliches habe ich nur nochmal in Cottbus erlebt, als der Domenic Peitz in der Nachspielzeit zur Stelle war und längst verflossene Hoffnungen auf den Klassenerhalt neu nährte. Meine Jobs bei Handball-Nationalspielen und der Volleyball-WM waren ebenfalls sehr attraktiv, aber nichts kam an diesem einen Tag im Mai heran.

Wirst du noch Heute als Privatmensch mit Bochum konfrontiert?
Ja, immer wenn sich der 29. Mai nähert, gleiten viele Gespräche in diese Richtung ab. Dabei ist das Beste, das sich jeder an das erinnern kann, was er während der Schlussphase in Bochum gemacht hat. Das ist super interessant. Was hast Du damals eigentlich gemacht?

Ich hatte mit sechs Jahren endlich die Windeln hinter mir gelassen und war auf einem sehr provinziellen Sommerfest. Als die letzten Minuten anbrachen, standen beide Karussells still und alles lauschte den Radios aus Bratwurst- und Frittenbude entgegen. Als das Ding gewuppt war, sangen dann bierselige alte Männer Hansa-Hymnen. Das war schon einmalig.
Eben.

Zum Abschluss noch eine Frage:  Oli, wir sind ja eigentlich nicht bei „wünsch dir was“. Aber welchen Bochum-Held würdest du sofort  zurück nach Rostock lotsen.
Einen Martin Pieckenhagen würde der aktuellen Mannschaft als Typ unwahrscheinlich gut zu Gesicht stehen. Da ich aber der Meinung bin, dass wir kein Torwartproblem haben, würde ich mich für Oliver Neuville entscheiden. Ein super Kicker, der sich aber immer so mannschaftsdienlich verhalten hat, dazu ein Vorbild in Sachen Bescheidenheit. Ein Sportsmann, frei von Attitüden, dafür aber mit umso mehr Einsatz und Klasse.

Hannes Hilbrecht

Hannes Hilbrecht schreibt und schrieb nebenbei für ZEIT ONLINE, NDR.de und den Berliner Tagesspiegel. Füllt ein Marketing-Magazin mit Liebe (GrowSmarter.de) Und er liest eine spannende Case Story genauso gerne wie den neuen Roman von Ralf Rothmann.