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Frank Pagelsdorf im BLOG-TRIFFT-BALL-Interview

Erst Ewald Lienen, nun Frank Pagelsdorf. BLOG-TRIFFT-BALL lenkt sich mit den alten Helden des Rostocker Fußballs von der Hansa-Misere ab. Das Ergebnis: Auch der doppelte Aufstiegsheld ist besorgt – und hat seine Karriere mitnichten beendet. Sein letztes Trainerziel benennt er übrigens auch.

Herr Pagelsdorf, haben Sie den FC Hansa in der Drittliga-Tabelle eigentlich schon gefunden oder suchen Sie noch?
Ich habe alle drei obersten Ligen intensiv im Blick, schaue mir von der ersten bis zur dritten Liga vieles an und beobachte demnach auch die Entwicklung des FC Hansa sehr fokussiert.

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Spaß beiseite. Uns geht die Situation ja nahe. Ihnen auch?
Natürlich. Es ist schade und traurig, wie sich die sportliche Situation zurzeit beim FC Hansa gestaltet.  Der Verein weist eine große Geschichte auf, besitzt viel Tradition. Zehn Jahre Bundesliga am Stück  – das war und ist noch heute eine Hausnummer.

Es ist ja auch ein Stück Lebenswerk von Ihnen.
Richtig. Deshalb interessiert es mich auch sehr, wie sich die Lage entwickelt. Ich beobachte es mit Sorge.

Wann haben Sie das letzte Mal ein Spiel über neunzig Minuten gesehen?
Vor etwa einem Jahr. Ich habe aber vor, noch in dieser Saison ein Spiel zu besuchen und mal wieder vorbeizuschauen. Ich bin ja noch immer mit Andreas Zachuber befreundet, der ja jüngst in den Aufsichtsrat aufgerückt ist.

Haben Sie eigentlich noch Kontakt zu Timo Lange, ihrem anderen Co-Trainer?
Nein, der ist leider ziemlich zusammengefallen. Leider, weil ich sehr große Stücke auf ihn halte und er ein richtig guter  Co-Trainer mit Potenzial unter mir war. Andreas Zachuber übrigens auch. An guten Assistenten hat es mir in Rostock nie gemangelt, so viel ist klar.

Wie beurteilen Sie denn die Lage in Rostock. Woran liegt es?
Ich denke, es liegt an den wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. Die waren in Rostock schon immer überschaubar, da es schwer ist, ohne dem großen Geldgeber im Hintergrund langfristig etwas aufzubauen. Man sieht es ja in der 2. Liga, wo viele Clubs mittlerweile auf einen ganz besonders engagierten Sponsor bauen.

Wieso findet sich sowas in Rostock nicht? Die Marke ist doch, wenn auch verblichen, noch immer vorhanden.
Das ist eine gute Frage. Und sie haben Recht. Ich halte den Verein nämlich auch für vermarktbar.

Ist der Mecklenburger vielleicht einfach zu träge? Ich meine, zu den Heimspielen kommen in Rostock 10000 Fans, wenn es passabel läuft. In Dresden sind bei jedem Spiel mindestens doppelt so viele Zuschauer im Stadion.
Das ist in der Tat ein Fakt, der schwer zu erklären ist. Dennoch gehört der Verein ganz sicher unter die Top 5 der dritten Liga, was den Zuschauerspruch angeht. Obwohl es tabellarisch nicht gut aussieht. Das zeugt doch von Leben und Potenzial. Und träge ist der Mecklenburger ganz bestimmt nicht.

Liegt es dann an den handelnden Personen?
Ich bin kein Freund von Ferndiagnosen. Ich kenne nur noch wenige Personen aus dem Vereinsumfeld und kann daher lediglich aus der Distanz Bewertungen vornehmen. Deshalb verbiete ich mir eine öffentliche Analyse.

Apropos Ferndiagnosen: In Rostock gab es zuletzt Schlagzeilen, weil der aktuelle Trainer seinen Vorgänger in die Kritik nahm und einen Teil seiner Verantwortung für die schlechte Situation einfach abschob. Wurde da von den Medien überreagiert, sollte Kritik unter Kollegen nicht einfach erlaubt sein?
Ich finde, man sollte das nicht tun. Ratsam ist es, sich diplomatisch gegenüber den Vorgängern  zu verhalten. Außerdem: lamentieren und nach Schuldigen suchen, löst ja nicht das eigentliche Problem.

Bewegt es Sie eigentlich, dass ganz viele Hansa-Fans an Ihre Person denken, wenn es an der Ostsee sportlich schlecht läuft? Es gibt sogar Anhänger, die ganz offen sagen: „Wir wollen Pagel zurück“.
Ich bekomme zuletzt häufiger Mails von Rostockern, die mir ihren Unmut und die gesammelte Enttäuschung mitteilen. Neulich im Flugzeug wurde ich angesprochen, und die Leute meinten: „Mit Ihnen war es am schönsten in Rostock“. Natürlich freue ich mich darüber, dass man mich in Rostock nicht vergessen hat. Ich erinnere mich ja auch gerne an die alten Zeiten.

Würden Sie ans Telefon gehen, wenn ein Hansa-Verantwortlicher anrufen würde?
Wenn sie mich denn erreichen.

Wo treiben Sie sich denn momentan so rum?
Momentan pendel ich viel, fliege häufig zwischen Florida und Hamburg umher. Deshalb ist es schwer, wie Sie ja selbst merkten, mich an den Hörer zu bekommen.

Sind Sie denn noch Fußballtrainer, oder ist die Karriere schon offiziell beendet?
Nein, das ist sie nicht. Ich bin nach wie vor Trainer und könnte unter Umständen durchaus die Lust entwickeln, mit einer Mannschaft zu arbeiten.

Ich möchte den Gedanken einer Wiederkehr noch einmal weiterspinnen – könnte man Sie auch als Aufsichtsrat oder Berater gewinnen?
Nein, als Aufsichtsrat definitiv nicht. Ich möchte, wenn ich irgendwo gebraucht werde, etwas bewegen und nicht dabei zuschauen, wie jemand versucht voranzukommen. Um etwas sportlich leisten zu können, muss man am Steuer stehen. Das ist mein Anspruch.

Was treibt Sie denn noch sportlich umher. Was will ein Frank Pagelsdorf noch erreichen, was steht noch auf dem Zettel?
Ich möchte noch einmal eine Mannschaft in den Bundesligafußball führen. Das will ich noch einmal schaffen.

Gibt’s dafür einen Wunschklub?
(Pagelsdorf lacht). Nein.

Man kann’s ja mal versuchen. Vielen Dank für das Gespräch, Herr Pagelsdorf.

Hannes Hilbrecht

Wenn Hannes Hilbrecht nicht mittwochabends im Studentenkeller Moscow Mule trinkt, schreibt er für u.a. für ZEIT ONLINE, BLOG-TRIFFT-BALL oder seine HERMES-Bundesliga-Kolumne. Ab September ist sein Blog onewaytoseattle.com online. Sein Ziel: Auswandern in die schönste Stadt der Welt. Die ersten Schnipsel aus seinem ersten Roman-Projekt „W“ gibt es gratis dazu.