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Hansa Rostock: Mehr Mate & Marteria für Hansa

15.000 Rostocker sind Studenten. Viele von ihnen sind sportinteressiert. Doch nur ein paar Hundert pilgern noch zu den Heimspielen des FC Hansa. BLOG-TRIFFT-BALL ging auf Spurensuche, hörte sich in der Stadt und auf dem Campus um, fragte ins Jungvolk: (Warum) ist Hansa ziemlich out?

 

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Ein Tartanplatz in Rostock. Nicht weit weg vom Zentrum, nahe an einer Schule gelegen, dort platziert, wo sich Kneipen und Pubs aneinanderreihen, wo sich fast schon traditionelle Studenten-WGs in den engen Gassen tummeln. Die Kröpeliner-Tor-Vorstadt, seit geraumer Zeit unter den ersten Symptomen der Gentrifizierung triefend, ist das Mekka der Rostocker Studenten. Einige trainieren hier für die Studentenliga, die in dieser Woche startet. Tragen Hosen und vorwiegend Trikots ihrer Heimatvereine, bezahlen die erste und meistens einzige Grätsche mit Schorf.

Sie alle sprechen über Fußball, teilen ihre Sorgen und Nöte – ob Van der Vaart verkauft werden sollte oder dass Lassoga im letzten Jahr ja mehr drauf gehabt hätte. Vom HSV, über Energie Cottbus bis Werder Bremen sind viele Klubs dabei. Sie verabreden sich vor dem „ST“ am Dienstag und dem Keller am Mittwoch für gemeinsame Fußballabende. Trinken zur Champions-League am liebsten M&O.

Alle schwärmen sie von der Stadt –
Aber „zu Hansa gehen wir nicht“

Die Mensa, die mehrfach goldene Auszeichnungen am Eingang aushängt, das maritime Flair – die einladenden Mauern der Innenstadt. Das Nachtleben in den Rostocker Studenten-Establishments. Die Ostseestadt liefert reichlich fürs Studentenvolk.

Jedoch, „zum FC Hansa gehen wir nicht“, erzählt einer der Kickenden auf dem Tartanplatz.

Es ist eine Aussage, die viele andere Gesichter wiederholen. Ob in der Mensa im kurzen Smalltalk bei der Geschirrablage, auf gemeinsamen Metern über dem feuchten Boden der Lindenpark-Runde, beim Bier in der Happy-Hour. Über Fußball unterhält man sich in Rostock nicht nur auf den Plätzen, sondern überall kann man reinhören. Sich in Gesprächen reinklinken, im Hörsaal nuscheln. Den FC Hansa erwähnen dabei nur wenige, wenn es um den Fußballsport geht.

Joshua, der Fußballer mit dem Hang zur Streicheleinheit am Ball, spricht dabei ungewollt für viele Alters- und Studienklassen. Erklärt, warum die Hansa-Kogge bei ihm und vielen anderen kaum ein Thema ist: „Man hört ständig schlechte Dinge, wie Meldungen über Ausschreitungen. Es ist nicht attraktiv, zu Hansa zu gehen, es gibt hier nicht diese Stimmung – am Samstag ist Hansa-Zeit.“

Der Tenor in unserer Umfrage ist oft derselbe: Der FC Hansa ist nicht „cool“ genug für weite Teile der auswärtigen Studentenschafft. Weniger sportlich, sondern mehr wegen des Immage-Problems, wie oft nachdrücklich betont wird.

Dabei kommen diese Gesprächsergebnisse nicht sonderlich überraschend. Der Blick in die Fan-Reihen zeigt meistens ein bekanntes Bild. Viele Erwachsene, viele Ergraute und dank der erfolgreichen „Freikarten-Aktion“ auch eine hohe Anzahl von Kindern. Wirklich studentisch, oder durch „Eventfans“ entfremdet, wirkt die Kulisse in der DKB-Arena nicht. Ein kerniges Publikum das von Grundschule bis betreutem Wohnen mosert, flucht – vor allem aber verzweifelt liebt.

Es ist das letzte Aufgebot samt Nachwuchs, das sich wohl auch bis zum bitteren Ende in der Weite der schmucken Arena echauffieren würde. „Die, die jetzt noch da sind,  würden auch in der sechsten Liga zu den Spielen gehen“, formulierte ein Kollege in Anbetracht der 6700 Gäste vom Duisburg-Spiel. Geirrt hatte er sich nicht, gegen Unterhaching kamen 6500.

Doch tatenlos ist der FC Hansa nicht, unterhält er doch seit Jahren eine Kooperation mit der Universität Rostock und demonstriert bei Veranstaltungen wie dem alljährlichen „Campus Tag“ Präsenz. Bemüht sich unter hohem  Einsatz um neue Fans. Gegen die Hachinger, die nicht unbedingt als kompatibles  Synonym zum Zuschauergaranten gelten, gingen die Rostocker wie in den vergangenen Jahren zum Studienbeginn in die Offensive, offerierten zum Semesterstart den Sparpreis: für 11 Euro gab’s einen Sitzplatz auf der Ost. Zu einem günstigen Zeitpunkt im Monat, wo Nudeln und Ketchup-Faschen meistens noch unberührt im Billy-Regal stehen, ein verlockendes Angebot.

200 Studenten schlugen letztendlich zu, wie FCH-Pressesprecher Lorenz Kubitz gegenüber BLOG-TRIFFT-BALL mitteilte: „Für uns vom FC Hansa ist das schon ein Stück Tradition, die wir seit einigen Jahren pflegen. Insgesamt haben wir 200 Karten für die Studis verkauft.“ Der Medienfachmann ergänzt: „Übrigens bieten wir auch im Stehplatzbereich einen dauerhaften Studenten-Rabatt an.“

Eine Zahl, die nicht schlecht aussieht, aber doch eher durchschnittlich ausfiel. Schließlich studieren in Rostock derzeit 15.000 Studenten, jedes Jahr kommt ein geballter Schwall dazu – einige werden irgendwann sesshaft. Viele sind fußballinteressiert, und die WM vermochte es mit ihrem rauschenden Abgang, erstaunlich viele Deutschland-Trikots auf die Sportplätze der Stadt zu spülen. Und den FC Hansa Rostock kennen auch die meisten – „ein spannender Verein sei das mal gewesen“, erzählt zum Beispiel Jan, der Torhüter. Breit in den Schultern, hoch aufgeschossen. „Ich war sogar zweimal da. Gegen Bayern und Wolfsburg. Das hat Spaß gemacht – da war man erst gegen die Bayern, dann aber irgendwann für Hansa.“ Gemeint ist die A-Jugend-Finalrunde im letzten Jahr, als der Verein selbst überrascht schien, wie groß die Kulisse wurde, und sich beim ersten U19-Spiel in der großen Arena mit einer echten Herausforderung konfrontiert sah.

Es sind die Rückblicke, die zeigen, wie viel Stimmungspotenzial noch in der Stadt, im Umkreis schlummert. 18.000 im A-Jugendfinale, 29.000 beim Benefizkick gegen Bayern. Das kantige Stadion zieht noch immer – wenn die Rahmenbedingungen stimmen. Wenn der Klub positiv wahrgenommen wird – oder der Gegner genügend Renommee besitzt. Die Ergebnisse spielen zwar auch eine Hauptrolle, aber eben kein Solistenstück. Der Erfolgsfan, die Persona non grata für den fundamentalistischen Anhang – in der Kurve verpönt, als Karten- und Bratwurstkonsument für klamme Vereine unabkömmlich.

„Ich würde es gar nicht an der Studentenschaft festmachen“, erzählt ein Kommilitone nach einer Mittelalter-Vorlesung am Dienstagmittag. An seiner Federtasche pinnen Buttons vom FC Hansa, aber auch der Ruhrpott ist vertreten und ziert mit markigen Worten die abgenutzte Federtasche. Er ist schon etwas älter, wohl spät im Studium, der Bart schreit „fast dreißig.“ „Als zweiten Anlauf“ ummantelt er seinen aufgenommen Geschichts-Bachelor wenig charmant. Dann aber bringt er einen interessanten Gedanken auf den Punkt: „Hansa ist für viele nicht gleich Rostock. Der Verein besitzt nicht das entspannte Feeling der Stadt“, so der Student, der sich nach eigenen Angaben vor drei Jahren, beim Spiel gegen Dynamo Dresden im Aufstiegsjahr, doch ein wenig in den Klub verguckt hatte.

Komplett „hansabefreit“ ist die Uni also nicht. Und auch andere Bilder zaubern ein kleines blau-weiß-rotes Lächeln. Wie ein Dostojewski-Leser mit Hansa-Mütze in der Straßenbahn, dessen „Ersti-Beutel“ zwischen den Beinen wippt, oder noch ein Kommilitone von der „Süd“, der nicht müde wird, für den Verein zu werben. Sie sind nur wenige Beispiele –  kommen aber in den meisten Fällen aus Doberan, Stralsund oder Kröpelin.

Den einen großen Hoffnungsschimmer gibt es dann aber doch. In diesem Falle sogar vom weiblichen Geschlecht präsentiert. „Zu Hansa, da muss ich mal hin“, sagt sie leicht aufgeregt, die Stimme vom Nikotin gezerrt, vielleicht ist sie aber auch nur ziemlich betrunken: „Da sieht man doch bestimmt mal Marteria, oder?“, fragt sie, längst wieder in ihr Ausnüchterungs-Mate starrend.

All diese Meinungen lassen nur ein Fazit zu: Der FC Hansa braucht dringend mehr Mate. Und (noch) mehr Marteria-Flair.

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Hannes Hilbrecht

Hannes Hilbrecht schreibt und schrieb nebenbei für ZEIT ONLINE, NDR.de und den Berliner Tagesspiegel. Füllt ein Marketing-Magazin mit Liebe (GrowSmarter.de) Und er liest eine spannende Case Story genauso gerne wie den neuen Roman von Ralf Rothmann.