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Danke Marteria! Danke Campino!

BTB-Autor Hannes Hilbrecht ist Hosen-Fan. Als Jugendlicher trug er den berühmten Kapuzenpullover mit dem Totenkopfadler, das Familiendomizil wurde mit „Bonnie und Clyde“ und „Paradies“ beschallt. Hannes ist Hansa-Anhänger, seitdem er fähig war, die Ergebnisse in der Zeitung zu lesen. Nun kommt Campino als Benefiz-Spieler in die Arena, um den FC Hansa zu helfen. Ein großartiges Zeichen – nicht nur für den FC Hansa.

Damals roch es abends um elf so, wie ich es mir bei einem Rockkonzert unter geschlossenem Dach vorgestellt hatte. Diese Geruchsmischung aus am Boden klebenden Bier und Schweiß, der irgendwann seinen eigenen Dunst über die ersten Reihen der pogenden Meute ausbreitete.

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Es war mein erstes richtiges Konzert, und es war mein erstes „Aufeinandertreffen“ mit Campino. Der Kerl, der dafür sorgte, dass ich mein politisches Ich langsam erkannte. Der indirekt zum kleinen Schrecken einer schwarzen Familien-Dynastie wurde.

Ich erinnere mich gut an das Konzert in der Rostocker Stadthalle. An Madelaine aus Lüdenscheid und die Gesänge des Publikums, die auf einen der  Klassiker der typischen Hosen-Folklore folgten. Die man in Zeiten wie diesen eigentlich an jedem Abend hören möchte. An das „Wort zum Sonntag“, welches nur selten auf normalen Konzerten gespielt wird, an diesem Freitag aber den gut sechstausend Zuhörern geboten wurde. An die Ansage zum Lied, die den Kult-Song „Bayern“ ein etwas längeres Intro bescherte.

Campino, der offenbar einen Wikipedia-Beitrag über Rostock studiert hatte, referierte von katastrophalen Ereignissen der Stadtgeschichte. Von üblen Sumpffiebern bis Stadtbränden. Dann fragte er, die Hände ums Stativ geklammert, ins Mikro: „Wird Rostock es schaffen?“

Gemeint war damit der FC Hansa Rostock. Im Mai 2009 spielte der Verein noch zweite Liga und kämpfte um den Klassenerhalt, das letzte Spiel der regulären Saison stand nur zwei Nächte nach dem Freitags-Konzert am Sonntag an. Rostock sprang damals noch einmal von der Abstiegs-Schippe, entging  noch einmal der Katastrophe, die den Klub im Folgejahr einholen sollte.

Campino führte damals aber noch weiter aus. Er sprach über Hansa und Fortuna Düsseldorf, vom ewigem Kampf  der Kleinen gegen die Großen. Irgendwann hatte er den FC Bayern und die in Mexiko grassierende Schweinegrippe in einem Pott geworfen. Die Halle johlte, sang dem Ende des Konzertes noch ein wenig beschwipster entgegen.

Die Toten Hosen und der Fußball hatten mich schon vor dem 15. Mai 2009 fasziniert. Dem Herzensverein einen Spieler finanzieren, wie damals Anthony Baffoe? Oder ihn per Brustsponsoring gleich komplett in Eigenregie retten? Das hatten nur die Hosen drauf – das hatte vor allem Campino im Köcher. Dessen Bein nach einem Champions-League-Abend schon einmal am einbetonierten Mülleimer zerschellt war, als er den Frust einer Liverpool-Niederlage einfach wegtreten wollte.

Campino, der ab und an mit Fortuna Düsseldorf auf Auswärtsfahrten geht, einige Dramen live im Gästeblock verfolgte, ist ein Heißblutfan. Der integer ist, was seine Ansichten anbelangt. Der klar zu seinen beiden Vereinen und seiner englischen Nationalmannschaft steht.

Nun kommt dieser natürlich nicht nur aus blankem Altruismus zum Benefizspiel zwischen der → Beinlich – und Marteria-Elf. Campino ist mit dem Rostocker Sänger seit einigen Jahren bestens befreundet. So sehr, dass der erfolgreiche Rapper aus Mecklenburg die „la famila“ bei der Verkündung der Campino-Zusage auf seiner Facebook-Seite beschwor.

Der derzeit erfolgsreichste deutsche Rocker leistet am 29. März also einen Freundschafts-Dienst ab. Für seinen Kumpel, der um den Fortbestand seines Herzensvereins bangen muss. Man könnte es so stehen lassen. Und die Phrase wiederholen, die man zurzeit in Dauerschleife vom Band abspielen möchte: Danke, Marten. Danke, für jeden Tag deines Engagements für Verein und Stadt!

Ich belasse es aber nicht dabei. Ich sage auch: Danke, Campino!

Weil es mehr ist, als eine Zusage. Sondern ein Zeichen.

Es ist noch besonderer als die Agreements  alter Fußballlegenden, die an diesem Tag ebenso helfen werden. Weil in diesem Fall kein trikotwechselnder Berufskicker kommt, der zweifellos viel geleistet hat, sondern ein Fan einer anderen Mannschaft. Jemand, der eigentlich einen anderen Verein liebt, verteidigt, bejubelt und beweint.

Es ist ein Ausdruck dafür, dass der Empathie-Kosmos im Fußball nicht zwingend nach dem eigenem Vereinsemblem aufhören muss. Wie bitter nötig so ein Zeichen ist, bewiesen vereinzelte „Fan“-Reaktionen auf die Düsseldorfer Personalie. „Der soll nicht kommen, der ist nicht Hansa-Fan“, „Mag der nicht ein bisschen St. Pauli?“ oder am „besten“: „Ich bin zwar tolerant – aber das geht mir dann doch zu weit“, hieß es in einigen Kommentar-Spalten.

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Ganz unabhängig von Rostock ist dieser Trend, den einige angebliche Verteidiger der „Fan-Kultur“ beschwören, registrierbar. Fan-Lager, die vor Jahren noch gemeinsam am Bierstand ihre Becher wegflankten, provozieren sich mittlerweile unter Gewaltandrohungen oder prügeln sich im Vollrausch die Nasen wund. Im Süden, Westen, Norden und Osten des Landes. In Europa. Gefühlt überall.

Der Begriff „Hochsicherheitsspiel“ befremdet deshalb kaum noch, man hat sich mittlerweile  damit arrangiert. Gewöhnt daran, dass Teile von Gruppierungen, die für sich die Deutungshoheit über das „Fan-Sein“ beanspruchen wollen und andere Anhänger gerne als „Eventfans“ diffamieren, einen Sport zusehends entzweien, der eigentlich alle miteinander verbinden könnte.

Die Zusage Campinos, der als Musterbeispiel eines Heißblutfans gelten kann, und das Spiel als Solches stehen diesem Trend schon einmal erfreulich entgegen.

Und sollte eine Frage aufwerfen: Würden auch wir einem Freund in der Not um seinen Verein helfen? Unabhängig vom Namen des zu rettenden Klubs?

Ein „Ja“ wäre  sicherlich nicht gleichbedeutend mit einem Symptom für eine Entfremdung vom eigenen Verein. Im Gegenteil: Es wäre der Beleg für die wahre Liebe zum Fußball und allem was dazu gehört. Gegenseitiger Respekt, Toleranz und Freundschaft.

Foto: „Campino at the Echo music award 2013“ von AvdaEigenes Werk.
Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 über Wikimedia Commons.
Hannes Hilbrecht

Wenn Hannes Hilbrecht nicht mittwochabends im Studentenkeller Moscow Mule trinkt, schreibt er für u.a. für ZEIT ONLINE, BLOG-TRIFFT-BALL oder seine HERMES-Bundesliga-Kolumne. Ab September ist sein Blog onewaytoseattle.com online. Sein Ziel: Auswandern in die schönste Stadt der Welt. Die ersten Schnipsel aus seinem ersten Roman-Projekt „W“ gibt es gratis dazu.