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Henrik Titze: „Der Schuss hatte mächtig Zug drauf!“

Egal was in dieser Oberliga-Saison noch passiert, das Tor des Jahres gehört Henrik Titze. Der Torwart, im Dienst des TSV Buchholz 08, zirkelte am vergangenen Wochenende Sekunden vor dem Schlusspfiff einen Freistoß ins Netz (Video oben) und sicherte seinem Team ein Remis. Nach dem ansehnlichen Treffer und dem Höhepunkt der Spielzeit konnten wir nicht anders und mussten ein sattes 24-Fragen-Interview mit dem Freistoßspezialisten in Handschuhen fabrizieren.

Foto: privat/noveski.com

Herr Titze, wie kommt es, dass Sie in der Nachspielzeit einen Freistoß schießen und treffen.

Einige Tage vor dem Spiel gegen Halstenbek-Rellingen standen wir in einem Testspiel vor einer ähnlichen Situation. Mein Trainer, der im Übrigen auch mein Vater ist, rief mich nach vorne und sagte, dass ich den Freistoß schießen solle. Dann sah ich allerdings, dass sich die Mauer in der Zwischenzeit neupositioniert hatte. Deshalb überließ ich meinen Teamkollegen den Schuss, der dann auch nur knapp am gegnerischen Keeper scheiterte. Als sich am Wochenende gegen HR eine ähnliche Situation ergab, bin ich aus eigener Intuition, noch bevor mein Vater wieder rufen konnte, nach vorn gelaufen. Dann habe ich einfach geschossen und getroffen.

Wie kommt Ihr Vater auf die Idee, den Torwart zum Freistoß zu schicken?

Er wird in all den Jahren mitbekommen haben, dass ich sehr gut schießen kann. Wenn im Training mal Zeit ist, dann übe ich immer auf das leere Tor. Mir macht das Freude und mit der Zeit habe ich mir ein paar gute Freistöße antrainiert.

Mit Arne Gillich gibt es aber bereits einen echten Freistoßexperten in Buchholz.

Ja, und er hat auch schon einige tolle Tore auf diese Weise erzielt. In der Regel gelingt ihm das aber bevorzugt aus der halbrechten Position, da er einen starken linken Fuß besitzt. Auf der anderen Seite, also halblinks, läuft es dagegen nicht so gut. Und da ich mit dem rechten Fuß abschließe, lag es gar nicht so fern, dass ich das übernehme. Auch weil wir einige Tage zuvor bereits kurz davor waren, es auszuprobieren.

War das Ihr erster Freistoßtreffer?

Als Torhüter ja. In einem Testspiel habe ich aber mal als Feldspieler ausgeholfen, weil viele Jungs im Urlaub oder angeschlagen waren. Da habe ich schon mal einen Freistoß getreten und gleich verwandelt.

Ab wann wussten Sie, dass dieser Freistoß passen könnte?

Es ist schwer, in diesen Sekunden groß zu denken. Viel Zeit bleibt ja nicht. Ich weiß noch, dass mein Gefühl anfags gar nicht so gut war. Ich war der Meinung, dass ich den Ball nicht perfekt erwischt hatte. Als ich jedoch sah, dass er es über die Mauer schaffen würde, dachte ich mir schnell, dass es gefährlich wird. Aber wie gesagt, so schnell muss man erst einmal mitdenken.

War es denn ein Torhüterfehler? Sie können es ja einschätzen.

Ich würde nicht von einem Fehler sprechen. Wenn ein Freistoß gut getreten wird und in die lange Ecke aus Sicht des Torhüters fliegt, dann hat man kaum eine Chance. Deshalb spekulieren viele Torhüter auf die Gefahr hin, ihre Torhüterecke zu früh zu verlassen. Ich selber mach es eher selten, da es ziemlich blöd aussieht, wenn der Ball dort einschlägt, wo man Augenblicke vorher noch stand.

Also ein unhaltbarer Ball?

Der Schuss hatte mächtig Zug drauf, dass muss ich mir an dieser Stelle zugestehen. Er war zwar nicht perfekt platziert, aber aufgrund des Tempos nur schwer zu halten. Der Torwart hat ihn ja noch berührt, konnte ihn aber nicht ganz abwehren.

Was dachten Sie sich denn vor dem Freistoß. Druck oder die pure Freude, den Trainingseifer belohnen zu können?

Ganz ehrlich? Ich war beeindruckt, wie hoch so eine Mauer sein kann. Der Blickwinkel ist ein komplett anderer als sonst. Und dann dachte ich, dass es zumindest gefährlich werden sollte. Ein Ball in den Himmel oder ein Schuss in die Mauer – das wäre unglücklich bis peinlich gewesen. Druck habe ich also schon verspürt.

Wie hat es der Gegner aufgenommen? Gab es faire Gratulationen?

Aufgrund der Kabinenlage auf dem Gelände und der Tatsache, dass das Spiel nicht wieder angepfiffen wurde, sind die meisten HR-Spieler direkt in die Kabine. Um mich zu beglückwünschen, hätten sie noch einmal den kompletten Platz überqueren müssen, da ich nach dem Jubel direkt ins Tor geeilt war. Deshalb haben drei, vielleicht vier Spieler direkt nach der Partie gratuliert. Aber das war sehr nett und ist auch völlig ausreichend.

Was wurde Ihnen gesagt?

Der Spieler Jan-Marc Schneider, der das 1:0 für Halstenbek gemacht hatte, fragte immer wieder mit einem Lächeln, was das nun solle und warum ich das getan hätte. Es war amüsant und wirklich sehr fair.

Sie sprachen es ja gleich zu Beginn an. Ihr Vater ist gleichzeitig der Trainer. Wie lief der erste Kontakt nach dem Tor zu ihm ab?

Wir haben uns innig umarmt, dann sagte er, dass ich aber schnell zurück ins Tor müsse. Es war ein ganz besonderer Moment. Nach all den Jahren als Trainer in Buchholz hört mein Vater nämlich zum Saisonende auf, es sind seine letzten Spiele an der Seitenlinie. Vor ihm als Trainer und Vater so ein Tor zu machen, war für uns beide sehr emotional.

Gab es denn ein kräftiges Lob? Manche Väter sträuben sich ja dagegen, ihre Söhne öffentlich zu loben?

So muss es auch sein. Als Sohn des Trainers ist es schon etwas Anderes. Ab und an dringt das Gefühl, ein bisschen zurückstecken zu müssen, was die Lobpreisungen betrifft, schon durch. Ich konnte das aber immer nachvollziehen und völlig verstehen. Am Sonntag dagegen gab es mehr als genug Zuspruch und eine lange wie intensive Umarmung. Von der ganzen Familie übrigens. Mein Bruder spielt ebenfalls in meiner Mannschaft, und auch meine Mutter hatte live vor Ort zugesehen.

Das klingt alles nach einen besonderen Nachmittag. Dabei kennen Sie sich mit dem Toreschießen aus. Sie sind immerhin gesetzter Elfmeterschütze. Wie kam das zustande?

Wir hatten vor eineinhalb Jahren eine schlechte Phase mit den Elfmetern. Wir verschossen erst einen, im Spiel danach gleich noch den zweiten und dritten hintereinander. Dann gab es aber noch einen dritten Elfmeter im gleichen Spiel, und da unsere Stammschützen aufgrund der Fehlschüsse ausschieden, durfte ich ran. Immerhin hatte ich mich häufiger im Elfmeterschießen als stabil vom Punkt erwiesen. Da ich sicher traf, wurde ich danach zum Schützen bestimmt.

Gibt es den viel beschworenen Vorteil eines Torhüters beim Ausführen eines Elfmeters?

Wenn es ihn denn gäbe, habe ich ihn wohl noch nicht erkannt.

 Ist Ihnen schon einmal ein Malheur wie damals Jörg Butt auch Schalke passiert?

Ich erinnere mich an die Szene, wo Mike Hanke direkt im Anschluss von der Mittellinie getroffen hat. Bei meinen ersten verwandelten Elfern hatte ich das immer sofort im Hinterkopf und bin direkt zurückgelaufen. Mittlerweile nehme ich mir aber etwas Zeit zum Jubeln mit meinen Kollegen. Ich laufe zwar nicht zur Eckfahne, aber ein paar Umarmungen sind drin. Es hat ja auch nie ein Gegenspieler probiert, mich von der Mittellinie zu düpieren. Was sich jetzt vermutlich  ändern wird. Und wenn es doch passieren sollte, kann sich ja im Normallfall ein Innenverteidiger zurück fallen lassen. Ansonsten bin ich ja auch noch da.

Viele Elfmetertore, ein Freistoß. Fehlt nur noch ein Tor aus dem Spiel heraus.

Das ist ein absolutes Ziel in meiner Torhüterkarriere. Ich will unbedingt mal ein Tor aus dem Spiel heraus erzielen. Das ist mir wichtig, denn vom Kopf her bin ich eigentlich nicht Torhüter, sondern eher Feldspieler.

Wieso stehen Sie dann im Tor?

Unter anderem wegen der Rennerei. Ich bin zu langsam für die Oberliga, mir fehlt die Dynamik und Schnelligkeit. Selbst wenn ich komplett austrainiert wäre, würde mir diese Dinge noch immer fehlen. Das mit der Geschwindigkeit ist für mich so eine Sache, die hat man, oder die hat man nicht. Und mir wurde sie eben nicht mit in die Wiege gelegt.

Und deshalb ging es in den Kasten?

Ja, in der Jugend war ich noch Feldspieler. Aber dann hat sich gezeigt, dass ich auch im Tor ganz gut bin. Damals, als ich bei der ersten in Buchholz mit 17 anfing, habe ich gesagt: Wenn ich in zwei Jahren nicht regelmäßig spiele, wechsele ich wieder auf die Position eines Feldspielers. Das wurde nicht nötig, da ich spielen durfte und wir zudem in die Oberliga aufgestiegen waren.

Was halten Sie eigentlich von Chilavert? Der ehemalige Nationaltorhüter aus Paraguay müsste ja Vorbildstatus bei Ihnen genießen.

Ja klar, den kenne ich ganz gut. Der Torhüter, der nicht nur die Elfer, sondern auch die Freistöße geschossen hat. Und nicht nur die kurz vor Schluss, sondern auch mitten im Spiel. Das war schon beeindruckend. Genauso wie Rogerio Ceni, von dem mir letztens berichtet wurde. Der hat wohl über 100 Tore in seiner Karriere erzielt. Das schaffe ich definitiv nicht mehr.

Waren Sie schon einmal aus dem Spiel nah dran?

Wenn wir noch ein Tor brauchen, dann bin ich in der Nachspielzeit immer mit vorne dabei. Alleine meine Körpergröße – ich bin knapp 2 Meter groß – stiftet Unruhe. Meistens muss der größte Gegenspieler mich decken, weshalb unsere Kopfballexperten mehr Platz bekommen. Zweimal haben wir auch schon getroffen, während ich im gegnerischen Strafraum herumgeisterte.

Nun ist die Frage: Als Amateurtorschütze ins Sportstudio an die ZDF-Torwand oder doch lieber in den Einspieler der Sportschau?

Schwer. Sehr schwierig. Ich denke, beides wäre klasse. An der Torwand zu stehen würde bestimmt riesig Spaß machen. Aber in der Auswahl des „Tor des Monats“ zu sein, wäre noch einmal die absolute Krönung. Ich freue mich ja schon jetzt darüber, dass mich viele Leute anrufen, die Fragen zu dieser Geschichte haben.

Und wird das was, mit dem „Tor des Monats“?

Eher nicht. Dafür war das Tor nicht schön genug, aber man weiß ja.

Wie geht es denn jetzt weiter – der nächste Freistoß gehört Ihnen automatisch?

Damit würde ich nicht rechnen. Wir haben sehr gute Standardschützen und es muss halt alles passen. Hätten wir gegen Halstenbek mit 0:4 zurückgelegen, wäre ich nicht nach vorne gegangen, denn das wäre dann ziemlicher Blödsinn gewesen. Und außerdem muss sich so ein Freistoß aus perfekter Lage erst einmal ergeben. So schnell wird sich das nicht wiederholen.

Bleibt die Frage, wer jetzt einen ausgeben muss. Sie als Torschütze oder ihre Teamkollegen, denen sie ja einen Punkt gerettet haben?

Wir werden uns auf der nächsten Mannschaftsausfahrt alle gegenseitig und bestimmt auch ein paar Getränke mehr ausgeben. Bedanken werde ich mich aber besonders bei meinem Teamkollegen Stephan Rixen, der das alles auf Video festgehalten hat. Er ist zurzeit verletzt, hatte deshalb sein Handy am Mann. Als er sah, dass ich zum Freistoß ging, hat er aus Instinkt raufgehalten. Sollte ich es tatsächlich in die Sportschau oder an die Torwand schaffen, werde ich mich noch einmal besonders revanchieren.

Hannes Hilbrecht

Hannes Hilbrecht schreibt und schrieb nebenbei für ZEIT ONLINE, NDR.de und den Berliner Tagesspiegel. Füllt ein Marketing-Magazin mit Liebe (GrowSmarter.de) Und er liest eine spannende Case Story genauso gerne wie den neuen Roman von Ralf Rothmann.