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Eriks-Analyse_870

Licht an für Westermann, Licht aus für Olic

Im zwölften Heimspiel der Saison bekamen die HSV-Freunde das Programm geboten, was Sie aus den früheren Besuchen kannten: Zuschlagen bis aufs Fleisch – und die Null steht – vor allem vorne. Die einzig logische Folge für Eriks Analyse: Heiko Westermann heizt ein mit From Zero To Hero. Ivica Olic mit From Hero To Zero.

Licht an Westermann

Ich erinnere kaum einen Spieler, der in einer Art und Weise polarisiert, wie Heiko Westermann es gemeinhin pflegt. Seit fünf Jahren existiert im Volkspark eine Art Hassliebe zum Verteidiger mit dem hohen Haaransatz. Bestes Beispiel ist das in Anlehnung an CR7 geschaffene Kürzel HW4, welches auf der Nordtribüne mal mehr, mal weniger spöttisch benutzt wird. Ich erinnere an ein Spiel, in dem ein Hackenpass von Westermann die Kurve zum Gesang von „Jogi Löw, hast du das gesehen“ animierte. Als er gestern in der Nähe des Balles bei einem Freistoß in aussichtsreicher Position stand, wurde euphorisch „Heiko! Heiko!“ angestimmt. Er wird aus Fansicht offensichtlich anders behandelt als ein Djourou oder ein Cleber und hat dadurch immer wieder einen schweren Stand. Westermann steht wie kein Zweiter für beherzte Zweikämpfe und Einsatzwillen, zugleich produziert er gerne mal im Spielaufbau bisweilen haarsträubende Gurken. Mit diversen unerklärlichen wie erschreckenden Patzern in der Verteidigung hat sich Westermann über die Jahre einen Ruf eingehandelt, der ihm stets nacheilt. Bei anderen Spielern würde man sich über die solide Partie freuen, bei Heiko Westermann wird man nicht müde zu betonen, dass er sich heute immerhin keinen Patzer geleistet habe. Heiko Westermann ist wie der Kauf eines Gebrauchtwagens: Du weißt, was du bekommst und was du nicht bekommst. Du weißt, dass er nicht mehr nagelneu ist und es sicher auch viele bessere Wagen gibt. Trotzdem bist du zufrieden, wenn er das liefert, was du dir erhoffst.

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Er ist ein Allrounder, der im Kader des HSV seinesgleichen sucht und je nach Bedarf Außen- oder Innenverteidiger oder im Mittelfeld spielen kann. Wie gut er das jeweils leistet, sei dahingestellt. Gegen Dortmund begann Westermann links hinten und musste nach der Auswechslung in die Innenverteidigung rücken. Nach seiner Nichtberücksichtigung in den letzten Partien sicherlich keine leichte Aufgabe, erst recht nicht gegen Dortmund. Doch Westermann lieferte ab und zwar in dominanter Art und Weise. Er gewann 70 Prozent seiner Zweikämpfe und brachte circa 62 Prozent seiner Pässe zum Mitspieler, angesichts der zu verrichtenden Schwerstarbeit starke Werte. Die Dortmunder beschränkten sich auf eine Vielzahl von langen Bällen, von denen unzählige von Westermann wieder geklärt wurden. Bei aller berechtigter Kritik muss man daher Westermann auch mal Lob zusprechen. Westermann hat es mit derlei Leistungen in der eigenen Hand, auch künftig für sich das Licht einzuschalten. BLOG-TRIFFT-BALL war insgesamt jedoch beinahe erstaunt über die gute Leistung. Ob es clever war von Westermann, die Partie als Grundlage für einen Rundumschlag der Marke „Die können mich am Arsch lecken“ zu nutzen, steht auf einem anderen Blatt Papier. Die bloße Leistung auf dem Spielfeld jedoch war lobenswert und hat für ihn das Licht angeknipst.

Licht aus Olic

Ab der 70. Minute habe ich im Prinzip nur noch durchgehend geflucht. Von Minute zu Minute wurde Olic zusehends schwächer, denn die mehrwöchige Verletzungspause forderte ihren Tribut. Trotzdem beließ Zinnbauer ihn auf dem Feld. Rudnevs wäre die schnellere Option gewesen, Beister die technisch bessere und Lasogga körperlich stärker. Stattdessen betrat van der Vaart das Spielfeld, den Einsatzgrund habe ich bis jetzt immer noch nicht verstanden. Weder ist er der Spieler, um aggressives Pressing zu betreiben, noch kann er schnelle Konter laufen. Das bis dahin schon schlechte Offensivspiel der Hamburger wurde einfach nur noch schlechter. Olic selbst war über die gesamte Partie nichtanwesend. Kein Torschuss, keine Torschussvorlage, 40 Prozent Passquote und 29 Prozent gewonnene Zweikämpfe (bei 55 geführten!). Er machte da weiter, wo er zuletzt aufgehört hat – ineffektiv und als alleinige Spitze hoffnungslos überfordert. Olic rennt für zwei, ist aber ansonsten ein Loch, in dem die Bälle verschwinden. Sein Einsatzeifer schlägt sich in den genannten Statistiken wieder, führt aber auch zu Szenen, in denen einfache Aktionen misslingen und einfachste Pässe ins Nirwana verschwinden.

Im Hamburger Spiel ist Olic derzeit weder eingebunden noch wirkungsvoll und kann daher seine Verpflichtung im Winter bislang nicht rechtfertigen. Sicher ist es schwierig Torgefahr auszustrahlen, wenn die eigene Mannschaft so destruktiv agiert. Ihn wiederholt mit langen Bällen in Kopfballduelle zu verwickeln, wirkt sich zum einen auf die Zweikampfbilanz aus und ist zum anderen einfach sinnbefreit. Nichtsdestotrotz kann Olic die Rolle als einzige nominelle Spitze zumindest Stand jetzt nicht ausfüllen und daher muss künftig entweder seine Aufstellung oder die gesamte taktische Einstellung hinterfragt werden. Warum Zinnbauer ihn trotz klar sichtbarer Erschöpfung bis zum Schluss nicht auswechselte, bleibt unklar. BLOG-TRIFFT-BALL sah gestern einen beherzten Auftritt, der mit dem Bezeichnung „Stets bemüht“ noch glimpflich umschrieben ist. Die wenigen Offensivaktionen, die sich der HSV in solchen Partien genehmigt, machen es dem Stürmer ohne Frage schwer. Spielt der Stürmer schlecht, spielt die Offensive schlecht und umgedreht. Doch Fußball ist bekanntlich keine Mathematik und so ergibt Minus und Minus eben nicht Plus. Licht aus für Olic und den Offensivgeist des HSV.

Erik Griephan