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Tom Hagemann: „Ich ähnle ein bisschen Thomas Müller“

Mit gerade einmal 20 Jahren könnte Tom Hagemann den Preis zum „Tor des Monats“ empfangen. Wir sprachen mit dem gebürtigen Mecklenburger (Strohkirchen nähe Hagenow) über das Tor, seine Perspektive als Dynamo und die Hoffnungen auf den Award.

 

Tom, Du bist für das Tor des Monats nominiert. War es überhaupt dein schönstes Tor in deiner jungen Karriere? Nicht, dass deine persönliche Nummer 3 am Ende als Sieger eingeht.
Ich würde schon sagen, dass es in meine persönliche Top Drei zählt. Ob es wirklich das schönste war, kann ich auf Anhieb gar nicht sagen. Zu Jugendzeiten war nämlich auch der ein oder andere nette Treffer dabei. Aber ja, je länger ich überlege, desto sicherer bin ich mir, das es mein schönstes Tor war.

Du hast per Fallrückzieher getroffen. Schilder mal aus deiner Sicht, wie das passieren konnte.
Wir haben gekontert und die Flanke kam in die Mitte. Eigentlich hatte ich vor, den Ball mit der Brust nach hinten abzulegen. Aber dann ist mir der Ball so hoch weggesprungen, dass ich dachte: Ja, den kannst du jetzt nehmen. Ich muss zur Erklärung auch noch ergänzen, dass ich kurz zuvor einen Fallrückzieher im Training verwandelt habe. Das hat bei meinem Entschluss sicherlich geholfen.

Bist Du denn jemand, der regelmäßig Fallrückzieher im Training übt?
Nein, eigentlich nicht. Ich nehme sie höchstens, wenn es sich anbietet.

Als ich das Tor zum ersten Mal sah, da dachte ich, das ist ja ein kleiner Zlatan Ibrahimovic.
Ibrahimovic ist ja eh ein besonderer Fußballer, der auch durch sein Verhalten auf dem Platz auffällt und viele tolle Tore schießt.

hagemann_2_870Du klingst nicht allzu begeistert. Mit welchem Spieler würdest Du dich dann vergleichen?
Ich finde, ich ähnle von meiner Spielweise her ein bisschen Thomas Müller. Der große Einsatz und oft die richtigen Entscheidungen mit dem nötigen Glück, einfach richtig zu stehen.

Schaut man sich das Wettbewerberfeld für die Wahl an, dann fällt auf, so richtige Stars sind nicht dabei. Ärgert es dich, im Einspieler nicht neben den Robbens und Aubayemangs eingeblendet zu werden, sondern zwischen einem Bundesligatorhüter sowie Spielern aus den unteren Ligen?
Ich ärgere mich überhaupt nicht. Ich finde auch, dass sehr viele schöne Tore in der Auswahl dabei sind. Der Schuss vom Cottbusser Michel fällt mir sofort ein, aber auch das Torhüter-Tor ist ein ganz besonderes Highlight. Und eigentlich, wenn ich ehrlich bin, freue ich mich darüber, dass kein Spieler von Bayern München oder Borussia Dortmund dabei ist.

Warum?
Naja, ich glaube, wenn ein Robben oder ein Bayernspieler im Allgemein dabei gewesen wäre, hätte ich nie und nimmer eine Chance auf dem Titel. Und wenn man schon mal die Chance hat, dann wäre es auch schön, diese Wahl zu gewinnen.

Nun fällt diese positive Nachricht von dir in eine sportlich sehr schwierige Zeit für Dynamo Dresden. Wie sind die Reaktionen von den großen Jungs?
Die haben davon mittlerweile auch gehört. Und da gibt es eben paar lustige Sprüche, wenn man sich über den Weg läuft.

Du bist jetzt 20 und spielst in der Oberliga. Warst Du schon auf Tuchfüllung zu den Profis?
Ja, im Sommer habe ich das Trainingslager mitgemacht. Allerdings bin ich direkt danach wieder in die U23, weil meine Ausbildung weiterging.

Man hört von einigen Spielern, die als Neuankömmlinge im Herrenbereich ein Ritual bestehen müssen. Mancherorts wird zum Beispiel gesungen.
Das gab es bei mir nicht, zumindest kann ich mich an nichts erinnern. Was ich zu genüge leisten musste, war der Balldienst. Das Trainingszeug auf den Platz schaffen, Bälle aufpumpen, halt die kleinen Aufgaben erledigen. Aber ich bin mir sicher, dass sich das nicht allzu sehr von anderen Vereinen unterscheidet.

Hoffst Du darauf, in dieser Saison noch eine Chance zu bekommen? Immerhin geht es für Dynamo nicht mehr um viel, und die Chance, dass Talente ihre Chance bekommen, könnte ja steigen.
Ich denke schon, dass für mich noch was möglich sein könnte. Zumindest was den Kader angeht. Aber richtig beurteilen kann ich das nicht, ich würde das auch eher als Hoffen beschreiben. Meine oberste Priorität ist zunächst der Klassenerhalt mit der zweiten Mannschaft.

"Der Junge aus Eimsbüttel" - Daniel Brückner im Protrait

„Der Junge aus Eimsbüttel“ – Daniel Brückner im Protrait

Mit 20 Jahren haben jetzt viele Talente bereits debütiert. Du bist zwar Tor des Monats-Kandidat und deine Bilanz in der Oberliga lässt sich sehen, aber es ist eben die fünfte Liga. Gibt es für dich eine Zeitgrenze, bis zu der Du den Traum leben willst?
Die nächsten zwei, drei Jahre habe ich schon im Blick. Und es mag zwar überragende Spieler geben, die schon in jungen Jahren extrem weit entwickelt sind, aber ich bin mir doch relativ sicher, dass man es auch noch mit 23, ja vielleicht 24 schaffen kann.

Wie viel kannst Du für diesen Traum überhaupt investieren? Vom Oberligafußball allein kann man mit Sicherheit nicht leben.
Das ist richtig, ich mache nebenbei meine Ausbildung bei einer Sparkasse. Und mir ist genau das auch wichtig. Einen Plan zu haben, falls das ganz große Ziel nicht erreicht wird.

Als junger Bankangestellter schon einmal die Profis bedient?
Es kommt vor. Ich arbeite direkt im Zentrum, in einer Passage, die eigentlich immer gut besucht ist. Da trifft man schon ab und an einen von den Profis. Es ist ja auch so, dass ein Kollege aus der ersten Mannschaft vor zwei Jahren die gleiche Ausbildung begonnen hat wie ich im letzten Jahr.

Ist es nicht trotzdem ein Nachteil, in einer Ausbildung beschäftigt zu sein? Immerhin kann man nicht sagen, dass Du dich nur auf den Fußball konzentrieren kannst.
Aus der zweiten Mannschaft sind eigentlich alle beschäftigt, deshalb würde ich das so nicht sagen. Außerdem habe ich speziell abgestimmte Arbeitszeiten. Bis um vier Uhr nachmittags in der Bank, dann geht’s zum Fußball.

Nun bleibt noch offen, warum ein großes Talent aus Mecklenburg-Vorpommern nicht in Rostock, sondern in Dresden kickt.
Weil Dynamo Dresden mich aus Schwerin geholt hat und ich die Option sehr verlockend fand.

Und Hansa spielte keine Rolle?
Es gab vermehrt in der B-Jugend die Überlegungen, nach Rostock zu gehen. Aber dann kam Dresden, und ich fand die Option einfach passender.

Also keine Verbindung zu Hansa? Sonst träumt ja fast jeder Junge, der Fußball spielt und aus Meck-Pomm kommt, von einer Karriere an der Ostsee.
Ich hatte mit dem FC Hansa immer relativ wenig zutun. Ich war vaterbedingt Bayernfan, und das bin ich heute noch. Die Sache war nur die: Ich dachte einfach, dass es besser für mich ist, wenn ich weiter weg von zu Hause bin. Ich wollte einfach früher komplett selbständig und unabhängig werden.

Hört sich mit deinen Worten nach einem leichten Schritt an.
Mir kam gelegen, dass ich schon mehrere Jahre in Schwerin im Internat gelebt habe. Ich war also schon daran gewöhnt, nicht jeden Abend nach Hause zu kommen. Und mit der Zeit hatte sich das eh etwas verändert. Früher bin ich jedes Wochenende zurück aufs Dorf gefahren, aber mit den Jahren kam es immer häufiger vor, dass ich freiwillig in Schwerin geblieben bin, um mit meinen Freunden etwas zu Unternehmen.

Zum Abschluss, Tom: Wie schaust Du dir die alles entscheidende Sportstudiosendung an?
Ich denke mit ein paar Freunden. Viellicht gibt es ja einen Grund, ein wenig zu feiern.

→ ZUR ABSTIMMUNG TOR DES MONATS

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Hannes Hilbrecht

Hannes Hilbrecht schreibt und schrieb nebenbei für ZEIT ONLINE, NDR.de und den Berliner Tagesspiegel. Füllt ein Marketing-Magazin mit Liebe (GrowSmarter.de) Und er liest eine spannende Case Story genauso gerne wie den neuen Roman von Ralf Rothmann.