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Nur noch Grötze?

Ganz Fußball-Deutschland hat eine Meinung zu Mario Götze, der Stürmer polarisiert. Auch bei BLOG-TRIFFT-BALL. Doch der sieht nicht den Stürmer in der Verantwortung, sondern die Eitelkeit von Joachim Löw. Ein Meinungsbeitrag.

Foto: Michael Kranewitter, Wikimedia Commons, CC-by-sa 4.0

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Eines der schönsten Vergnügen an einem Nationalmannschaftsturnier sind die Gespräche am Küchentisch. Endlich ist man als Fußballfan einer von vielen in der Familie. Sogar der Bruder, ein Fußballmuffel, liest alle Nachrichten, um in seiner Tipprunde möglichst weit vorne zu liegen. Es wird nicht mehr über Nachbarn diskutiert oder über den Dorf-Harald, der die Grundstücke des kleinen Ortes mit seiner Lagerfeuer-Leidenschaft verqualmt oder am Sonntagnachmittag zur Kaffeezeit den Rasen mäht. Nein, über Harald redet man bis Mitte Juli nicht mehr. Sondern über Jogi Löw und Mario Götze.

Das Thema eignet sich bestens zur Diskussion. Natürlich weil es spannend ist. Aber auch, weil man an der Verteilung der Sympathien erkennt, wer wie häufig Fußball guckt. Der Bruder zum Beispiel mag Mario Götze. Er denkt an die Magie von Rio de Janeiro; dieses Traumtor, das Götze den Argentiniern wie ein Capoeira-Tänzer ins Gesicht stanzte. Er sagt genauso wie die Mutter: „Der Götze ist doch nicht schlechter als die anderen. Was soll er da vorne ohne Hilfe machen?“ Und irgendwann, wenn nichts mehr hilft, kommt: „Er hat doch damals das Tor geschossen.“

Ja, das hat er.

Und ja, auch heute noch ist Mario Götze theoretisch einer der besten deutschen Kicker. Ein strammer Schuss, die Technik eines Brasilianers, dazu filigran und behände in der Bewegung. Wenn Götzes Kopf mitspielt, er selbstbewusst ist und sein anderes Lächeln lächelt, ist er in Europa ein Unikat. Ein Werbegesicht für die Ästhetik des Spiels. Einer, auf den man in Deutschland stolz sein kann.

Seht her, das ist unser Mario.

Die Realität ist momentan eine andere. Wir müssen sagen: Das war unser Mario. Götze 2016 ist ein Trauerspiel. In den ersten beiden Spielen bekam er kaum etwas hin. Ein Großteil seiner Dribblings verfing sich in den Beinen allenfalls solider Abwehrspieler aus Polen und der Ukraine. Seine besten Aktionen waren Querpässe und ein Kopfball, der aus sehr guter Position über das Tor flog. „Was eine Grötze“, könnte man polimisieren.

Er ist bemüht, bemerkten Journalisten und Kommentatoren. Es war als Kompliment gemeint, ist aber eigentlich noch eine Verschärfung der Beschreibung des Ist-Zustands: Ja, der Mario ist bemüht. Er gibt alles. Es geht zurzeit nur nicht besser. Obwohl die Beine gesund sind, Götze fit wirkt. Aber es im Kopf krankt, weil das Selbstvertrauen fehlt.

Kritiker von Joachim Löw sagen: Er hätte es vorher wissen müssen. Götze habe eine schwache Saison gespielt, selbst Pep Guardiola, der Macher unter den Machern, habe doch auch aufgegeben. Löw setzte trotzdem auf ihn. „Trainerliebling“, unken mittlerweile einige.

Ich glaube das nicht. Löw mag Eitel sein, den Erfolg auf seine Art holen wollen, mit seiner Idee. Er hat es sogar selber mal zugegeben, dass es früher so war und er sich während eines Turniers schwer von seinen Vorstellungen lösen konnte. Aber bei Götze ging es nicht um eine Gefälligkeit für Rio, sondern um genau das: Eine Idee, in der Löw eine große Chance sah. Löws mögliches Kalkül: Gegen Teams wie die Polen und Ukraine, die nicht schlecht, aber auch nicht allerhöchste Topklasse sind, sollte der Knoten platzen. Ein Götze-Tor und das Selbstvertrauen und die Leichtigkeit des Schützen wären vielleicht wieder da. Ein Top-Spieler für die Nationalelf wäre gemacht. Unter Löw hatte diese Entwicklung früher Methode, Spieler wie Podolski spielten unter dem Bundestrainer weit besser als im Verein.

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In den ersten beiden Spielen klappte es nicht, nicht nur wegen Götze, sondern auch weil Mesut Özil, Julian Draxler und Thomas Müller ebenso enttäuschten. Der Druck ist längst da, trotz vierer Punkte und dem fast sicheren Achtelfinale. Das macht die Sache jedoch umso interessanter. Löw muss sich entscheiden. Für seine Wunschvorstellung oder eine neue Alternative.

Dass es gegen Nordirland geht, dürfte Löws inneren Konflikt verschärfen. Nominell ist es der schwächste Gegner. Eigentlich prädestiniert, um Götze Auftrieb zu verleihen. Aber die Nordiren sind bisher stark, meldeten Lewandowski im Duell gegen Polen ab. Ist Götze auch gegen die Nordirren schwach, hat Löw im Achtelfinale kaum eine andere Möglichkeit, als zu rotieren. Allerdings fehlt dem Neuling dann die Wettkampfpraxis.

Nimmt Löw seinen Zauberfuß vor dem letzten Gruppenspiel raus, wird dessen Selbstvertrauen noch weiter geschröpft. Die Wunschvorstellung wäre so gut wie begraben, womöglich für das Turnier irreversibel geschädigt. Auch wenn es hart klingt und es immer noch die Möglichkeit einer Wendung gäbe: Es wäre die Aufgabe des Projektes Götzes.

Alternativen gibt es auf dem ersten Blick drei: Schürrle, der Edeljoker, könnte natürlich stürmen. Dagegen spricht, dass der Wolfsburger meist am stärksten ist, wenn die Gegenspieler schon müde sind, geschwächt vom Spielverlauf. Schürrle hat dann Tempovorteile, die sein Mut braucht, um die nicht komplett ausgereifte Technik zu kaschieren.

Auch Lukas Podolski könnte spielen, vielleicht wenn Müller in den Strafraum rückt. Er wäre ein Kontrast zum Mittelfeld-Esprit. Härte und Schussgewalt, mehr Leidenschaft. Allerdings können diese Attribute jederzeit im Abwehrschlamm des Gegners versickern.

Die wahrscheinlichste Alternative ist Mario Gomez. Ein formstarker Abschlussspezialist aus der Türkei, besonders ein Abnehmer für Flanken. Er wäre der härteste Kontrast zu Götze, für Löw eine Abkehr von seinem Ideal des geschmeidigen flachen Balles. Gomez würde Innenverteidiger beschäftigen, Räume schaffen. Özil hätte ein Ziel für sein Passfeuerwerk, ähnlich dem, welches er bei Arsenal bedient: Oliver Giroud. Doch ist Gomez wirklich stark, oder profitiert er nur von der türkischen Liga?

So oder so: Löw ist unter Druck. Ein Wechsel von Götze zu Gomez ist für ihn ein schwerer. Anderseits nimmt er sich aus der Schussbahn, er täte schließlich das, was viele erwarten. Löw wird seine Wahl treffen. Meist lag er in seinen zehn Jahren als Bundestrainer richtig. Irrt er sich diesmal, ist er so oder so der Harald. Das ist das Geschäft. Bei der EM genauso wie auf dem Dorf.

Hannes Hilbrecht

Wenn Hannes Hilbrecht nicht mittwochabends im Studentenkeller Moscow Mule trinkt, schreibt er für u.a. für ZEIT ONLINE, BLOG-TRIFFT-BALL oder seine HERMES-Bundesliga-Kolumne. Ab September ist sein Blog onewaytoseattle.com online. Sein Ziel: Auswandern in die schönste Stadt der Welt. Die ersten Schnipsel aus seinem ersten Roman-Projekt „W“ gibt es gratis dazu.