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Romanze oder Tradition – was passt besser in Liga Zwei?

Die Dritte Liga redet dieser Tage fast nur über ein Spiel. Der MSV empfängt Holstein Kiel, der Tabellenzweite lädt den Dritten zum heißen Kampf um den direkten Aufstieg in die 2. Bundesliga ein. Wenn Duisburg gewinnt, ist das Rennen sicher entschieden, holt sich Kiel den Sieg, reicht der Neitzel-Elf sehr wahrscheinlich bereits ein Punktgewinn am letzten Spieltag. Doch wer gehört mehr in das Bundesligaunterhaus?

Foto: calcio-culinaria.de

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Am Montagabend gab es in  der von beiden Kontrahenten anvisierten Liga ein Duell, das dem Charakter des Spitzenspiels vom Samstag bereits sehr ähnelte. Der Karlsruher SC mit seiner langen Bundesligageschichte empfing die Sensationsmannschaft aus Darmstadt. Es war ein Duell des großen Namens gegen einen Verein, der vor genau zwei Jahren sportlich in die vierte Liga abgestiegen war, und nur aufgrund der Insolvenz von den Kickers aus Offenbach in der dritten Spielklasse verblieb.

  • Fußballromantik – Welche Geschichte ist schöner?

Wagte man parallel zur Liveübertragung des Senders Sport 1 den Blick in soziale Kanäle oder in die Kommentarspalten gut besuchter Sportportale, fiel sofort auf, dass die Darmstädter die größeren Sympathien einheimsten. Der deutsche Fußballfan steht dem Anschein nach auf Sensationen. Da Darmstadt mit 1:0 gewann, den zweiten Tabellenplatz übernahm und nun zwei Abstiegskandidaten vor der Brust hat, könnte er diese auch alsbald bekommen.

Geht es nur um den Sensationsfaktor – der Vorteil wäre den Kielern vermeintlich kaum zu nehmen. Der Werdegang der Störche aus dem hohen Norden ähnelt dem Aufschwung der Darmstädter nämlich frappierend. Kiel stieg zwar nicht ab und musste demnach auch nicht von der Pleite eines Ligakonkurrenten profitieren – doch rettete sich die Neitzel-Elf erst am letzten Spieltag. Passenderweise in Darmstadt, das damals mit 1:3 gegen Kiel verlor, keine zwei Wochen später aber Bielefeld im Spiel des Jahres besiegte.

Holstein Kiel beschreitet also zumindest auf der ersten Etappe den gleichen Weg wie das hessische Vorbild, das sich innerhalb weniger Monate von der grauen Maus zum weißen Schwan der Liga entwickelte. Sensationsfaktor: 1:0 für Kiel.

Das Problem: Auch die Duisburger bringen ihre Geschichte mit. Diese beginnt bereits vor zwei Jahren, als dem Klub die Lizenz  für die 2. Bundesliga entzogen wird, er zwangsabsteigen muss. Erst spät findet sich ein Kader zusammen, der damalige Trainer Karsten Baumann und seine Mannschaft durchlaufen einen mühsamen Findungsprozess. Testspiele gegen Borussia Dortmund und andere Top-Klubs ermöglichen parallel zum schwammigen Start die finanzielle Rettung. Ein Duisburger Aufstieg – auch er hätte das Drehbuch einer Cinderella-Story. Das 1:1 im direkten Gegenzug.

  • Rahmenbedingungen

„Wenn sie Glück haben, können sie nach dem Spiel auch warm duschen“, scherzte ein Kieler Verantwortlicher im vergangenen Herbst über das altbackene Holstein-Stadion. Auch wenn davon ausgegangen werden kann, dass das warme Wasser auch in der rüstigen Arena noch fließt, und es sich bei der Auslassung lediglich um eine Prise norddeutschen Humors handelte – den wahren Kern verfehlt dieses Bonmot nicht. Das Kieler-Stadion zweitklassig? Es hat, wenn man ehrlich ist, schon Probleme damit, drittklassig zu sein. Das Gute: Ein Aufstieg wäre wohl der Anfang vom Ende des altehrwürdigen Baus.

Ganz anders ist dagegen die Lage in Duisburg. Schon lange hat das alte Wedau-Stadion ausgedient, seit nunmehr elf Jahren kicken die Duisburger in einer schmucken Arena mit 31500 Plätzen. Der einzige Haken an der deutlich properen Spielstädte: Der Name „Schau-ins-Land-Reisen-Arena“ ist für Gespött geradezu prädestiniert. Dennoch: Während man in Duisburg problemlos Bundesligafußball spielen könnte, ist man in Kiel noch sehr weit von einer ähnlich einladenden Kulisse entfernt. Der deutliche schönere Name kann diesen Makel nicht ausgleichen. 2:1 Duisburg.

  • Zuschauer- und  Medieninteresse

Duisburg: 12500 Zuschauer, Kiel: 6100. Glaubt man dem Besucherschnitt, ist die Frage nach der besten „direkten Lösung“ für die 2. Bundesliga schnell beantwortet. Mit einem Verein, der jahrelang zu den essentiellen Bestandteilen der zweiten Liga gehörte und immer mal wieder in die Bundesliga vorstieß, kann ein Verein, der aus der entgegengesetzten Richtung kommt, einfach nicht mithalten. Vor allem, wenn der Fußballclub seinerseits nur die Nummer zwei der Stadt ist, partout nicht am Handball-Abonnementmeister vom THW-Kiel vorbei kommt.

Für den Zuschauerschnitt in der 2. Bundesliga und insbesondere für die Rechteinhaber der TV-Übertragungen wäre Duisburg die deutliche bessere Option. Warum das so ist, lässt auch der Blick in den Abstiegskampf der 2. Bundesliga erahnen: Mit 1860 München, dem FC. St Pauli und Greuther Fürth könnte es gleich drei Schwergewichte erwischen, ebenso ist das beim ostdeutschen Publikum sehr beliebte Erzgebirge Aue der Abstiegsgefahr ebenso dramatisch ausgesetzt. Dementsprechend wird so mancher Verantwortlicher bei Sky oder Sport 1 den Duisburgern die Daumen halten. 3:1 Duisburg.

  • Finanzielle Situation

Vereine in finanziellen Nöten kommen jeder Liga ungelegen. Punkteverluste verzerren gelegentlich die Tabelle, besonders drastisch werden die Szenarien, wenn Vereine vorzeitig in die Insolvenz gehen müssen und die Spiele komplett aus der Wertung fallen.

Der MSV Duisburg ist zwar auf dem Weg der Besserung und scheint durch die schwere Krise enger zusammengerückt –  hat aber weiterhin mit Problemen zu kämpfen. Zu Saisonbeginn gab es so Irritationen über das Saisonziel. Während die sportliche Führung betonte, dass es nicht eile und 2016 als Stichjahr gelte, soll es Stimmen aus der Verwaltung gegeben, die den Aufstieg als notwendig beschrieben. Hintergrund: Die Dritte Liga ist für einen Verein wie den MSV Duisburg einfachn nicht rentabel.  So wirkt die KSV Holstein auf dem ersten Blick wie der Gast mit dem potenteren Portemonnaie.

Das liegt an der Förde gleich an mehreren Dingen. Seit Jahren wird die sportliche Entwicklung kontinuierlich fortgeführt, in den letzten fünf Jahren setzten die Kieler lediglich auf zwei Trainer. Der erste Coach schied dazu noch freiwillig aus seinem Amt. Zum anderen ist das wirtschaftliche Umfeld in Kiel solide, der Mittelstand unterstützt den Verein breit. So konnte der Verein von vielen Konkurrenzvereinen unbemerkt ein schickes Trainingsgelände errichten, das selbst einige Bundeligisten neidischen Blickes zurücklässt. Der einzige Haken: Wie würden die Kieler Finanzen den notwendigen  Neu- oder Umbau des Stadions verkraften? So oder so: Stand jetzt wäre Holstein Kiel die sicherere Partie was die Wirtschaftlichkeit anbelangt. 2:3 – der Anschluss.

  • Auswirkungen auf die Fußball-Landkarte der Zweiten Liga

Betrachtet man eine Deutschlandkarte, in der nur die Zweitligavereine vermerkt sind, kann man von einer Zweiklassengesellschaft sprechen: Während sich im Süden die Vereine tummeln, herrscht im nördlichen Teil des Landes gähnende Leere. Mit Eintracht Braunschweig und dem FC St. Pauli gliedern sich lediglich zwei Vereine nördlich, mit etwas Fantasie könnte man Union Berlin noch dazu zählen. Seitdem der FC Hansa Rostock vor sich hin darbt, sind die Küstenstreifen komplett verwaist.

Auch in Nordrheinwestfalen sieht es nur ein wenig besser aus. Während in der Bundesliga fünf Teams das bevölkerungsreichste Bundesland vertreten, hat sich die Lage im Unterhaus ausgedünnt. Nur Bochum und Fortuna Düsseldorf harren momentan in der 2. Bundesliga aus, einstige lokale Größen wie Oberhausen, Aachen oder Essen hängen in der Regionalliga fest. Zwar kommt mit Bielefeld ein Team dem Anschein nach sicher zurück – doch scheint der traditionsreiche „Pott“ nach weiteren Teams zu lechzen.

Dennoch geht dieser Punkt nach Kiel: Will die 2. Bundesliga ein möglichst großes Einzugsgebiet repräsentieren, muss die Kieler Holstein in diesem Jahr hoch. Es wäre seit dem Abstieg vom VfB Lübeck die Rückkehr des schleswig-holsteinischen Fußballs unter die Fittiche der DFL. Ausgleich: 3:3

  • Wer spielt den schöneren Fußball?

Grote, Janjic, Onuegbu, Dausch, de Wit. Der MSV Duisburg ist im Besitz der prominenteren Namen. Aber sind sie gleichbedeutend mit der feinen Klinge? Die Statistiken offenbaren: Die Duisburger schießen und fangen sich mehr Gegentore. Im Schnitt fielen bei Partien mit Duisburger Beteiligung 2,72 Treffer, wenn die Holstein-Elf über den Rasen pflügt dagegen nur 2,13. Auch gewinnen die Schleswig-Holsteiner am liebsten mit dem effektivsten aller Resultate: Sieben ihrer 18 Saisonsiege wurden mit einem 1:0 eingefahren, in der Hälfte aller Spiele blieb Kiel ohne Gegentreffer. Klar, dass die Duisburger deutlich mehr Tor-Spektakel verbreiten.

Daraus aber zu schließen, dass Kieler Spiel wäre uninteressant, wird den Tatsachen nicht gerecht. Denn: Kaum ein Team spielt intensiver, baut so knüppeldick auf harte, aber größtenteils faire Zweikämpfe. Genauso interessant: In der Rückrunde haben die Schleswig-Holsteiner den Motor so richtig angeschmissen. Mit 2,65 Toren pro Spielbeteiligung schließt man fast zum MSV auf.

Fazit: Hier zu unterscheiden wäre einfach unfair. Remis. 4:4.

  • Fazit

Duisburg gegen Holstein Kiel – es ist auch für den neutralen Beobachter eine komplexe Kiste. Möchte man eine neue Romanze in der Liga wissen, eine besondere Geschichte ein Liga-Stockwerk höher weiter erzählt bekommen – die Kieler wären die ideale Wahl. Aber auch die Duisburger Fußballer scharen Argumente um sich, gehören sie doch noch immer zu den Mannschaften, die man automatisch mit Hattrick-Übertragungen verbindet.

Vielleicht schaffen es ja beide Teams. Es scheint die einzig gerechte Lösung zu sein.

Hannes Hilbrecht

Hannes Hilbrecht schreibt und schrieb nebenbei für ZEIT ONLINE, NDR.de und den Berliner Tagesspiegel. Füllt ein Marketing-Magazin mit Liebe (GrowSmarter.de) Und er liest eine spannende Case Story genauso gerne wie den neuen Roman von Ralf Rothmann.