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Holstein Kiel: Stimmungstest bestanden

Es war ein dürftiger Fußballabend, den Holstein Kiel und der TSV 1860 München am Freitagabend für die Fans kredenzten. Dennoch scheint Holstein Kiel mit dem tristen 0:0 etwas besser bedient. Zumal die Fans am Rande für wichtige Unterstützung sorgten. Gerade im Hinblick auf das alles entscheidende Rückspiel.

„Eine neunzigminütige Folter“,  schrieb ein User auf einem überregionalen Sportportal. Ein anderer ergänzte ähnlich scharf: „Beide sofort in Liga drei. Das war ja fürchterlich.“ In der Anonymität gefasste Kommentare können selbstverständlich auch im Fußball gemein sein. Wie gemein, das erfuhren die Verantwortlichen von Holstein Kiel am Freitagabend. 

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Und zugegeben: Das erste Relegationsspiel zwischen Holstein Kiel und dem TSV 1860 München hatte für Stänkereien die perfekte Steilvorlage geliefert. Beide Teams kämpften, rissen in Zweikämpfen Halm um Halm aus dem zuvor perfekt geschniegelten Rasen des Holstein Stadions und Spielern wie Kiels Kapitän Raphael Kazior sah man die Erschöpfung  schon von weitem an. Langsame Schritte, rotgepauste Wangen, von Schweiß durchnässte Haare – sichtbar abgekämpft bewegte sich Kazior nach Spielende auf der Ehrenrunde. Doch blieb das sportliche Spektakel bei der Materialschlacht beider Teams  komplett auf der Strecke.

 

Nur wer auf den Existenzkampf mit all seinen Facetten aus war, konnte mit dem Dargebotenen zufrieden sein. Und beide Trainer, die sich ähnlicher sind, als man zunächst denken mag, wollten tatsächlich Kampf sehen. Karsten Neitzels Mannschaft lebte in der Dritten Liga von der Aufopferungsbereitschaft, dem unbedingten Willen zum Extra-Meter, den man am Ende dem Gegner voraushat. Dass sich die Kieler Spieler wie gewohnt in enggeschlossenen Reihen aufopferten, bewies Neitzel, dass sich angesichts der Aufstiegsperspektive keine lähmende Blockade in die Köpfe seiner Spieler geschlichen hatte. Das sie bereit war. Und annähend das spielte, was sie kann. Deshalb lobte der Trainer nach dem Spiel deutlich mehr als zu schimpfen: „Für uns war es heute wichtig, die Balance zwischen dem frühen Anlaufen und der defensiven Kompaktheit hinzubekommen. Das ist der Mannschaft sehr gut gelungen.“

 

Warum für die 10.000 Zuschauer in der Arena trotz der gewohnten Kieler Leistungsbereitschaft eine so triste Partie heraussprang, lag demnach vor allem am ähnlichen Auftritt der Gegner. Die Löwen bemühten sich ebenso wie der norddeutsche Kontrahent um Geschlossenheit, versuchten sich zunächst einmal in die Defensive zu flüchten. Das mochte in Anbetracht des immensen Talents in den Reihen der Sechziger enttäuschen, passte aber haargenau zur Ausgangslage der Löwen. Verlieren verboten. Sicherheit zuerst.

Schon eine 1:0-Niederlage hätte für Torsten Fröhlings Mission Klassenerhalt fatale Folgen bereitgehalten. Gegen ein defensiv gefestigtes, im Konterspiel bestens geschultes Team in eine Aufholjagt zu starten –  bereits bei der knappsten aller Niederlagen hätte für die Münchner der Worst Case begonnen. Weil sein Team dieses Szenario erfolgreich vermied, lobte auch Fröhling: „Insgesamt bin ich mit der kämpferischen und leidenschaftlichen Einstellung meiner Mannschaft zufrieden.“

Dass sich das Spiel also komplett in die langweiligen Bahnen eines perfekt schablonierten Nullzunulls der dürftigen Art fügte, war naheliegend. Gegen Zweitligaverteidiger und vom Trainer gut abgestimmte Reihen gab es für die Kieler kaum etwas zu erstochern; Geschenke, mit denen Drittliga-Manndecker deutlich spendabler hantierten, fielen den geifernden Holstein-Angreifern diesmal nicht in die Hände. Dass sich das Konterspiel durch den defensiven Löwenauftritt von selbst erübrigte, setzte den Sargnagel auf die bereits in vielen Drittliga-Spielen gehemmten Kieler Offensivbemühungen. Zumal auch die Holstein-Elf ihrerseits das Risiko  geringhielt. 0:1 verlieren – der Kieler Worst Case trug ob des bescheidenen Angriffspotenzials bei tiefstehenden Gegnern den gleichen Namen wie beim Rivalen um die künftige Zweitligazugehörigkeit.

So ging es in der Nachbetrachtung des Spiels  weit weniger um seltene Höhepunkte und tieferschürfende Analyseversuche des soeben Gesehenen, sondern vor allem um die richtige Interpretation des Ergebnisses. Kiel Trainer Neitzel sprach von einer ordentlichen Ausgangsposition und einem Remis, das gefährlich für die Löwen sei. Konterpart Fröhling erkannte: „Nach dem heutigen Abend wissen wir, dass wir am Dienstag gewinnen müssen.“

Und genau hier dürfte Karsten Neitzel innerlich gelächelt haben. Denn während Fröhling ganz richtig von der Notwendigkeit eines Heimsieges sprach, formulierte Neitzel anschließend ähnlich, aber doch völlig anders: „Wir müssen auf jeden Fall ein Tor schießen, um aufzusteigen. Und sei es im Elfmeterschießen.“

 Der Clou aus Kieler Sicht: Schießt man zumindest ein Tor, reicht in jedem Fall ein Remis. Holstein Kiel muss nicht gewinnen, kann defensiv orientiert spielen. Den Gegner das Spiel überlassen, ihn mit dem gefürchteten Spiel gegen den Ball zermürben. So wie es die Schleswig-Holsteiner über weite Teile der Drittligaspielzeit erfolgreich praktizierten. Die Kieler haben den Heimvorteil somit nicht verspielt, sondern ihn gegen die Verheißungen der Auswärtstorregel eingetauscht.

 

In jedem Fall mindert dieser den mutmaßlich größten Trumpf der Löwen – die zu erwartende Großkulisse in der Allianz Arena. Ob die aber wirklich nur von Vorteil ist, bleibt überhaupt fraglich. Dass sie das überwiegend junge Team gar lähmen könnte, ist nämlich eine Furcht, die bei all der Hoffnung auf den lauten Support nicht vollends von den Löwen-Verantwortlichen ausgeklammert werden kann. Schon einige Male sind Teams an Pfiffen und der Erwartungshaltung zerbrochen. Zumal ein Großteil des aufgeblähten Kaders eine prallgefüllte Allianz Arena nur aus dem roten Mantel von Auftritten der großen Bayern kennt.

In Kiel, und das ging bei vielen Fan-Diskussionen über das Für und Wider des torlosen Remis unter, haben die Fans indes den größtmöglichen Beitrag zum Gelingen der Aufstiegsmission bereits geleistet. Auch während der furchtbar ereignislosen zweiten Halbzeit sangen und klatschen die Anhänger nimmermüde, nach Schlusspfiff machten die meisten Fans sogar noch ein bisschen weiter. Pfiffe waren dagegen kaum zu vernehmen, wenn es sie denn überhaupt gegeben hatte.

Bedeutend ist das, weil der ein oder andere Kieler eine schlechte Stimmung im Umfeld befürchtete, wenn seit Monaten gereifte Aufstiegsträume doch an der letzten Hürde zu platzen drohen. Dass sich negativer Druck aufbaut, der Aufstieg nicht mehr als Sensation, sondern als Pflicht begriffen wird. Mit ihrer Unterstützung nach einem tristen wie langweiligen Fußballabend haben die Kieler Fans untermauert, dass diese Ängste unbegründet sind. Die letzten Monate bereits über alles stehen.

Holstein Kiel kann am Dienstag weiterhin viel mehr gewinnen als verlieren. Für den TSV 1860 München liegen solche Gedankenspiele dagegen in weiter Ferne.
Hannes Hilbrecht

Hannes Hilbrecht schreibt und schrieb nebenbei für ZEIT ONLINE, NDR.de und den Berliner Tagesspiegel. Füllt ein Marketing-Magazin mit Liebe (GrowSmarter.de) Und er liest eine spannende Case Story genauso gerne wie den neuen Roman von Ralf Rothmann.