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Transfer- und Kadercheck: Hansa Rostock – Teil 3

Längst befinden sich die norddeutschen Drittligisten in der Sommervorbereitung. Zu großen Teilen stehen die Kader, nun gilt es für die Trainer, aus der Rohmasse ein Team zu formen. BLOG-TRIFFT-BALL fällt ein Urteil über Transferaktivitäten und Kaderstand. Teil 3: Hansa Rostock.

Nur knapp entging der FC Hansa Rostock Ende Mai den Abstieg in die Regionalliga, nun soll nach einem erneuten Umbruch im Kader alles wieder besser werden. Die Aufgaben der Rostock waren im Sommer groß: Gleich vier Stammspieler musste der Verein ersetzen, dazu die Viererkette fast komplett umbauen. Wie ist das den Rostockern gelungen?

Der erste Eindruck passt jedenfalls. Beim Testspiel gegen Werder Bremen spielte Hansa über weite Strecken richtig guten Fußball und machte somit vielen der 8000 Fans Lust auf die nahende Spielzeit. Wie berechtigt die Vorfreude sein wird – der Kadercheck blickt voraus.

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Tor: Eine herausragende Nummer 1 hat es in Rostock seit Mathias Schober nicht mehr gegeben. Hansa probierte viel, holte unter anderem mit Walke einen Top-Keeper für Zweitligaverhältnisse, testete mit Kevin Müller ein großes Talent – doch meistens bewegten sich die Rostocker im unteren Durchschnitt der gerade bespielten Liga. So viel vorab: Zur kommenden Saison hat sich daran nicht allzu viel geändert. Marcel Schuhen, der im Winter aus Köln kam, spielte eine ordentliche Rückrunde mit einigen guten Paraden, doch zeigte der 22-Jährige ebenso einige Unsicherheiten. Der gleichaltrige Johannes Brinkies hatte dagegen schon mehrfach die Chance, in Rostock auf Dauer Nummer 1 zu werden, konnte aber keine der sich bietenden Gelegenheiten nutzen. Es ist kein Zweikampf zwischen Not und Elend, aber ein Duell, in der man auf die Entwicklung der talentierten Torsteher hoffen muss.

Bedarf: Mit dem jungen Robin Schröder sind alle drei Plätze bewegt.

Fazit: Schuhen geht mit dem Vorteil einer guten Rückrunde in die Sommervorbereitung, im Test gegen den SV Werder Bremen spielte er gut. Brinkies muss dagegen seine letzte Chance auf den Durchbruch nutzen. Explodiert einer der beiden, was nicht völlig ausgeschlossen ist, hat der FC Hansa alles richtig gemacht. Ansonsten wird man sich fragen müssen, warum der Verein die Strategie beibehielt und nicht auf eine teure, aber dafür verlässlichere Lösung setzte. 7 von 10 Punkten.

Innenverteidigung: Die Abgänge von Steven Ruprecht und Oliver Hüsing schmerzen. Während Hüsing von Beginn an Leistung zeigte und nun auf ein dauerhaftes Engagement in einer der beiden deutschen Top-Ligen hoffen kann, entwickelte sich sein baumlanger Nebenmann vom häufig zu unrecht beschuldigten Sündenbock zum geschätzten Leistungsträger. Beide verließen den Verein, obwohl dieser durchaus Interesse zeigte, sein Innenverteidiger-Duo zu halten.

Auf dem Transfermarkt reagierten die Rostocker mit einer Einkaufstour durch drei verschiedene Ligen. Vom Zweitligisten aus Braunschweig kommt mit Matthias Henn einen gestandener Profi, der bis zum Zweitligaaufstieg der Eintracht Stammspieler war, dann aber in die Stellung eines Ergänzungsspielers rutschte. Immerhin: Henn stand zweimal in der Bundesliga auf dem Feld.

Während Henn als Abwehrchef gesetzt sein sollte, hat Dennis Erdmann neben ihm die besten Chancen auf den zweiten Platz in der Viererkette. Erdmann ist ein beinharter Abwehrmann, was unter anderem Superstar Marco Reus bereits erfahren durfte, und dazu noch ein relativ junger Spieler, der bei Schalke 04 eine hervorragende Ausbildung genoss. Nicht nur wegen der Tattoos und des forschen Auftretens, auch die mit 13 Gelben Karten prall gefüllte Sünderkartei lässt darauf schließen, dass der FC Hansa Steven Ruprecht zumindest äußerlich so nah wie möglich ersetzen konnte.

Dritter im Bunde ist Marcus Hoffmann. Der war bereits einmal bei Hansa im Gespräch, schaffte es aber letztlich nicht in das Aufgebot von Andreas Bergmann. Hoffmann gehörte in der Regionalliga West zu den besseren Innenverteidigern. Beispiele wie Osnabrücks Tobias Willers zeigen, dass der Sprung von der vierten in die dritte Spielklasse schnell gelingen kann.

Bedarf: Drei gelernte Innenverteidiger, dazu mit Grupe und Kofler zwei Sechser, die jederzeit einspringen könnten, sofern Not am Mann ist. Die Verantwortlichen sind voll im Soll.

Fazit: In der Breite hat sich der FC Hansa gewappnet, Namen und Lebensläufe der Neuen lesen sich ordentlich. Ob das auf dem Platz gebracht wird, ist eine andere Frage. Auch im letzten Jahr war man angesichts der Stuff-Verpflichtung guter Dinge, ein paar Monate später war der neue Hoffnungsträger schon wieder weg. 12 von 15 Punkten.

Außenverteidigung: Rechts: Mit Maximilian Ahlschwede tätigte der FC Hansa im Winter einen Glücksgriff. Nicht etwa, weil der Außenverteidiger gut spielte, nein, sondern weil Ahlschwede so richtig gut spielte. Hinten robust und ohne Pardon in den Zweikämpfen mit den Gegenspielern, nach vorne mit viel Kraft und Energie. Auch wenn sich das nicht aus seinen Scorerpunkten ablesen lässt – machte Ahlschwede über die rechte Seite Dampf, geriet der Gegner oft in erhebliche Bedrängnis. Als Ersatz wartet mit Markus Gröger ein junger Mann, der ein verkorkstes Debütjahr an der Ostsee hinlegte. Positiv: Die Grundlagen wie Kraftschnelligkeitsausdauer und Dynamik, um ein gestandener Drittligaspieler zu werden, besitzt Gröger allemal.

Links: Christian Dorda hat in Deutschland, Belgien und den Niederlanden in der höchsten Spielklasse gespielt – eine für Drittligaverhältnisse sehr respektable Vita. Sollte der 26-Jährige von Verletzungen und Blessuren verschon bleiben, könnte der FC Hansa auch auf der linken Seite im oberen Drittel der Liga mitspielen. Besonders interessant: Lukas Scherff soll von der Erfahrung Dordas profitieren. Der 18-Jährige ist ein großes Talent und drei Jahre an den Verein gebunden. Uwe Klein hat in dieser Personalie vieles richtig gemacht, denn der ein oder andere höherklassige Klub findet den jungen Scherff durchaus spannend. Spielt der Jungspund weiter so erfrischend wie im Test gegen die Werderaner, wird das Publikum vor dem Schaufenster rasch größer werden. Sorgen muss sich aufgrund der Vertragslaufzeit allerdings kein Hansa-Anhänger machen.

Bedarf: Gedeckt.

Fazit: Ein spannender erster Anzug, ein zweiter mit Potenzial, besonders auf der linken Seite. Makel: Wenn sich die erste Garde verletzen sollte, könnte es dennoch eng werden. 12 von 15 Punkten.

Defensives & Zentrales Mittelfeld: Marco Kofler, Kai Schwertfeger, Alex Ikeng, Maik Baumgarten, Aleksandar Stevanovic und Tommy Grupe. An Alternativen auf der Sechs oder in der Zentrale mangelt es den Rostockern nicht. Gesetzt sollte dabei Marco Kofler sein. Der Österreicher spielte ein bärenstarke Rückrunde, schloss viele Lücken und erwies sich so als Segen für die hinter ihm immer sicher werdende Viererkette.  Nicht umsonst begann die Rostocker Ergebniskrise nach dem Ausfall des Ösis. Rückblickend wäre der FC Hansa wohl nicht so glimpflich mit dem Klassenerhalt davon gekommen, wenn Uwe Klein und Karsten Baumann nicht in den Alpen fündig geworden wären.

Wer gemeinsam mit Kofler spielt, kann das Trainerteam sehr variabel gestalten. Das Duo Ikeng und Kofler könnte gegen besonders offensivstarke Mannschaften zum Einsatz kommen, während auch andere Formationen, wie ein Dreier-Zentrum mit einem Sechser und zwei sogenannten Achtern umsetzbar wäre, da Kofler gut genug ist, um als alleinige Sechs aufzuräumen.

Spannend wird sein, wie die anderen Verletzten zurückkommen. Tommy Grupe feierte zwar bereits in der Rückrunde sein Comeback, wird aber von der ersten Sommervorbereitung seit seiner schweren Verletzung profitieren. Im Test gegen Werder Bremen überzeugte Grupe auf ganzer Linie. Stevanovic fällt zwar aufgrund einer Operation aus, könnte dann aber den Rostocker Spielaufbau nach vorne treiben – allerdings stehen hinter dem Lichtblick aus der Vollmann-Amtszeit die meisten Fragezeichen.

Bedarf: Stand jetzt: Vollkommen ausreichend.

Fazit: Variabel und tief besetzt, dazu einen Topspieler der Dritten Liga im Aufgebot. Wären nicht die verletzungsbedingten Fragezeichen. 13 von 15 Punkten.

Offensives Mittelfeld: Wer hat die beste Flügelzange der Liga? Vielleicht der FC Hansa Rostock. Tobias Jänicke und Christian Bickel – das kann was werden. Für die Hansa-Kogge, aber auch für die Gegner. Während Karsten Baumann Bickel im Winter aus teils lethargischen Zuständen befreite und eine Sahnerückrunde aus ihm herauskitzelte, sind Jänickes Qualitäten in Liga 3 unbestritten. Die Daten: Jänicke neun Tore und fünf Vorlagen, Bickel sieben Tore und dreizehn Vorlagen. Macht kombiniert: 16 Treffer und 18 Vorbereitungen. Das sich anbietende Ziel für die kommende Spielzeit: 20/20.

Danach verebbt aber die Tiefe in der Offensivabteilung. Mit Marcel Gottschling schnappten sich die Rostocker einen Perspektivspieler, an den die Verantwortlichen glauben und deshalb gleich einen Dreijahresvertrag aushändigten. Gottschling, behaupten Regionalliga-Experten, könnte die Überraschung im Hansa Kader sein. Gegen Bremen zeigte Gottschling eindrucksvoll, was in ihm steckt. Sehr präsent, bissig in den Duellen und mit so manchem lichten Moment im Offensivspiel.

Bedarf: Drei Spieler für mindestens zwei Positionen? Das ist noch zu wenig. Zwei Mittelfeldkräfte sollten definitiv noch kommen, was auch der Verein bereits kommunizierte. Ein mögliches Problem: Die meisten Flügelspieler werden sich denken können, dass die Stammplätze der Liga-Elite vorbehalten sind. Die Idee: Einen Hybriden aus Zehner und Flügel, der durch seine Flexibilität auf Einsätze kommt, und einen Spieler für die Kaderbreite. Der Potenzial und Profierfahrung besitzt, aber noch nie die Chance bekam, sich in der Dritten Liga zu behaupten. Einen Julian Jakobs sozusagen. Update: Gerade geschrieben, dann reingelattert. Mit Hasan Ülker, zuletzt Oberliga-Westfalen, unterschrieb schon mal ein weiterer Perspektivspieler für das offensive Mittelfeld.

Fazit: Der erste Anzug sitzt, mit Gottschling und Ülker scharen Talente im Hintergrund. Weil noch ein Edel-Joker fehlt, reicht es nur zu 13 von 15 Punkten. Die Bestnote liegt aber in einem erreichbaren Korridor, zum Beispiel, wenn noch ein Kaliber wie Michael Gardawski tatsächlich verpflichtet werden würde, über den es schon die ersten Gerüchte gab.

Sturm: Eine der wichtigsten Nachrichten des Sommers: „Cello“ Ziemer bleibt. Aufgrund seiner Leistungen hätte man erwarten können, dass es die eine oder andere Anfrage geben würde. Die gab es mit Sicherheit, doch wird der Sturmtank auch im kommenden Jahr auf Torejagd gehen. Auch wenn sich seine Trefferquote nicht immer bestens verteilte, die Konkurrenz, zum Beispiel in Form von Kiel-Trainer Neitzel, sagt: Ziemer ist ein Topstürmer in der Dritten Liga.

Mit Julius Perstaller ist dazu bereits ein Sturmpartner gefunden. Der zweite Ösi im Team macht bisher einen guten Eindruck und hat zuletzt höherklassig gespielt und getroffen. Auch wenn der 26-Jährige in der österreichischen Bundesliga bevorzugt eingewechselt wurde. Gegen Bremen traf Perstaller, während Ziemer geschont wurde. Allerdings vergab Hansas zweiter Ösi auch zwei, drei dicke Gelegenheiten. Spannend wird sein, in welchem System Baumann starten wird. Doppelspitze oder doch 4-4-2. Beides scheint möglich.

Bedarf: Es fehlt vielleicht ein dritter Stürmer. Umso ärgerlicher ist es, dass Halil Savran ging. Der Neu-Osnabrücker wäre mit seinem Kampfgeist und Spritzigkeit die ideale Ergänzung zu den beiden Mittelstürmern gewesen. Einen solchen Neuzugang könnte der FC Hansa noch gebrauchen. Wenn Budget vorhanden, wäre auch noch ein talentierte Lösung für die Tiefe interessant. Schließlich hatte Top-Stürmer Ziemer oft mit Blessuren zu kämpfen, zudem ist ein klassisches 4-4-2, wie es Baumann zu Beginn der Rückrunde erfolgreich spielen ließ, mit zwei Stürmern im Kader auf Dauer nur schwer realisierbar. Gegen Bremen stürmte übrigens Jänicke, nachdem Perstaller ausgewechselt wurde.

Fazit: Ein Gespann aus Ziemer und Perstaller lässt sich bereits ansehen, es fehlt aber noch mindestens eine dritte Ergänzung für den Angriff. Bewertung: 12 von 15 Punkten.

Trainer: Karsten Baumann spielte mit dem FC Hansa eine gute, letztlich nicht überragende Rückrunde. Der Klassenerhalt geht dennoch zu großen Teilen auf seine Kappe, schließlich waren die Vorzeichen, überhaupt eine gute Rückrunde spielen zu können, quasi nicht vorhanden. Der große Vorteil ist nun: Der Kader wirkt trotz zweier Planstellen in der Offensive reichhaltiger als in der letzten Hinrunde. Die Chance, eine herausragende Runde zu spielen, ist theoretisch gegeben. Baumann, der bereits mehrmals Vereine in engen Situationen beflügelte, muss nun eine andere Aufgabe bewältigen, nämlich die, des langfristigen Aufbaus. Weil da die Erfahrungswerte fehlen, gibts eine 8, die ganz nah an der 9 kratzt. 8 von 10 Punkten

Bewertung der Transferaktivitäten: Wie an einer Pyramide werkeln die Hansa-Verantwortlichen an der Hansa-Mannschaft. Im Tor, der Abwehr und im defensiveren Teil des Mittelfelds steht vieles zum Saisonstart bereit, ganz vorne mangelt es jedoch weiterhin an ein, zwei Alternativen. Dennoch sind Uwe Klein und seinem Trainer bereits einige Coups gelungen. Bewertung: 4 von 5 Punkten.

Bewertung: 81 Punke.

→ Zur Kanderanalyse von Holstein Kiel
→ Zur Kadernanalyse vom VfL Osnabrück
→ Zur Kaderanalyse von Werder Bremen II

Hannes Hilbrecht

Hannes Hilbrecht schreibt und schrieb nebenbei für ZEIT ONLINE, NDR.de und den Berliner Tagesspiegel. Füllt ein Marketing-Magazin mit Liebe (GrowSmarter.de) Und er liest eine spannende Case Story genauso gerne wie den neuen Roman von Ralf Rothmann.