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Transfer- und Kadercheck: Hansa Rostock – Teil 3

Teil 1: Werder Bremen

Der Jubel in Bremen war groß. Nach einer spannenden wie letztendlich erfolgreichen Relegation gelang den Nachwuchsakteuren der Sprung in den Profifußball – ganz ohne Berufung in die erste Bundesligamannschaft, sondern durch den gemeinsamen Erfolg als Team.

Als besonders ist der Aufstieg deshalb zu bewerten, weil die jungen Werderaner gleich aus mehreren Gründen vermeintlich hinten anstanden. Da gab es zum Beispiel die Übertalente vom HSV II, die zu Beginn der Saison alles und jeden von den Plätzen der Regionalliga wegfidelten, ohne ihren „Joe“ Zinnbauer und die von ihm beförderten Stammspieler aber auf einmal absackten, den großen Vorsprung folglich innerhalb von wenigen Wochen verspielten.

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Dann gab es die in der Bundesliga kriselnde Werder-Mannschaft, die Ende Oktober selber auf die Dienste des U23-Cheftrainers Viktor Skripnik angewiesen war. Während die „Zwote“ vom HSV einbrach, verdaute der Werder-Unterbau den Verlust des Cheftrainers deutlich besser und spielte auf einem hohen Niveau weiter. Und das, obwohl auch dieser einige Stammkräfte zu entbehren hatte. Ob per Aufstieg in die 1. Garde, oder, wie bei Oliver Hüsing der Fall, per Leihe in eine höhere Liga. Aber auch diese Umstände wusste Skripnik-Nachfolger Alexander Nouri zu parieren.

Als dritten Widerstand auf dem Weg in die Drittklassigkeit galt es schließlich, den großen Konkurrenten vom VfL Wolfsburg auf Distanz zu halten. Auch die Mammutaufgabe bestand Nouri mit seinem Team, in der Relegation folgte bekanntlich die Krönung. Der Rest ist Stolz und die gute Perspektive im Hinblick auf die Bundesligamannschaft, wie Nouri gegenüber BLOG-TRIFFT-BALL deutlich macht: „Wir sehen unsere Ligazugehörigkeit als Privileg an. Nur wenige Bundesligisten dürfen ihre Talente  in der Dritten Liga auf größere Aufgaben vorbereiten.“

Das bedeutet allerdings auch: Anders als der Großteil der wartenden Drittligagegner ist die Werder U23 eben nicht die Nummer Eins im Hauptverein. Sie steht hinten an, soll Talente entwickeln, notfalls auch Spielpraxis für Bankspieler aus der Bundesliga bereitstellen. Die tatsächliche Wertigkeit des Kaders ist weit vor Beginn des Saisonstarts in der deutschen Eliteliga nur schwer zu bestimmen, Spieler können aufrücken oder herabgestuft werden. Alexander Nouri bestätigt: „Wer uns aus der 1. Mannschaft verstärken wird, kann ich noch nicht sagen. Das ist komplett von der Sommervorbereitung der Profis abhängig. Auch davon, wie verletzungsfrei das Bundesligateam durch den Sommer kommt.“

Tor: Im Tor schaut in den nächsten Tagen vieles auf Raif Husic. Der 19-Jährige wird bei der U19-Nationalmannschaft bei der EM in Griechenland weilen, dürfte aber ob seines Talents zu seinen Drittligaeinsätzen kommen. Dahinter wartet mit Tobias Duffner (31) ein Oldie, der in der Drittligarelegation seinen Karrierefrühling erlebte und in 210 Minuten gegentorlos blieb. Ebenfalls in der Verlosung um Einsatzzeiten: Bundesliga Nummer 3 Zetterer, der im Winter aus Unterhaching kam. Mit 19 Jahren ebenfalls sehr talentiert und auf Einsätze angewiesen, momentan aber aufgrund eines Kahnbeinbruches nicht einsetzbar.

Bedarf: Keine Planstelle offen.

Bewertung: Zweimal Talent, einmal Erfahrung, die sich unlängst beweisen konnte. Mehrere Optionen gibt es, zwei haben das Talent, um zu den besten Keepern der Liga zu gehören. 7 von 10 Punkten.

Innenverteidigung: Mit Torben Rehfeld, Patrick Mainka und Angelos Argyris stehen die wichtigsten Säulen aus der erfolgreichen Vorjahresmannschaft aller Voraussicht nach weiterhin für Nouri zur Verfügung. Alle haben Potenzial, logischerweise fehlt die Drittligaerfahrung. Vorteil von Mainka und Rehfeld: Beide sind über 1,90, demnach stark in der Luft. Eine weitere Alternative: Oliver Hüsing. Der bewies in Rostock große Klasse, ist in der dritten Liga erprobt und ist Teil der ersten Herrenmannschaft. Hüsing ist noch zu weit weg vom ersten Aufgebot des A-Kaders, könnte per Leihe die 2. Bundesliga anvisieren. Bleibt er im Dunstkreis der Bremer Profis, wird Nouris Team profitieren.

Bedarf: Nicht vorhanden.

Fazit: Wie bei allen U-Teams: Talent ist vorhanden. Fast alles ist davon abhängig, wie die Jungspunde auf die stärkeren und vielseitigeren Stürmer reagieren. Bleibt Hüsing in Bremen und bekommt er in der zweiten Mannschaft praktische Einheiten, sieht es für Werder II gut aus. Stand jetzt: 11 von 15 Punkten.

Außenverteidiger: Von den beiden Stammverteidigern des letzten Jahres blieb nur einer direkt im Team: Leon Guwara ist erst 19, durfte aber schon ein Jahr im Männerfußball ran und bestand diese Herausforderung mit Bravour. Die „Kreiszeitung“ benennt ihn als Geheimtipp. Marnon Busch, der in der Relegation „nur“ aushalf, weil er sich zuvor im Bundesliga-Kader erfolgreich etablierte, kämpft dort um eine größere Rolle. Gleiches gilt für Janek Sternberg, der ein Anwärter auf einen Stammplatz in der Bundesliga ist. Luca Zander und Ulisses Garcia, ein Perspektivspieler, der aus Zürich an die Weser wechselte, komplettieren einen großen Stab Außenverteidigertalenten, mit denen auch in der Zweiten gerechnet werden muss.

Bedarf: Auch wenn die Besatzung häufiger wechseln wird – bei sieben Außenverteidigern in der Bundesligamannschaft, fünf davon im U23-Alter, sollte es zu keinen Engpässen kommen.

Fazit: Wieder viel Talent, wieder die Frage nach der Drittliga-Qualität. Anders als bei den Innenverteidigern könnten jedoch bundesligaerfahrene Spieler zu Einsätzen kommen. Problem: Wer wann und wie zu Verfügung steht, wird wohl von Spieltag zu Spieltag abhängig sein. 12 von 15 Punkten. 4

Zentrales Mittelfeld: Theoretisch könnten die Werderaner gleich ihre zwei prominentesten Neuankömmlinge einsetzen. Mit Rafael Kazior wurde aus Kiel ein gestandener und torgefährlicher Mittelfeldmann geholt, der die Mannschaft auf und neben dem Platz führen wird, mit Mohammed Aidara kommt zudem ein mit Nouri vertrauter Spieler aus Oldenburg. Ob beide wirklich zusammen die Zentrale bilden, ist unwahrscheinlich. Das hat zwei Gründe. Erstens: Kazior kann auch offensiver spielen, das nicht nur im Mittelfeld, sondern auch als hängender Stürmer. Bei der Ermangelung an drittligaerprobten Stürmern kann Kazior im Offensivspiel eingesetzt werden. Zweitens: Mit Lukas Fröde und Julian von Haacke schielen weitere Talente auf den Profikader, gerade den im letzten Jahr vorangehenden Fröde werden Chancen eingeräumt, seine Bundesligaträume zu realisieren. Nouri betont derweil, wie wichtig es sei, diese Spieler voranzubringen: „Oberste Priorität hat die Entwicklung unserer Talente. Denen wollen wir nicht die Plätze versperren.“ Hinter den beiden gibt es nicht nur viel junges Fußballblut, sondern mit Jesper Verlaat einen prominenten Namen mit Werder-Vergangenheit zu bestaunen.

Bedarf: Alle Planstellen geschlossen.

Fazit: Wie es um die zentralen Positionen bestellt ist, kann man wohl erst im Verlauf der Hinrunde mit Bestimmtheit sagen. Drittligafußball ist ein ganz anderes Level als Regionalliga, wie Talente auf harte Sohlen reagieren, muss erst noch in Erfahrung gebracht werden. Spielt Kazior zentral, hat Nouri aber eine verlässliche Säule. 9 von 15 Punkten.

Offensives Mittelfeld: 31 Tore erzielten die Kollegen Grillitsch, Eggestein, Hilßner, Schwede und Acycek im letzten Jahr. Das Positive aus Bremer Sicht: Alle fünf befinden sich weiterhin im Dunstkreis der Nouri-Elf, wobei insbesondere Acycek in der Bundesliga-Truppe eingeplant ist. Dennoch: Spontane Einsätze im U23 sollten nicht final ausgeschlossen sein. Unter gewissen Umständen eine potenzielle Verstärkung: Seeler-Enkel Levin Öztunali. Der dürfte aber noch seltener als Acycek zur Verfügung stehen. Beiden Talente wird eine große Bundesliga-Perspektive bescheinigt, Einsätze zwei Stockwerke tiefer wären wahrscheinlich die Folge von Verletzungen oder Formkrisen. Rafael Kazior könnte demnach tatsächlich mehr offensiv als defensiv zum Einsatz kommen. Nouri kündigt derweil einen offensiven Spielstil an, der sich unabhängig vom Spielermaterial beweisen soll: „Ich möchte keinen Spieler hervorheben, denn wir definieren uns als eine Einheit. Als solche wollen wir mutig und offensiv auftreten.“

Bedarf: Kaderplanungen scheinen hier weitestgehend abgeschlossen, ob die Breite ausreichen wird, bleibt abzuwarten.

Fazit: Statistiken, Namen und Einschätzungen von Jugenbeobachtern versprechen viel Talent, doch könnte die noch sehr dünne Offensivabteilung der Profis viele Talent-Einsätze verschlingen. Trotz Kazior fehlt hier die große Man-Power. 8 von 15 Punkten.

Sturm: Im Vordergrund steht mit Martin Kobylanski ein Rückkehrer. Der junge Pole war im letzten Jahr in die 2. Bundesliga ausgeliehen und spielte für Union Berlin eine durchaus relevante Rolle. 19 Mal kam er zum Einsatz, drei Mal traf er. Sein Marktwert liegt mit kolportieren 600.000 Euro allemal in oberen Drittliga-Verhältnissen. Ebenso im Fokus: Enis Bytyqi, 18, der erst sieben Mal Regionalliga spielte, dafür aber fünf Tore schoss. Die Explosion kam zum Ende der Rückrunde. Während der letzten drei Siege, wohlgemerkt gegen die Niederungen der Regionalliga-Nord, machte er alle seine Treffer. Die ebenso 18-jährigen Onur Capin und Ousman Manneh geben Tiefe. Mehr als nur Tiefe, sondern vielleicht große Spitze ist Maik Kukowicz. Der Deutschpole war mit 13 Toren am jüngsten Aufstieg tatkräftig beteiligt, allerdings fehlte in der Rückrunde der Torriecher, sodass er zusehends in die Rolle einer Ergänzungskraft gestülpt wurde.

Bedarf: Fünf Optionen müssen reichen, dazu könnten Profi Melvyn Lorenzen Einsätze winken, sofern ihm die Spielpraxis in der Bundesliga fehlen sollte.

Fazit: Kobylanski kann ein Drittligakracher mit 10+ Treffern sein, allerdings ist er, wie so viele junge Werderaner, ein Drittligaspieler im Konjunktiv. Deshalb bleibt festzuhalten: Alles kann, nichts muss. Das Risiko einer jeden 2. Mannschaft. 9 von 15 Punkten.

Der Trainer: Alexander Nouri ist mit 35 Jahren einer der jüngsten Trainer im deutschen Profifußball. Dennoch ist seine Erfahrung beachtlich,  betreute er doch vor seinem Engagement in Bremen  die 1. Herren vom VfB Oldenburg.  Die Ergebnisse sprechen für Nouri, der zuletzt eine besser besetzte Wolfsburger Mannschaft auf Distanz hielt. Die Dritte Liga ist nun die nächste Herausforderung einer raschen Trainerkarriere. Da die Erfahrung in diesem Bereich fehlt, gibt es Abzüge, dennoch sollte man Nouri für höhere Aufgaben auf dem Zettel haben. 7 von 10 Punkten.

Transferbilanz: Bremen holte sich mit Kazior einen Anker aus Kiel, der den Bruns-Abgang in Richtung Karrierende ausgleicht. Dazu kommt mit Kobylanski Zweitligaerfahrung zurück. Aber reicht das? Nach den Möglichkeiten und der eigentlichen Prämisse, dass die Talententwicklung über dem letztendlichen Liga-Erfolg der 2. Mannschaft steht, haben die Bremer vieles richtig gemacht. Wie die Saison laufen wird, hängt auch vom Profiteam ab. Braucht es viel junges Blut, kann es eng werden, sitzt der erste Werder-Anzug, kann die Mannschaft vielleicht sogar unerwartete Leistungsträger einkalkulieren. Zumindest für einige Einsätze. 4 von 5 Punkten.

Gesamt: 67 von 100 Punkten

→ Zur Kadernanalyse von Hansa Rostock
→ Zur Kaderanalyse von Werder Bremen II
→ Zur Kaderanaylse von Holstein Kiel

Hannes Hilbrecht

Hannes Hilbrecht schreibt und schrieb nebenbei für ZEIT ONLINE, NDR.de und den Berliner Tagesspiegel. Füllt ein Marketing-Magazin mit Liebe (GrowSmarter.de) Und er liest eine spannende Case Story genauso gerne wie den neuen Roman von Ralf Rothmann.