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Marlon Krause

Kiel Kapitän Krause im Interview: „Jetzt erst recht.“

Kiel-Kapitano Marlon Krause hat gesprochen. Und zwar mit uns. Die Themen: Seine neue Aufgabe, die Aufarbeitung des Dramas von München, Transferabwicklungen in Kiel und noch nicht ganz geplatzte Träume.

Foto: calcio-culinaria.de

FRISCHER FILM

Herr Krause, seit gut zwei Wochen sind Sie Kapitän. Was hat sich verändert?
Ich betrete als erster Spieler meiner Mannschaft den Platz und darf bei der Platzwahl entscheiden, von wo nach wo wir spielen wollen.

Das ist wenig.
Wenn ich ehrlich bin, hat sich eben nicht viel verändert. Ich bin der gleiche Typ wie vor meiner Wahl, gebe auf und neben dem Platz alles für Holstein.

Sie haben mehr Verantwortung.
Das ist möglich. Weil es zum Beispiel denkbar ist, dass Mitspieler noch häufiger zu mir kommen, wenn Redebedarf besteht. Aber auch hier möchte ich betonen: Schon in den letzten Jahren konnten die Jungs immer über alles mit mir sprechen, da es mir immer wichtig war, Verantwortung zu übernehmen.

Was ist denn besonders schön daran, eine Mannschaft anzuführen?
Die Kapitänsbinde hat ihren Reiz, ganz klar. Sie ist ein bisschen wie ein Statussymbol, dass man sich verdient hat. Man wird ja nicht ohne Grund zum Kapitän bestimmt.

Sie haben als Kapitän aber eine große Lücke zu schließen.
Rafael Kazior fehlt auf und neben dem Platz. Genauso wie viele andere, die uns verlassen haben. Aber es bringt nichts, jeden Tag zu heulen und zu sagen, dass wir sie vermissen. Wir müssen weitermachen und außerdem haben wir viele neue Jungs dazubekommen, mit denen es auch Spaß macht.

Bleiben wir noch kurz bei Kazior. Er war Kapitän beim „Drama von München“. Half er noch bei der Aufarbeitung?
Am Abend des Spiels ging er zu jedem Spieler, auf dem Platz oder in der Kabine, und baute uns in Einzelgesprächen auf. Er sprach uns Mut zu, machte uns klar, was wir erreicht hatten, bevor wir überhaupt in der Relegation scheitern konnten. Das war sehr wichtig und beeindruckend. Denn auch „Rafa“ hatte an der Niederlage und deren Folgen zu beißen.

Wie präsent ist die Nacht von München heute?
Das war mit dem Trainingsauftakt abgeschlossen.

Habt Ihr euch während des Urlaubs noch einmal getroffen, um das Trauma aufzuarbeiten?
Nein, das nicht. Aber es gab noch einen sehr wichtigen Moment. Kurz vor dem Saisonstart ist der Film Westring 501 entstanden. Bevor dieser Fans und Medien zugänglich gemacht wurde, haben wir ihn im Mannschafts- und Trainerkreis gesehen. Es kam eine besondere Stimmung auf, es kribbelte. Ich dachte mir: Jetzt erst recht.

Nun ist Holstein Kiel in der Sommerpause in die Offensive gegangen, hat sich ordentlich verstärkt. Wie verändert sich dadurch ein Team, das lange nur punktuell verstärkt wurde?
Grundsätzlich bekommen wir die Transfers ja auch meist erst durch die Medien oder Facebook-Seite des Vereins mit. Der Trainer schreibt nun nicht in die Whatspp-Gruppe rein, wer gerade bei uns unterschrieben hat. Also lernen wir die Spieler eigentlich erst auf dem Platz kennen und da läuft alles wie immer: Wir haben die Jungs super aufgenommen, sie haben sich super eingeführt. Wir stehen genauso geschlossen zusammen wie im letzten Jahr.

Wie macht man das? Lädt der Trainer zum gemeinsamen Grillabend, um die Kameradschaft zu stärken?
Wir haben bei Holstein Kiel eine besondere Kultur, denn bei uns integrieren sich die neuen Spieler, ohne das wir uns dafür verrenken. Wir planen das nicht, es passiert automatisch. Man geht spontan zusammen frühstücken oder gemeinsam zum Mittagessen, lernt sich ganz zwanglos kennen. Unsere Harmonie ist nicht gekünstelt.

Kann man sagen, dass der Konkurrenzkampf härter geworden ist?
Schon im letzten Jahr war der Konkurrenzkampf am Limit. Keiner konnte sich ausruhen, jeder hat alles investiert. Ein Patrick Auracher hat zum Beispiel nicht oft gespielt, in jedem Training aber 110 Prozent abgeliefert, weil er am Wochenende unbedingt spielen wollte. Diese Situation hat seine Konkurrenten stärker gemacht.

Der Kader scheint mir qualitativ hochwertiger. Im letzten Jahr war zum Beispiel Patrick Kohlmann konkurrenzlos gesetzt, jetzt droht wegen Czichos die Bank.
Wäre Fabian Wetter nicht verletzt gewesen, wäre der Konkurrenzkampf genauso spannend gewesen, wie der zwischen Rafael und Patrick heute.

Dennoch finde ich, dass die Mannschaft in diesem Jahr stärker besetzt ist.
Das muss wohl so sein. Schließlich schreiben das alle Journalisten, egal ob vom Kicker oder BLOG-TRIFFT-BALL. Ich sehe es jedoch ähnlich. Sage aber: Es ist zwar gut und schön, wenn man besser besetzt ist als im Vorjahr, in dem man schon sehr gut besetzt war. Aber das bedeutet ja nicht, dass wir den besseren Fußball spielen. Darauf kommt es aber an. Ob wir wirklich besser sind, oder nur auf dem Papier besser bestückt, kann ich erst in ein paar Monaten sagen. Dafür ist die Saison noch viel zu jung.

Die Saison begann für Holstein Kiel ja desolat. 0:4 gegen Mainz II. Kamen da nicht Selbstzweifel auf?
Die gab es bei keinem von uns. Weil wir wussten, dass es nicht an unserer Leistungsfähigkeit lag. Wir waren einfach schlecht. Richtig schlecht. Und haben nicht das gemacht, was wir eigentlich können.

Eine Woche später ein starker Auswärtssieg in Halle. Was ist in den acht Tagen passiert?
Wir haben alles aufgearbeitet. Der Trainer hat uns sehr konkret auf unsere Fehler hingewiesen. Dann haben wir gegen Halle einfach unsere Normalform abgeliefert und das umgesetzt, was der Trainer von uns sehen wollte.

Es lag also nicht daran, dass Krause und Wahl wieder in der Innenverteidigung spielten.
Überhaupt nicht. Mit der Viererkette Herrmann, Schmidt, Hartmann und Kohlmann hätten wir auch 2:0 gewonnen. Die Null verdienen ja nicht Hauke und ich allein, sondern die gesamte Truppe.

Sie sagten mir vor ein paar Monaten, dass Sie gerne mehr Tore schießen würden. Als Innenverteidiger stehen die Chancen eher schlechter als besser.
Theoretisch ja. Aber so viele Tore, wie ich im letzten Jahr als Innenverteidiger gemacht habe, nämlich zwei, sind mir als Sechser noch nie in einer Saison gelungen.

Abschließend: Wann muss ein Marlon Krause 2. Bundesliga spielen?
Es ist mein Ziel. Ich lechze danach, so hoch wie möglich zu spielen. Aber ich sehe auch, was ich an Holstein habe. Ich fühle mich wohl, meine Freundin kommt aus der Stadt. Ich sehe auch all das, was hier bereits entstanden ist und noch entstehen könnte. Wir haben den Klassenerhalt geschafft, am Aufstieg geknappert und vielleicht steigern wir uns weiter.

Hannes Hilbrecht

Wenn Hannes Hilbrecht nicht mittwochabends im Studentenkeller Moscow Mule trinkt, schreibt er für u.a. für ZEIT ONLINE, BLOG-TRIFFT-BALL oder seine HERMES-Bundesliga-Kolumne. Ab September ist sein Blog onewaytoseattle.com online. Sein Ziel: Auswandern in die schönste Stadt der Welt. Die ersten Schnipsel aus seinem ersten Roman-Projekt „W“ gibt es gratis dazu.