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Kiel-Manager Heskamp im großen Interview

Ralf Heskamp hat als Sportlicher Leiter einiges zu tun. Wir sprachen mit ihm über seinen Einfluss bei Holstein Kiel, den Spaß-Faktor bei Transfers und seinem Spickzettel für die Zukunft.

Foto: calcio-culinaria.de

FRISCHER FILM

Nun kennen die meisten Fans das Transfergeschäft aus Online- und Videospielen. Da bereitet es den meistens Fans Freude. Macht Ihnen die Realität auch Spaß?
Dass könnte ich jetzt so und so beantworten. Natürlich ist es eine spannende Geschichte, wenn man neue Spieler ins Auge fasst und sie verpflichten will. Anderseits gehört zu der Überzeugungsarbeit auch viel Kleinstarbeit. Man hat meistens mit Beratern zu tun, und wenn dann noch ein Familienclan dahinter hängt, kann es kompliziert werden.

Nun hat Kiel viel auf dem Transfermarkt gemacht. War es für die Aufarbeitung der Relegation wichtig, zu wissen, dass es im nächsten Jahr wieder offensiv weitergeht?
Für den Trainer und mich ging es sofort mit der Planung der neuen Saison weiter. Wir hatten gar nicht so viel Zeit, über die verpasste Chance zu trauern.

Man geht besser gestimmt in die Transferphase, wenn die ersten Kracher wie Denis Weidlich schon verpflichtet sind.
Das war absolut so. Es waren ja einige Spieler, die wir uns schon vor dem Ausgang der Relegation gesichert hatten. Das waren die Spieler, die wir die 2. Bundesliga zugetraut haben, die uns aber auch ihre Zusage gaben, im Nichtaufstiegsfall ebenfalls zu uns zu wechseln. Danach ging es darum, unseren Kader in der Breite weiter für die Dritte Liga aufzurüsten.

Mit Milad Salem verletzte sich ein Spieler früh. Kann so ein Ausfall auch ein Glücksfall sein, wenn der Ersatz so gut funktioniert, wie es mit Steven Lewerenz zu klappen scheint?
Erstmal sehen wir die Verletzung unseres Spielers Milad Salem, also kann es kein Glücksfall sein. Steven Lewerenz hat sehr gut begonnen. Es ist aber zu früh, die Spieler schon jetzt endgültig zu bewerten. Wichtig ist, dass die Spieler Konstanz in ihre Leistung bringen.

Wurde der sehr überzeugende Steven Lewerenz erst interessant, als es die Ausfälle gab?
Wir hatten ihn schon lange vorher auf dem Schirm. Das Problem war: Steven hatte in Würzburg bis 2017 Vertrag. Und für Holstein gilt ganz klar: Wir zahlen keine Ablösen.

Also hatte man Glück?
In diesem Fall kann man vom Glück sprechen. Allerdings muss ein Verein auch da sein, wenn sich neue Entwicklungen abzeichnen. Nur mit Glück bekommt man keine Spieler. Es war eine Mischung aus beidem.

Ihr Eindruck ist gefragt: Ist Holstein wirklich besser geworden als im letzten Jahr?
Das ist unser Anspruch. Uns war wichtig, dass wir unsere sehr gute Defensive mit einer gefährlicheren Offensive ergänzen. Unser Hauptaugenmerk lag unter anderen darauf, Spieler zu verpflichten, die uns dabei helfen, mehr Torgefahr und Chancen zu kreieren.

Wie können Sie eigentlich auf die Leistungen der Profis Einfluss nehmen, wenn die Transferphase vorbei ist?
Ich sehe mich als Person im Hintergrund. Meine Hauptaufgabe besteht darin, die guten Strukturen weiter zu optimieren und das Trainerteam so zu unterstützen, dass es sich voll und ganz auf die Arbeit mit der Mannschaft konzentrieren kann.

Haben Sie ein Beispiel?
Im Sommer haben wir einen neuen Torwartrainer verpflichtet, damit unserer bisheriger Torwart-Coach Karsten Wehlmann, der bis dahin auch Chefscout war, sich voll auf seine Scouting-Aufgaben konzentrieren kann und unsere Torhüter noch besser gefördert werden. Dafür haben wir Patrick Borger als Trainer verpflichtet.

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Was steht noch auf Ihrem Zettel?
Im Nachwuchsleistungszentrum wäre für uns ein Internat wichtig.

Wieso?
Wir können jungen nicht Spielern zumuten, jeden Tag 120 Kilometer hin und wieder zurück zu fahren. Gerade in einem großen Bundesland wie Schleswig-Holstein muss man das beachten. Zum Wohle der Kinder und Jugendlichen.

Karsten Neitzel äußerte mal den Wunsch nach einem Beachvolleyballfeld. Er meinte, er könne ein Feld für die Torhüter gebrauchen.
Davon höre ich zum ersten Mal. Vielleicht kann man das in die Planungen für Nachwuchsleistungszentrum einbeziehen.

Wie schwer war es eigentlich für Sie, bei Holstein Fuß zu fassen? Sie sind gekommen, als Kiel bereits auf dem aufsteigenden Ast war.
Eben weil der Verein gut geordnet und strukturiert ist, brauchte ich nicht viel Einarbeitungszeit.

Aber konnten Sie überhaupt viel bewirken?
Ich bin nicht der Typ, der sich in den Vordergrund stellt und alles neu machen will, nur um sich selbst zu präsentieren. Deshalb fiel es mir nicht schwer, mich zurückzunehmen und nur zu versuchen, dass das, was schon sehr gut umgesetzt wurde, vielleicht noch um die eine oder andere gute Idee bereichert wird.

Wie konnten Sie noch auf die Rückrunde Einfluss nehmen?
Zum Beispiel damit, dass wir zusammen einige Dinge besprochen haben und gemeinsame Entscheidungen trafen, die sich ausgezahlt haben.

Die wären?
Dass wir im Winter keine neuen Spieler geholt haben. Wir wollten keine Unruhe reinbringen, sahen eine sich positiv entwickelnde Mannschaft. Vielleicht war das ein entscheidender Grund für die Rückrunde. Außerdem war es wichtig, den Trainervertrag so zeitig wie möglich zu verlängern. Nicht nur um dieses Thema sofort abzuhaken, sondern auch um bereits in der Rückrunde die kommende Saison planen zu können.

Sportliche Leiter neigen dazu, ihre eigenen Vorstellungen mitzunehmen. Auch was die Trainerbank betrifft. Hatten Sie jemand anderes als Karsten Neitzel im Kopf?
Nein. Auch weil es bei Kiel sportlich lief, es überhaupt keinen Grund gab, über Alternativen nachzudenken. Dazu kam, dass ich schnell einen guten Eindruck von der Arbeit des Trainerteams gewinnen konnte. Deshalb gab es bei mir nie Zweifel an einer zeitnahen Verlängerung.

Ist die letztjährige Rückrunde der Grundstock für ein bald aufstiegsreifes Holstein Kiel?
Grundstock finde ich übertrieben. Hier ist schon sehr viel vor der sehr erfolgreichen Rückrunde entstanden. Was aber völlig klar ist: Mehr Werbung konnte man für das Image unseres Vereins in einem halben Jahr nicht machen.

Wie äußern sich die Vorteile des neuen Images?
Holstein Kiel wird inzwischen als guter Drittligist wahrgenommen. Die Spieler sehen mehr als das relativ kleine Stadion, sondern wollen das gesamte Paket kennenlernen. Und das ist eben gut und kommt an.

Hat auch das Relegations-Drama irgendwie geholfen?
Wie ärgerlich und traurig es war, ja. Mein Eindruck ist, dass diese bittere Stunde sehr viele Fans mit Holstein Kiel emotional verbunden hat. Das war ein Moment, der Holstein für sehr viele Fans im Norden greifbar gemacht hat.

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Auch Sie?
Auch ich fühle mich seit diesem Abend noch mehr mit dem Verein verbunden.

Herr Heskamp, nach den stressigen Transferwochen. Was steht danach an?
Auch wenn es zwei Zeitfenster gibt, laufen die Kaderplanungen kontinuierlich weiter. Wir schauen jetzt schon danach, wie wir die Mannschaft in Zukunft weiter verbessern können.

Und wann geht’s in den Urlaub?
Der ist noch nicht geplant.

Hannes Hilbrecht

Wenn Hannes Hilbrecht nicht mittwochabends im Studentenkeller Moscow Mule trinkt, schreibt er für u.a. für ZEIT ONLINE, BLOG-TRIFFT-BALL oder seine HERMES-Bundesliga-Kolumne. Ab September ist sein Blog onewaytoseattle.com online. Sein Ziel: Auswandern in die schönste Stadt der Welt. Die ersten Schnipsel aus seinem ersten Roman-Projekt „W“ gibt es gratis dazu.