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… seit acht Jahren lebt Reinke in Bölkow bei Güstrow.

Aufm Dorf – Hofbesuch bei Andreas Reinke

Eine Mecklenburger Legende. Andreas Reinke, zweimaliger Deutscher Meister, empfing BLOG-TRIFFT-BALL auf seinem Hof zum Gespräch. Der Report vom Land, über sein liebtes Vehikel und glückliche Kälber. Das Interview folgt in Kürze.

Die Frage überrascht ihn, das merkt man sofort. „Wo ist der Porsche?“, hatten wir mit ein wenig Witz gefragt. Doch Andreas Reinke, zweimaliger Deutscher Meister mit dem 1. FC Kaiserslautern und Werder Bremen, überlegt dennoch einen Moment, bis er seine Antwort feinjustiert hat. „Da steht er doch, der grüne Buss. Bussi.“

FRISCHER FILM

Gemeint ist Reinkes berühmter VW-Transporter (Baujahr 1996), der auf dem Hof logiert. Dem das BTB-Mobil bereits zehn Minuten gefolgt war, von der Kleinstadt Güstrow bis aufs Land, wo Internetbalken auf den mobilen Geräten einer Rarität gleichen. Dort wo der einstige Bundesligastar nun lebt, eine kleine Landwirtschaft betreibt. „Ein Porsche sieht super aus, keine Frage. Aber man kommt leicht rein, aber nur schwer wieder raus“, scherzt Reinke nun etwas offensiver, der das anfängliche Misstrauen nach kurzer Abtastphase offenbar abgelegen konnte.

Dabei stellen die Grundzüge des Reinke-Ruhestands auf dem Land und sein Faible für seinen Bully schon lange keine Geheimnisse mehr dar. Die „Elf-Freunde“ riefen einmal nur wegen des Busses an, verfassten ein ganzes Interview über das erstaunlich bescheidende Profigefährt. Andere Zeitungen berichteten ebenfalls bereits vom Lindenhof, erzählten die Geschichte des Torstehers, der sein Biotop 50 Autokilometer von Rostockern entfernt fand, eingerahmt von Wiesen, gepflügten Feldern und einem Wäldchen, das sich nur ein paar Fußminuten von der Weide entfernt säumt.

Es folgt eine interessante Tour über den Dreiseitenhof, die vor allem eines offenbart: die Liebe zum Detail. Im dem einen Gebäude, wo sich früher eine Stallung befand, nun aber ein Partyraum für bis zu 75 Gäste seine Pforten öffnet, ist der Putz an der Wand rau, der Vorraum ist urig dekoriert. Ein bisschen wie die  Siebziger im Westen und den 80gern im Osten, mit einem alten Radio, das auf dem hölzernen Zustelltisch zu alten Sesseln thront: „Hier kann man ordentlich feiern. Schon viele schöne Feste haben wir hier organisiert“, erzählt Reinke nun, hinter dem Tresen stehend, und Kaffee aus der Maschine in Havanna-Gläser füllend. „Könnt auch das richtige Zeug haben, wenn ihr wollt“, fragt der 45-Jährige nun breitgrinsend, eine Flasche aus der Bar herausziehend, um sie beim Anblick der verzerrten Reportergesichter mit einem Grinsen rasch wegzustellen.

Was Reinke noch nicht wusste: einer der beiden BTB-Jungs hatte am Vorabend ausversehen und vollkommen ungeplant über die Maßen gezecht, der andere hatte unter der Fahne des Nebenmanns am Steuer gelitten, bis die ersten Pfefferminz-Bonbons ihre Wirkung gezeigt hatten.

Obwohl es im Gastraum kühl ist, wirkt der Raum gemütlich. Selbst die Hansa-Profis, so erfährt BLOG-TRIFFT-BALL im Vorgespräch, hätten hier einen Mannschaftsabend samt Spielerfrauen verbracht. Waren mit Reinkes Traktor unterwegs, hätten viel Spaß gehabt, wie der im Frühjahr entlassene Co-Trainer berichtet, der oft von Jungs und nicht von Spielern oder Akteuren spricht.

Über Hansa Rostock möchte der einstige Bremer gar nicht sprechen. Höchstens werden alte Anekdoten erzählt, meistens in der Zeit spielend, als er selbst zu DDR-Oberligaspielen ging, samt der Familie regelmäßig das Ostseestadion besuchte. Auspackt, dass er zweimal während seiner Profikarriere den Versuch forcierte, an der Küste zu landen. Einmal am Schicksal scheiterte, das andere Mal, längst mit zwei Meisterschaften im Gepäck, einfach nicht mehr gewollt war.

Dabei sind nicht nur die Erzählungen mit ihren Pointen interessant, sondern es sind vermehrt die kleinen Dinge, die einem auffallen. Zum Beispiel, dass weder im Partyraum noch im Wohnbereich die Devotionalien einer großen Profikarriere auffallen – sondern eher die Couch, die nicht wie in deutschen Wonhnzimmern überlich, vor einem Fernseher steht, sondern eine große Fensterfront mit Blick auf die Natur bietet.

„Er muss doch niemanden zeigen, was er erreichen konnte. Das weiß er, das wissen wir. Deshalb trägt er das nicht extra zu Schau“, erklärt seine Frau die fußballbefreiten Wände ohne Profitrikots und Pokalkopien. Nur ein Relikt fischt Reinke heraus, nimmt es kurz in die Hand, stellt es dann wieder umgehend zurück. Es ist eine Flasche Rotwein aus Murcia, die er zum Abschied aus Spanien bekam.

Es wird ein langes Gespräch, das unaufgeregt führt wird. Ein Gespräch über das größtmögliche Themenspektrum. Vom Organisations-Tohuwabohu bei Champions-League-Auftritten bis hin zu den Höhepunkten des Landwirt-Alltages: „Wenn wir Kälber bekommen, sie gesund sind, und wenn man dann beim Aufwachsen zuschaut, das macht mich glücklich“, haucht Reinke, fast ein bisschen leise, komplett konträr zur bulligen Statur.

Der Blick über die Weide hin zu den Kühen, ist die letzte Station des Nachmittags. Es ist ein schöner Moment. Zumindest für uns BTB-Reporter. Wie kennen ihn nämlich, vom eigenen Zuhause. Von den mecklenburgischen Dörfern, in denen auch wir aufgewachsen sind. Muuuh!

Das große Reinke-Karriereinterview findet ihr HIER.

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Hannes Hilbrecht

Wenn Hannes Hilbrecht nicht mittwochabends im Studentenkeller Moscow Mule trinkt, schreibt er für u.a. für ZEIT ONLINE, BLOG-TRIFFT-BALL oder seine HERMES-Bundesliga-Kolumne. Ab September ist sein Blog onewaytoseattle.com online. Sein Ziel: Auswandern in die schönste Stadt der Welt. Die ersten Schnipsel aus seinem ersten Roman-Projekt „W“ gibt es gratis dazu.