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Das große Ilicevic-Umdenken

Grausam und unfassbar: Es ist schon wieder passiert. Mit überwältigendem Vorsprung wurde Ivo Ilicevic auf www.bundesliga.de auch in der 14. Runde zum „Spieler des Spieltags“ gewählt. Zum zweiten Mal in Folge.  Für mich, der nichts, aber auch gar nichts von Ivo Ilicevic hält, ist das im Grunde ein Alptraum. Denn ich bin der Meinung, dass Ilicevic bislang zu den zehn größten Transferflops der HSV-Bundesligahistorie zählt. Er hat viel zu wenig geleistet und viel zu viel Geld verdient.

Foto: Torsten Helmke

Doch fange ich am besten mal ganz vorne an: Seine ersten Schritte im bezahlten Fußball machte Ilicevic 2005 beim damaligen Regionalligisten Darmstadt 98. Dort hielt ein gewisser Bruno Labbadia die Trainerzügel in der Hand und zog den dribbelstarken Kroaten nach der Winterpause von der U19 in den Herrenkader. Als Jüngling gelangen Ilicevic in 14 Partien zwei Treffer. In der darauffolgenden Saison verbesserten sich die Werte des Spielers noch einmal: Der als 18-Jähriger in die Serie gestartete Ilicevic mauserte sich zum Stammspieler und traf in 30 Begegnungen sechsmal.

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Gute Leistungen talentierter Spieler rufen Späher anderer, größerer Klubs auf den Plan. So läuft das Geschäft, und im Falle von Ivo Ilicevic war es nicht anders. So wechselte er zur Saison 2006/07 zum Bundesligisten VfL Bochum. Vielleicht war dieser Schritt ein zu großer – verdenken kann man Ilicevic ihn sicher nicht. Welcher junge Kerl würde die Chance ungenutzt lassen, wenn plötzlich ein Bundesligist anklopft? Mehr als 19 zumeist Kurzeinsätze, in denen ihm zwei Treffer gelangen, sollten für Ivo in der ersten Saison in Bochum jedenfalls nicht herausspringen. In der ersten Hälfte der Saison 2007/08 waren es schließlich nur noch sechs Partien. So wechselte er schließlich in der Winterpause leihweise zur SpVgg Greuther Fürth in die Zweite Liga.

Warum ausgerechnet Fürth? Nun ja: Es mag daran gelegen haben, dass dort ein gewisser Bruno Labbadia Trainer war. Unter ihm absolvierte Ilicevic elf Spiele für die Franken – eine Sprunggelenksverletzung verhinderte weitere Einsätze. Ilicevic und die Verletzungen sind eh ein Thema für sich, doch dazu später mehr. Im Sommer 2008 folgte Labbadia, der Greuther Fürth immerhin auf Rang sechs der Zweiten Liga geführt hatte, dem Lockruf Bayer Leverkusens und wechselte in die Bundesliga. Sein Schützling Ilicevic blieb noch ein Jahr und entwickelte sich zum gestandenen Zweitligaspieler, der in 27 Einsätzen vier Tore erzielte und sieben Assists beisteuerte.

Für den VfL Bochum, der noch immer alle Transferrechte an Ilicevic besaß, reichte dies dennoch nicht, um ihm einen Platz im Kader anzubieten. So wurde der Kroate erneut ausgeliehen, diesmal an den 1. FC Kaiserslautern. Dort spielte er eine ähnliche Saison wie im Jahr zuvor, erzielte in 30 Spielen vier Tore und gab fünf Vorlagen. Am Ende der Saison 2009/10 stand der Aufstieg in die Bundesliga fest.

Ilicevic avancierte zum Leistungsträger der Roten Teufel und lieferte seine bis heute beste Saisonleistung ab: Zwölf Scorerpunkte in nur 21 Spielen – das ist in etwa die Quote, mit der Pierre-Michel Lasogga in der Saison 2013/14 den HSV in der Liga hielt.

Nun hatte endlich auch der HSV Notiz von Ilicevic genommen. So eröffneten die Rothosen im Sommer 2011 einen Verhandlungsmarathon, der erst Ende August beendet wurde. Da hatte Ilicevic schon vier Spiele für Kaiserslautern absolviert. So weit, so gut. Das Dumme nur: Im letzten Spiel für die Pfälzer, einer 0:3-Pleite gegen den FC Bayern, fing sich Ilicevic in der 90. Minute eine Rote Karte ein, die eine Sperre von vier Spielen mit sich zog. Im Klartext: Acht Spieltage der Saison waren Vergangenheit, ehe der vier Millionen Euro teure Neuzugang erstmals eingesetzt werden konnte. Gegen den SC Freiburg spielte er dann schließlich 24 Minuten lang und erzielte beim 2:1-Sieg sogar ein Tor. Danach: fiel er drei Spiele wegen eines Muskelfaserrisses aus.

Meiner Meinung nach steht diese Geschichte sinnbildlich für den ganzen Auftritt Ivo Ilicevics beim HSV: Ivo kann eine ganze Menge am Ball – wird aber immer wieder und viel zu häufig durch Verletzungen oder unreifes Verhalten zurückgeworfen. Und seine Kunst am Ball ist oftmals nur brotlos.

Seit Ilicevic beim HSV ist – immerhin spielt er schon seine fünfte Saison bei uns, so lange war er bei keinem anderen Klub – zog er sich nicht weniger als 13 Verletzungen zu.

Von der Bauchmuskelzerrung über Oberschenkelprobleme bis hin zu Knocheneinblutungen war wirklich alles schon dabei. Diese Probleme führten dazu, dass er in den vergangenen vier Jahren exakt 350 Tage bzw. in 61 Punktspielen gefehlt hat. In den 53 Bundesligaspielen, die er vor der laufenden Serie für den HSV bestritten hat, lieferte er, der als kreativer Part im Mittelfeld seine Kollegen mit Vorlagen füttern sollte, genau EINE Torvorbereitung ab. EINE. Das ist eine so schlechte Leistung, die jeder weiteren Beschreibung spottet. Da helfen auch die sechs in dieser Zeit erzielten eigenen Tore nichts, von denen darüberhinaus vier keinen besonderen Wert hatten, da sie lediglich der Ergebniskorrektur bei Niederlagen dienten.

Der Ivo Ilicevic der laufenden Saison ist aber, und das nehme ich mit großer Freude zur Kenntnis, ein anderer. Mag es eventuell daran liegen, dass sein Vertrag am Saisonende ausläuft und er eine Schippe drauflegt, um eine gute Verhandlunsposition einnehmen zu können? Wie auch immer: Er präsentiert sich nicht nur gewohnt lauf- und dribbelstark, sondern musste noch nicht ein einziges Mal wegen einer Verletzung pausieren. In den bisherigen 14 Spielen erzielte er zwei wichtige Treffer (gegen Werder Bremen sogar ein besonders schönes) und legte drei weitere vor. Das ist eine hocherfreuliche Quote, zumal als Spieler bei einem Verein, der gegen den Abstieg spielt und der nicht gerade dafür bekannt ist, Woche für Woche ein Offensivfeuerwerk abzubrennen.

Bruno Labbadia weiß offensichtlich, wie er Ilicevic anpacken muss. Lässt Ivos Leistung mal ein wenig nach, lässt der HSV-Trainer ihn eben mal ein, zwei Spielchen nicht von Beginn an ran – und kann sich sicher sein, dass er danach wieder hochmotiviert zu Werke geht. Und ich konstatiere gern und ohne Gram: Ein Ivo Ilicevic in dieser Form ist ein eminent wichtiger Spieler für den HSV, vielleicht sogar der Wichtigste.

Mein frommer Wunsch fürs Wochenende: Möge er diesen Weg weitergehen und seinen persönlichen Hattrick bei der Wahl zum „Spieler des Spieltags“ schaffen. Auch wenn das für mich grausam und unfassbar wäre.

Sascha Rebiger