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HSV_Stadion_Helmke

Wen interessieren schon Testspiel-Ergebnisse.

Endlich. Die Bundesliga erwacht aus ihrem Winterschlaf, der große HSV empfängt zum Beginn der Rückrunde den Rekordmeister FC Bayern München. Fast angenehmer noch als die Tatsache, dass der Ball wieder rollt, ist der Nebeneffekt, dass der Fokus aller exakt darauf liegt – und Nebenkriegsschauplätze wieder zu dem degradiert werden, was sie sind: Randnotizen.

© Torsten Helmke

Was den HSV angeht: Der nach wie vor hohe Schuldenberg, maue Testspiel-Ergebnisse, unmögliche Testspiel-Auftritte gegen unterklassige Gegner oder solche, die aus „schwächeren“ Ligen stammen, der kaum vorhandene Markt für überbezahlte Reservespieler und Tribünenhocker – das alles nahm in den vergangenen Wochen viel zu viel Raum ein. Und um ehrlich zu sein: Mich interessierte nichts davon.

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Dass der HSV finanziell nicht über Nacht auf Rosen gebettet ist, dürfte jedem klar sein, der sich in den vergangenen Jahren auch nur ansatzweise mit diesem Thema beschäftigt hat. Und da die Bundesligalizenz nicht gefährdet ist, ist es – Entschuldigung – scheißegal, ob der Verein nun ein Minus von 16,9 Millionen Euro oder Dreimarkfuffzich erwirtschaftet hat. Die Spieler werden deshalb keinen Deut besser oder schlechter werden und keinen Meter mehr oder weniger laufen. Auch Testspiele nehme ich traditionell maximal zur Kenntnis – aber niemals ernst. Wer weiß schon, wie der jeweilige Leistungsstand der Rivalen auf dem Feld ist?

BLOG-TRIFFT-BALL-Blogger Sascha Rebiger

BTB-Blogger Sascha Rebiger

Haben die Young Boys Bern eventuell zuvor ausgespannt, während unsere Jungs Bleiweistentraining absolvierten? Man weiß es nicht. Und selbst wenn die Kontrahenten vor dem Anpfiff auf dem exakt gleichen Trainingsstand gewesen wären: Oft entscheidet ein gewisser Faktor namens Tagesform über Sieg oder Niederlage. Oder verletzte und deshalb nicht anwesende Spieler. Oder Nachwuchskräfte, die in solchen Spielen – der Name deutet es an – getestet werden. Oder, oder, oder.

Immerhin: Deutlich vor dem Bundesliga-Rückrundenauftakt konnte eine sehr wichtige Personalfrage geklärt werden. Marcelo Diaz wurde an einen spanischen Verein verkauft, wohl für zwei Millionen Euro. Für mich war Diaz ein Mann, der mit dem Ball umzugehen wusste und der über ein gutes Auge verfügte und auch in kritischen Situationen meist nicht nur die Ruhe behielt, sondern auch die richtige Entscheidung traf.

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Ein Kultspieler, ein Halbgott, ein Profi, der mit allen Mitteln gehalten werden muss, war er in meinen Augen aber längst nicht. Nehmen wir mal an, er hätte den ominösen Freistoß damals nicht getroffen – wäre er in den Augen der Fans, die ihn seitdem verehren, nicht nur einer von vielen? Zudem einer, der zwar lockere Sprüche macht, aber anschließend nur Luft pumpt? Konjunktiv, klar. Aber ihn wegen dieser einen – zugegebenermaßen grandiosen und wichtigen – Szene in den Gottesstand zu heben, erscheint mir fragwürdig. Ich bin tatsächlich froh, dass Marcelo Diaz nicht mehr hier ist. Er wollte im Sommer eine Gehaltserhöhung (die will ich auch) und bekam sie nicht. Zudem beklagte er sich über zu wenig Einsatzzeit. Diaz war also ein halbes Jahr unzufrieden. Ohne Aussicht auf Besserung. Und genau das ist etwas, was sich der HSV nicht erlauben kann. Sportlich, zwischenmenschlich und finanziell.

Nun steht wieder das sportlich Wichtige im Vordergrund. Es geht um Punkte, gegen die Bayern darüberhinaus um ein Stück Rehabilitation. Und am Ende geht es darum, wenigstens einen Platz besser in der Tabelle da zu stehen als in den vergangenen beiden Jahren. Der Weg dorthin ist ein steiniger. Am Anfang wird es einen Rückschlag geben. Man muss sich darauf einstellen, dass der FCB nicht unbedingt aus dem Volksparkstadion geschossen wird. Danach wird es dann wirklich ernst. Allerdings bin ich so entspannt wie selten zuvor.

Wenn der HSV in dieser Saison etwas bewiesen hat, dann nämlich dieses: dass er eine riesige Wundertüte ist. Niederlagen gegen Jena und Hannover überraschten uns Fans ebenso wie Siege gegen Dortmund und Gladbach – ganz egal, unter welchen Voraussetzungen und mit viel Glück oder Pech sie zustande gekommen sind. Ich bin sicher, dass es auch in der Rückrunde wieder viele Momente zum Kopfschütteln geben wird – im positiver wie in negativer Hinsicht. Ich wünsche dem HSV gegen den FC Bayern Glück. Er wird es brauchen. Und für die Zeit danach: Gesundheit. Dann regelt sich, da bin ich mir sicher – vieles von selbst.

Hier bloggt Sascha Rebiger (Gewinner Goldener Hashtag 2014), folgt ihm bei Twitter: @rebiger

Sascha Rebiger