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Der Ruderbulle

U19-Weltmeister, Junioren-Olympiasieger und schon bei einer der kommerziell erfolgreichsten Firmen der Welt unter Vertrag: Welcher 19-Jährige kann das von sich behaupten? 

Foto: Die Norm

Stolz legt Tim Ole Naske seine beige Kappe mit den unverkennbaren Bullen, die sich in der Mittagssonne Horn an Horn gegenüberstehen, auf den Tisch. Für die kommenden zwei Jahre ist das seine Arbeitskleidung. Er ist der erste deutsche Ruderer, der vom österreichischen Brauseriesen unterstützt wird. Die Kappe ist sicher einer der großen Titel, die der Hamburger Nachwuchssportler bisher errungen hat.

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Nur neun Jahre hat Naske bis dahin gebraucht. Mit zehn Jahren saß er das erste Mal im Boot. Damals noch beim Ruderverein Teichwiesen am Alsterlauf. Mit dreizehn ging es dann die Alster weiter runter Richtung „RG Hansa“, bei dem ihn sein Mentor und „Vater seines Erfolgs“ Stephan Froelke trainierte.

Seine ersten Erfolge feierte Naske 2013 im litauischen Trakai auf der Junioren-WM im Doppelzweier mit dem Brandenburger Phillip Syring. Obwohl die beiden mittlerweile Konkurrenten um die Vorherrschaft an der deutschen Spitze sind, blieb das Verhältnis freundschaftlich, auch nachdem Syring bei der letzten Meisterschaft gewann. „Klar war ich enttäuscht und etwas genervt. Anderseits freue ich mich natürlich für einen Freund. Der Konkurrenzkampf zwischen Philip und mir wird rein sportlich ausgetragen“, sagt Naske. Unter Ruderern herrsche generell ein gutes Klima, erzählt er auch. Meistens.

Das überrascht. Nicht etwa, weil man den Muskelbergen kein sensibles Teamwork zutraut. Sondern weil in kaum einer anderen olympischen Sportart der Konkurrenzdruck so hoch ist. Die Leistungsdichte ist in Deutschland durchaus extrem. Es gibt viele talentierte Sportler, zu den großen Wettkämpfen fahren aber nur die besten. Und um der Beste zu sein, müssen Naske und seine Mitstreiter bitter leiden.

Wie zuletzt in Dortmund, wo die letzten freien Plätze für die Wintertrainingslager „Perspektive Olympia“ vergeben wurden. Auf dem Ergometer müssen die Sportler gegen die Maschine und die Konkurrenten kämpfen. Wer die vorgegebenen 2000 Meter nicht in der gesetzten Zeit schafft, könnte Olympia schon an diesem einen verregneten Tag verpassen. „Die Maschine ist fies, ehrlich“, sagt ein Rudertrainer.

Naske kämpft wie ein Stier, muss seine Kraft optimal einsetzen. Er hat zugelegt die letzten Monate, denn er muss seine für Ruderer eher geringe Körpergröße von 1,84 Metern sogar ausgleichen. Immer wieder zieht er sich an den Beinen in die Auslage, um sie dann wieder schnellkräftig zu strecken, den letzten Teil des Durchzugs leisten die Arme, hohe Schlagzahl, Hände bis an den Körper ran, anaerob die letzten nicht enden wollenden Meter. Jeden Schlag ausnutzen, kämpfen, die Gegner links und rechts von ihm kämpfen wie er, das hört er, die Trainer feuern an, geben Tipps, schreien… sein Gesicht vor und zurück, der Blick wild, wirr, … Nach sechs Minuten fällt TOle, wie er genannt wird, nach vorne, die Arme scheinen nach der Entspannung willenlos. Dann lächelt er. Er hat es geschafft. „Ich habe mehr Angst vor dem Schmerz als vor der Zeit“, hatte Naske vor dem Test gesagt. „Ein Wahnsinn, den wir hier betreiben.“

TOle im Kreis der besten Skuller.Zur Zeit ist Ruderer Tim Ole Naske im zweiten Wintertrainigslager der…

Posted by DIE NORM 2016 on Mittwoch, 10. Februar 2016

Der Blick auf die Gleichaltrigen, die in den vermeintlichen Volkssportarten aktiv sind, ist für Ruderer wie Naske schon auch frustrierend. „Was ein Profifußballer in der Woche trainiert, trainiert ein Ruderer in zwei Tagen. Trotzdem verdient der Fußballer fünfstellig im Monat“, sagt Naske.

Er selbst arbeitet sechs Tage die Woche an seiner Karriere. Um acht Uhr geht es aus dem Elternhaus und dann mit dem Auto nach Allermöhe. Hier wartet die Dove-Elbe auf den Athleten. Im Winter auch nicht wirklich heimelig. Nach neunzig Minuten im Boot werden dreißig Minuten auf dem Fahrrad abgespult. Naske sagt: „Rudern ist 70 Prozent Beinarbeit!“ Zu den Schichten auf dem Wasser kommt die Arbeit im Kraftraum, täglich wird sich geschunden. Der Lohn für die Qual? „Wenn die eigene Kraft in Geschwindigkeit umgewandelt wird, und das Boot über das Wasser fliegt, dann ist das ein unbeschreibliches Gefühl“, sagt Naske.

Genau dieses Gefühl motiviere ihn, täglich sein Bestes zu geben und auf das große Ziel Olympiagold hinzuarbeiten. Ob er schon nächstes Jahr in Rio die Möglichkeit haben wird, sich mit den ganz Großen der Welt zu messen, ist noch unklar. Naske ist mit seinen neunzehn Jahren mit Abstand der Jüngste im erweiterten Olympiakader des DRV, und unter Ruderern geht man schließlich davon aus, dass der Leistungszenit erst knapp vor 30 erreicht wird.

Eine Chance hat Naske trotzdem. Die nächsten Worldcups sind ausschlaggebend für eine mögliche Nominierung. Sollte er an seine persönliche Bestleistung (6.44 Minuten auf 2000 Meter) herankommen, könnte ein olympischer Sommer an der Copa Cabana nahen. „In Rio 2016 ist es mir eigentlich egal, wo ich eingesetzt werde. Ich würde auch als Ersatzmann mitreisen, die Erfahrungen, das Erlebnis kann mir niemand nehmen“, sagt Naske.

Und vielleicht gibt es dann für Naske den schönsten Satz nach einem Wettkampf. „TOle, das hast du gut gemacht“, lobte nämlich die Mutter, als der Sohn im bulgarischen Plodiv U23-Weltmeister wurde.

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Benny Semmler

Papa, Blogger, Mitgründer FRISCHER FILM, Seniorenspieler USC Paloma, Mitglied UnterstützerClub des FC St. Pauli, Towers-Fan und Gotnexxt.de-Follower.