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Julian Künkel: Namibia forever?

TSV Buchholz 08 hieß das Thema, als Julian Künkel unlängst ins BTB-Büro joggte. Dann, mittendrin, kippte die Geschichte und plötzlich saßen wir im Busch von Namibia. Dort verbrachte Künkel mehrere Monate. Hier nun seine Geschichte made in Africa.

Julian, vergessen wir Buchholz 08. Du bist Fußballprofi in Namibia gewesen und kaum einer hat es gewusst.
Na ja Harry, also eine Profikarriere war es nun nicht. Aber ich habe während meines einjährigen Aufenthalts (August 2009 – August 2010) bei Swakopmund FC* gespielt. Das war ein Verein in der zweiten namibischen Liga.

Fußball in Namibia, erzähl mal.
Der Fussball ist unglaublich schnell. Es geht dort nur hin und her und Taktik findet im Grunde null statt. Der Ball wird nach vorne zu den Stürmern geschossen und die dribbeln dann, wie man das von Afrikanern kennt.

FRISCHER FILM

Also viel Tricks und wenig Resulat?
Natürlich. Hauptsache Spaß und Zirkus.

Und dann kam der Deutsche und brachte grundsoliden Fussballverstand mit. Wer hat denn mehr von wem gelernt?
Am Anfang war es ziemlich schwierig, allerdings für beide Seiten. Und eigentlich kann man auch sagen, dass bis zum Ende weder die Namibier meine, noch ich deren Philosophie angenommen habe.

Afrikanische Tugenden wie Gelassenheit und Disziplinlosigkeit sind ja auch nicht gerade Buchholz-like.
Nein, wahrlich nicht. Es war ganz schwierig sich daran zu gewöhnen. Das ging bei der Arbeit schon los. Die haben das Motto: Wenn ich es heute nicht mache, dann eben morgen oder übermorgen. Das stelle dir mal in Deutschland vor.

Aber Dich hat das African-Life trotzdem gepackt.
Auf jeden Fall. Du rutscht mit der Zeit einfach so rein, bist plötzlich auch nicht mehr der punktgenaue Deutsche sondern lässt die Seele auch mal ein Stündchen länger baumeln.

Bekannte Fußballer aus Namibia waren übrigens:
Collin Benjamin und Razundara Tjikuzu.

Erzähl mal von den Busfahrten – wir haben ja da die Bilder von nonstop-tanzenden Afrikanern im Kopf. Selbst vor WM-Spielen drehen die ja am Rad.
Du, wir sind phasenweise 600 Kilometer zum Spiel geheizt, also wirklich geheizt. Bei brütender Hitze. Hier stöhnen die Leute, wenn sie 30 Kilometer reisen und nach Buchholz müssen. Aber das Reisen quer durch das Land hat richtig Spaß gemacht. Es wurde laute Kwaito-Musik gehört, das ist ähnlich der europäischen House-Musik. Und dann geht’s mit Partystimmung durch Afrika. Teilweise hüpfen riesige Antilopen über dein Auto und die Straße. Da ist nichts mit Konzentration.

Erzähl von den Spielen.
Wir haben in der Hitze bei 40 Grad auf Sandboden gespielt. Dazu muss man sagen, dass die Jungs im Jugendbereich nie taktisch etwas gelernt hatten. Dementsprechend anstrengend war ein Spiel dann auch. Die kennen Dribbeln, Fallrückzieher und jeden Star aus der Premiere-Leaugue, aber ansonsten …

Und dennoch kann man ohne Taktik um die Meisterschaft in Namibia mitspielen.
Sie haben versucht die Viererkette zu lernen. Wir hatten einen deutschen Trainer da. Der hat’s zumindest probiert. Aber wir spielten mit dem Konfus-Fussball erfolgreich oben mit. Das wäre hier nicht denkbar gewesen. Und dieses Jahr schaffen sie vielleicht sogar den Aufstieg in die erste Liga.

Andere wetten auf Spiele auf Zypern, Du verfolgst die zweite namibische Liga?
Ja, ich war auch dieses Jahr gerade wieder dort und habe eigentlich kontinuierlichen Kontakt.

Wenn die Stimmung vor dem Spiel schon Party pur war, wie war es nach einem Sieg?
Wir haben uns gefreut.

Und das war’s?
Das Problem war, dass viele da richtig wenig Geld haben. Die Jungs kommen aus den Shacks (Slums) und können sich so gut wie nichts leisten. In diesen Shaks sind sie die Stars. Dort wohnen 10.000 bis 20.000 Einwohner, Geld hat allerdings keiner. Und dann war ich halt da einer der wenigen, der in einer Firma arbeitete. Ich habe dann mal was reingehauen und wir haben in so einer Art Vereinsheim gefeiert oder draußen auf dem Platz und am Bus.

Mit welchen Getränken wurde gefeiert?
Mit Bieren nach deutschen Reinheitsgebot. Windhoek Lager zum Beispiel. Das haben die Deutschen dort hingebracht und das gibt es immer noch.

Dein schönstes Spiel.
War zweifelsfrei das Derby im Viertel gegen die Blue Boys. Die dann auch den Aufstieg geschafft haben. Da waren dann ungefähr 1300 Zuschauer am Platz. Somit auch 1300 Vuvuzelas. Das war schon cool.

Was hast Du mit nach Buchholz genommen?
Fussballerisch nichts, auch wenn wir dort dreimal in der Woche trainierten – immerhin einmal mehr als jetzt. Aber ich habe menschlich sicherlich einiges mitgenommen und sehe manche Sachen mit anderen Augen. Aber du kommst viel zu schnell wieder in den deutschen Alltag rein. Das ist eigentlich echt schade. In ruhigen Minuten denke ich anders, vielleicht mal etwas afrikanischer und demütiger, aber grundsätzlich ist man im hektischen Deutschland zu schnell wieder im normalen Leben. Andererseits ist man, wenn man dort ist, auch sehr schnell wieder in ihrem Alltag.

Wo fühlt sich Julian Künkel wohler?
Dort. Ich mag die Wärme, die Natur, bin ein Mensch, der den ganzen Tag draußen sein könnte. Ich könnte mir, wenn es der Beruf zulässt, auch vorstellen länger dort zu bleiben. Es ist ein tolles Land.

* Der Swakopmund FC (meist kurz nur SFC) ist ein Sportverein aus Swakopmund in Namibia. Der SFC ist einer der größten und ältesten Sportclubs des Landes. Zur Saison 2009/10 spielt der SFC erstmals in der Namibia First Division, der zweithöchsten namibischen Spielklasse im Fußball.

Harry Jurkschat

Seit Gründung mit auf dem brennenden BTB-Rasen. Im Gegensatz zu Semmler ist Jurkschat smart. Eine Mischung aus Mehmet Scholl und Günter Netzer. Der ewig 31-Jährige Insiderexperte harmoniert sich von Meppen bis Kiel, ist der Ausbügler und Staubsauger in der 2. Reihe. Dazu kommt aufgrund internationaler Fussball-Erfahrung (6 Länderspiele für Deutschland) Know-How im Wesentlichen. Manko: Bisweilen zu symphatisch und häufig mit den Sekretärinnen beschäftigt.