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Der schnelle Abschied vom Profifußball

Philip Nauermann und Lukas Pägelow waren Kernbestandteile der Rostocker A-Jugend, die im Sommer 2013 den Nachwuchs des FC Bayern besiegte und später nur knapp dem VfL Wolfsburg, mit Übertalenten wie Maximilian Arnold und Julian Brandt gesegnet, die Meisterfeier überlassen musste. Beiden wurde eine Karriere bei den Profis zugetraut, beide scheiterten allerdings an ihrer ersten Station. Nun kämpft der eine um seine Karriere, zieht in die Provinz. Der andere zog einen klaren Schlussstrich. Die unterschiedlichen Geschichten zweier Zimmergenossen aus dem Hansa-Internat.

Foto: privat

Eigentlich hatte fast alles gut geklappt. Auf der A 19 Richtung Berlin gab es keinerlei Probleme, ebenso auf der A24 und auf der A10. Geduldig, die Augen immer wieder aufs Navi richtend, schlängelte sich Lukas Pägelow vier Stunden lang mit seinem Wagen über Asphaltbahnen und durch Provinzen ins Altenburger Land nach Meuselwitz. In Rostock war er losgefahren, die Trainingssachen sicher im Kofferraum verwahrend und sich mit jedem der 379 Kilometer ein bisschen weiter vom Profifußball entfernend. Noch bis zur Winterpause war Pägelow als Lizenzspieler im Profikader des FC Hansa Rostock gelistet.

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Das Navi leitet Pägelow recht unkompliziert in die 10200-Einwohnerstadt, die für ein großes IT-Unternehmen und ihrem Fußballverein aus der Regionalliga Nordost bekannt ist. Beide Aushängeschilder sind eng miteinander verbandelt, ohne das Unternehmen „Bluechip“ hätte Pägelow seine Reise wohl gar nicht erst antreten können. Ohne „Bluechip“, so die einfache Logik, gäbe es für den ehemaligen Drittligaspieler aller Voraussicht nach kein Probetraining beim hiesigen ZFC.

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Doch bei der Suche nach der Niederlassung der Firma stockt die Fahrt auf einmal. Es ist dunkel geworden, und obwohl Meuselwitz allenfalls den Status einer Kleinstadt besitzt, gibt es dennoch genügend Möglichkeiten, um sich auf den Straßen gehörig zu verfranzen. Es dauert eine ganze Weile, bis Pägelow sein Ziel ansteuern kann. Er bekommt einen Schlüssel und eine neue Wegbeschreibung – zu einer nahegelegenen Pension.

Ein paar Wochen später sitzt Pägelow in seiner neuen Bleibe, die eigentlich eine Wohngemeinschaft ist. Die anderen Zimmer stehen leer, momentan lebt er in einer ungeplanten 1-Mann-WG. „Es kann sein, das noch ein Spieler verpflichtet wird, der dann zu mir zieht“, sagt der 21 Jährige, der eigentlich aus Banzin kommt. Einer dünnbesiedelten Ortschaft aus dem Südwesten Mecklenburg-Vorpommerns, die sich verdächtig nah an die Grenze zu Schleswig-Holstein herangiebelt.

Er kenne also, wie er betont, das Leben im ländlichen Raum. Was Pägelow hingegen nicht kennt, ist das „Alleinesein“ in einer Wohnung, weit weg von Freunden und Elternhaus. Denn obwohl er sein Heimatdorf früh für seinen Traum vom Profifußball verlässt, er in das Jugendinternat des damaligen Zweitligisten zieht, ist die Einsamkeit für ihn ein Fremdwort. Er bekommt nämlich einen Zimmerpartner, in dem er schnell einen neuen Freund findet. Philip Nauermann.

Nauermann und Pägelow sind Namen, die bei vielen Fußballfans in Rostock eine besondere Stimmung auslösen. Nauermann und Pägelow waren nämlich die beiden Innenverteidiger, die beim Husarenritt der Rostocker U19 im Rahmen der Finalrunde um die deutsche Meisterschaft Gegner wie Bayern München und den VfL Wolfsburg mit ihrer Defensivarbeit zur Verzweiflung brachten. Denen es gelang, in der Allianz Arena ein in jeder Hinsicht sensationelles 2:0 zu holen. Die im Rückspiel das zum Weiterkommen genügende 1:1 hielten, und im Finale immerhin 90 Minuten lang den eigenen Strafraum – so gut es gegen Übertalente wie Maximilian Arnold und Julian Brandt eben möglich war – gegen Angriffe des hochfavorisierten VfL Wolfsburg zu einem 0:0 verriegelten.

Philip Nauermann war dabei der Kapitän und Abwehrchef. Der damalige Trainer der Hansa-Profis, Andreas Bergmann, bezeichnete ihn zu dieser Zeit intern unter dem Spitznamen „Der Stratege“. Aufmerksam patrouilliert der Mannschaftsführer nämlich durch die eigene Defensivreihe, schnell erkennt und schließt er aufgeriebene Lücken, ist Denker und Ordner der Hintermannschaft. Pägelow dagegen gilt als der griffigere, im Zweikampf dynamischere Spieler.

Beide gefallen mit ihren unterschiedlichen Stärken dem neuen Trainergespann, beide dürfen mit in das Trainingslager der ersten Mannschaft reisen. Zwei Wochen nach der 1:3-Finalniederlage nach Verlängerung sind sie mittendrin im Geschäft, der Traum vom bezahlten Fußballspielen in den höchsten deutschen Ligen wird längst nicht mehr als Luftblase der eigenen Vorstellungskraft wahrgenommen, sondern als Realität, die in greifbarer Nähe lauert.

Über eineinhalb Jahre ist das nun her. Nauermann, der eigentlich aus dem Ostfriesland stammt, ist längst nicht mehr in Rostock ansässig, die alten Träume scheinen komplett aus der Wirklichkeit verbannt. Mittereile genießt die Universität seine maximale Aufmerksamkeit, in Oldenburg studiert er seit Oktober Wirtschaftswissenschaften.

Während Pägelow in Meuselwitz um 9 Uhr Morgens mit größtenteils berufstätigen Mitspielern Einheiten schrubbt, nachmittags im Lager des Vereinssponsors aushilft, drückt der einstige Abwehrchef also wieder die Schulbank. „Mit dem Profifußball habe ich abgeschlossen. Ich verschwende keine Gedanken mehr daran“, sagt Nauermann.

Es war ein kurzes Abenteuer Leistungsfußball. Obwohl damals in der ersten Mannschaft mittrainieren durfte, fühlte sich Nauermann damals alles andere als sorgsam bemustert: „Mir wurde schnell klar, dass sich mehr auf Lukas konzentriert wurde. Das es vor allem um ihn ging. Ich habe es ihm aber gegönnt, er ist schließlich ein guter Freund.“

In der Tat hält Pägelow schnell die besseren Karten in der Hand. Er spielt das deutlich stärkere Meisterschafts-Finale, wie auch sein kongenialer Partner gesteht. Letztlich ist es aber die unterschiedliche Spielanlage, die den Profivertrag in die Hände des größeren der beiden Innenverteidiger wandern lässt.

Es ist eine Entscheidung, die über beide Karrieren mitentscheidet und die Aufopferungsbereitschaft für das große Ziel noch einmal neu sortiert. Bergmann wählt Pägelow, weil dieser die besseren körperlichen Voraussetzungen besitzt. Die Vorteile, die Nauermann im taktischen und strategischen Verhalten hat, könnten dem physisch Bevorteilten durch intensive Schulung rasch vermittelt werden, so die Entscheidung, die den „Strategen“ bereits nach kurzer Schnupperphase zu den Rostocker Amateuren und somit zurück in die zweite Reihe beordert. Die Illusionen über eine halbwegs sichere finanzielle Zukunft samt Profivertrag verpuffen schlagartig.

Für Pägelow läuft es dagegen anfangs sogar noch besser als zunächst erhofft, geschweige denn erwartet. In den Testspielen bekommt er immer größere Spielanteile, schon am dritten Spieltag darf er debütieren. Interimsinnenverteidiger Sebastian Pelzer war an Grundlinie kopfüber mit einem Gegenspieler kollidiert, sichtbar benebelt, wurde der rustikal werkelnde Defensivmann vom Platz getragen. In Richtung der Einwechselspieler, die sich hinter dem Tor warmmachten, schallt umgehend der Name Lukas.

„Ich war früher immer vor den Spielen aufgeregt. Aber am Spieltag selbst verflog die Aufregung immer relativ schnell. Doch bei den Profis war es anders, da war mir beim Warmmachen noch richtig mulmig“, berichtet der wendige Abwehrmann über seinen ersten Einsatz. Das Profidebüt verläuft gut, die Abwehr tritt auch nach seiner Einwechslung dicht gestaffelt auf, während der FC Hansa offensiv auf ein 3:1 davoneilt und schlussendlich verdient das Aufeinandertreffen mit der zweiten Mannschaft vom VfB Stuttgart für sich entscheidet. Wie in einer Trance, kaum einzelne Aktionen durchdenkend und von den jahrelang geschulten Instinkten eines Abwehrspielers geführt, erzählt er später, manövrierte sich der Youngster nach seiner Hereinnahme durch die Schlussphase der Begegnung.

In den Zeitungen wird Pägelow für seinen Einsatz gelobt, ein paar Tage später, kurz vor dem Nordderby gegen Osnabrück, erscheint die Rückkehr und der damit verbundene Einsatz von Pelzer noch immer fraglich. Trainer Bergmann bemerkt zudem auffallend oft, dass er sich im Fall der Fälle keine Sorgen um einen erneuten Einsatz des Jungspunds machen würde. Pägelow winkt der erste Startelfeinsatz.

Am Ende kann Pelzer doch spielen, Pägelow rückt zurück auf die Bank, die er einige Wochen später verlassen muss, als sich die zu Beginn ansehnlichen Trainingsleistungen zusehends verschlechtern. Vor allem die sogenannten Anschlussaktionen sind es, die den Kredit beim Förderer an der Seitenlinie nach und nach schwinden lassen. Die Bälle werden nach Ballgewinnen falsch weitergespielt und nach bestrittenen Zweikämpfen dauert es zu lange, bis das Talent in die Ordnung zurückfindet – das sind die kurzen, aber scharfen Notizen des damaligen Trainerteams.

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Die Formkrise bemerkt jedoch nicht nur Bergmann an der Außenlinie, sondern auch der Kritisierte selbst: „Ich hatte eine ziemlich schlechte Phase, es gelang mir nicht viel. Ich konnte dem Trainer keine Vorwürfe machen, dass er auf andere Spieler setzte, während es bei mir kriselte“, gesteht sich Pägelow noch heute, über ein Jahr später, offen ein. „Vielleicht war die Sommerpause einfach zu kurz. Ich war müde, hatte mich im Sommer nicht richtig erholt, es fehlte die Substanz.“

In der zweiten Mannschaft, wo der Jungprofi Spielpraxis nachholen soll, kreuzen sich erneut die Wege von Pägelow und Nauermann. Während der eine, der es eigentlich bereits geschafft hatte, mit der eigenen Leistung hadert, wird sich Nauermann mehr und mehr bewusst, dass der Traum vom Profifußball langsam aber sicher erlischt. Körperlich und besonders mental sei es anstrengend gewesen, erinnert sich der Ostfriese. „Ich habe etwas den Spaß am Fußball verloren, wollte raus. Ein Tapetenwechsel musste her.“

Bei einigen zweiten Mannschaften stellt sich Nauermann trotz der anvisierten Umorientierung dennoch noch vor. Er möchte den kräftezerrenden, aber wenig Zuversicht spendenden Alltag in der Rostocker Oberliga-Mannschaft unbedingt verlassen, in der zwar auf Regionalliga-Niveau trainiert wird, die Gegner aber Luckenwalde und Altlüdersdorf heißen. Die Regionalliga-Nord wäre aber noch einen Versuch wert, denkt sich der Defensivspieler.

Es folgen Probetrainings, die nicht schlecht laufen, denn die Feedbacks hören sich gut an, lassen Positives erahnen. Zu einer Einigung kommt es aber trotzdem nicht, denn junge, talentierte Spieler, die Regionalliganiveau besitzen könnten, scharen bei den Profiklubs schließlich zu genüge im Hintergrund. Nauermann reicht es nach dieser erneut bitteren Phase endgültig, er sondiert seine Lage ein letztes Mal, dann zieht er einen klaren Schlussstrich.

Die Konzentration solle künftig auf dem Studium liegen, entscheidet der junge Mann von der Nordseeküste im Kreise der Familie. Sein Abitur, das im Nachwuchsleistungsbereich zwischen den Trainingseinheiten absolviert wurde, beginnt sich auszuzahlen. Gemeinsam mit seiner Freundin bewirbt er sich im ganzen Land, schlussendlich folgt die Wahl auf Oldenburg. Einen neuen Verein findet Nauermann deshalb erst zum Ende des letzten Jahres. Er geht zum VfL, der Nummer zwei der Stadt, in die Oberliga-Niedersachsen. Mehrere Monate war der kantige Abwehrspieler zuvor vereinslos geblieben.

Zu einem ähnlichen Zeitpunkt wird sich auch Lukas Pägelow bewusst, dass auch er eine Veränderung dringend benötigt. Die Trainerwechsel in Rostock haben sich für ihn nicht ausgezahlt, es wurde eher schlimmer als besser. Von Peter Vollmann weitestehend ignoriert, standen auch die Chancen unter Karsten Baumann denkbar schlecht. Er löst seinen bisher größten persönlichen Erfolg, den Profivertrag, im gegenseitigen Einvernehmen mit dem Verein auf. Auch wenn es ihn voranbringt und eine wohlmöglich letzte Chance eröffnet, ist es ein besonders schmerzhafter Schritt, wie der 20-Jährige weiter ausführt: „Ich habe ja nicht nur einen Drittligisten verlassen, sondern auch meinen Lieblingsverein aus einer Stadt, in der ich mich immer wohl gefühlt habe.“

Die Möglichkeit Meuselwitz hatte sich derweil aus einer Reihen von Zufällen und glücklichen Umständen ergeben. Der Hamburger Dietmar Demuth sucht einen jungen, entwicklungsfähigen Innenverteidiger für den abstiegsbedrohten ZFC Meuselwitz, für den selbst erst seit einigen Monaten im Amt waltet. Ein mit Demuth bekannter Berater aus der Elbmetropole wird auf Pägelow aufmerksam und eruiert die Option im Altenburger Land. Demuth ist interessiert, holt sich Informationen vom Hamburger Trainerkollegen Andreas Bergmann. Der empfiehlt seinen einstigen Schützling, verliert vor allem positive Worte. Wenig später trainiert Pägelow bei den Thüringern erfolgreich zur Probe. „Viel Luft nach oben gibt es immer, und das ist gut“, bewertet Demuth die ersten Leistungen seines neuen Schützlings.

Dieser will die nächsten drei Jahre komplett in seinem Traum vom Profifußballer-Dasein investieren. Ein Fernstudium hat er abgebrochen, seinen Plan B, eine Ausbildung zum Physio-Therapeuten, rückte mit den Umzug in weite Ferne. „Es wird schwer und ich werde auch eine Portion Glück brauchen“, sagt Pägelow zu seiner sportlichen Perspektive. Ein nächstes Ziel wäre eine Vertragsverlängerung in Meuselwitz, dann vielleicht der Umzug zurück ins städtische Leben, genauer gesagt in das nur wenige Autominuten entfernte Leipzig. Vielleicht gelinge ja auch noch einmal der Schritt zu einer sehr guten U23 aus dem Bundesligametier, um es darüber zu probieren, erklärt der Banziner umfassend.

Pläne dieser Art werden im Hause Nauermann schon lange nicht mehr geschmiedet, vielmehr ist es bereits jetzt, mit gerade einmal 20 Jahren, ein Fußballerleben aus der Retroperspektive. „Ich habe beim Benefizspiel gegen die richtigen Bayern gespielt. Wer kann das schon von sich behaupten?“, schwelgt der Student in Erinnerungen, resümiert die Höhepunktes des Sommer 2013, ohne sich darüber zu beklagen, dass es am Ende nicht zur Karriere vor den ganz großen Kulissen gelangt hat. „Der Fußball macht mir wieder mehr Spaß, seitdem ich den Wunsch zum Profifußball abgeschworen habe. Der Druck, den ich mir auch selber gemacht habe, ist weg.“

Vage Hoffnungen gibt es in der Familie aber weiterhin, was einen „Nauermann“ im Profigeschäft betrifft. Philips jüngerer Bruder Leopold kickt nämlich für die U19 von Werder Bremen, wenngleich sich der 17-Jährige in den vergangenen Monaten mit einigen Verletzungen herumplagen musste. „Schaffen kann er es trotzdem noch“, befindet der große Bruder. „Aber erst einmal soll er wieder richtig fit werden.“

Hoffnung ist auch das Stichwort bei den Pägelows. Und am Sonntag vor eineinhalb Wochen fand diese endlich neue Nahrung. Immerhin spielte Sohnemann Lukas für seinen neuen Verein auf Anhieb durch, konnte sich zumindest über weite Phasen des Spiels dem Druck der hoch überlegenen Zwickauer erwehren. Am Ende sprang ein respektables 1:1 für sein neues Team heraus.

Zu sehen bekamen das auch die Fernsehzuschauer im Südwesten Mecklenburg-Vorpommerns. Gleich zu Beginn sogar mit Pägelow in einer Großaufnahme, samt breiter Erwähnung des Kommentators, um 17.45, beim Sport im Osten im MDR.

Das hatte es zuletzt im April 2014, bei der Liveübertragung vom Hansa-Gastspiel beim Halleschen FC, gegeben.

Hannes Hilbrecht

Wenn Hannes Hilbrecht nicht mittwochabends im Studentenkeller Moscow Mule trinkt, schreibt er für u.a. für ZEIT ONLINE, BLOG-TRIFFT-BALL oder seine HERMES-Bundesliga-Kolumne. Ab September ist sein Blog onewaytoseattle.com online. Sein Ziel: Auswandern in die schönste Stadt der Welt. Die ersten Schnipsel aus seinem ersten Roman-Projekt „W“ gibt es gratis dazu.