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Olympia-Einmaleins: Alle Infos zum Fußballturnier von Rio

Das Olympia-Turnier der Herren startet für die deutsche Elf am Donnerstag, Gegner ist Olympia-Sieger Mexico. Grund genug für BLOG-TRIFFT-BALL, alle relevanten Fragen zu beantworten.

 

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Frage 1: Wie unterscheidet sich der Modus des Herren-Wettbewerbs von internationalen Fußballturnieren?

Hach, wird hier so mancher stöhnen. Vor vier Jahren wäre die Antwort nämlich eine leichte gewesen: Wie bei der Europameisterschaft, nur mit Teams von allen Kontinenten. Tatsächlich spielen in Brasilien die Teams im muckeligen und von vielen Fans vermissten 16er-Format. Vier Gruppen á vier Teams, je zwei Teams, die ins Viertelfinale einziehen. Ganz unkompliziert.

Frage 2: Gibt es große Regelunterschiede?

Auch in Rio und in den weit über das Land verteilten Städten gilt der Grundsatz: Ein Spiel dauert 90 Minuten (und am Ende gewinnen (hoffentlich) wie immer die Deutschen). Unterschiede gibt es eher abseits des Rasens, an der Seitenlinie zum Beispiel. Dort warten, anders als bei EM und WM, nur sieben statt zwölf Wechsler auf ihre Einsatzchance. Die Mannschaften müssen also mit einem 18er-Kader durch das Turnier kommen. Noch gravierender: Nur drei Spieler dürfen älter als 23 sein. Es zählt dabei das Geburtsjahr. Wer Jahrgang 92 ist und im Dezember erst 24 wird, zählt in den Olympia-Regularien nicht als 23-, sondern schon als 24-Jähriger.

Frage 3: Welche Alten haben die Deutschen mitgenommen?

Die Bender-Zwillinge Lars und Sven sowie Nils Petersen. Lange wurde vermutet, dass mit Phillip Lahm, Per Mertesacker und Miroslav Klose drei Weltmeister und im Sommer 2014 zurückgetretene Stars das Team anführen könnten. Aus unterschiedlichen Gründen wurde das jedoch verworfen. Die Idee hinter der Nominierung der Bender-Zwillinge könnte in erster Linie Härte sein. Gegen junge, häufig mit viel Leichtigkeit spielende Mannschaften, kann das ein wichtiger Trumpf im Turnierverlauf sein. Bei Nils Petersen wird hingegen der deutsche Stürmernotstand erkennbar. Obwohl im vergangenem Jahr noch zweitklassig für Freiburg spielend, gehört Petersen wohl zur Top-Ten der deutschen Stürmer-Riege.

Frage 4: Wie hätte die ideale deutsche Mannschaft ausgesehen?

Kein deutscher EM-Teilnehmer spielt bei Olympia. Ein Agreement, das der Liga gefällt, den Olympia- und Fußballfans aber missfallen wird. Tatsächlich entgeht diesen Zuschauern eine spannende Mannschaft. Ein mögliches Team für Rio wäre gewesen: Horn – Lahm, Mertesacker, Tah, Kimmich – Draxler, Can, Weigl, Sané – Brandt – Klose.

Ebenfalls strikt geregelt: Pro Team durften maximal zwei Spieler ausgewählt werden.

Frage 5: Wie sieht die wahrscheinlichste deutsche Elf aus und wo liegen ihre Stärken?

Im Tor steht mit Timo Horn ein Keeper, an dem im Sommer gefühlt halb Europa interessiert war. Insbesondere der FC Liverpool unter Jürgen Klopp soll Interesse an einer Verpflichtung gehabt haben, ehe sich „Kloppo“ für Lorius Karius von Mainz 05 entschied. Wie Neuer in Frankreich könnte Horn zum besten Torhüter des Turniers avancieren. Die Abwehr bietet mit dem Dortmunder Matthias Ginter und Niklas Süle bundesligaerprobte Innenverteidiger sowie mit Jeremy Toljan (spielt wie Süle bei Hoffenheim) und Philip Max talentierte Außenspieler an. Im Mittelfeldzentrum sollen die Benders aufräumen, während offensiv eine Dreierlei von Max Meyer, Leon Goretzka (beide Schalke) und Julian Brandt (Bayer Leverkusen) wirbeln könnte. Insbesondere an Brandt sind die Erwartungen hoch. Für viele Beobachter hätte Brandt nach einer bärenstarken Bundesliga-Rückrunde in den EM-Kader gehört. Zwingend. Er hatte 2016 sieben Bundesliga-Tore erzielt und alleine zwischen dem 27. und 32. Spieltag sechsmal am Stück in der Liga getroffen. Im Sturm duellieren sich Petersen und Davie Selke (Leipzig) um Einsatzminuten.

Frage 6: Welche Spieler im deutschen Team können überraschen?

Max Christiansen zum Beispiel. Der hat eine steile Karriere hinter sich: Im Januar 2015 stand er noch beim abstiegsgefährdeten FC Hansa Rostock in der Dritten Liga unter Vertrag. Keine 20 Monate später ist er deutscher Olympionike, weil er sich in Ingolstadt mit seinem Verein eindrucksvoll in der höchsten Spielklasse festspielen konnte.

Mit Serge Gnabry ist ein Legionär von Arsenal London dabei. 2014 noch als Juwel gefeiert mit Chancen auf einen Platz im WM-Aufgebot, hat Gnabry seitdem die Premier League hauptsächlich im Sitzen verfolgt. Wird Rio sein Durchbruch?

Frage 7: Wie stark ist die deutsche Gruppe?

Stark, wenn nicht sogar tückisch. In Spiel eins geht es gegen den Olympia-Sieger von 2012, Mexico. Bei denen steht mit Oribe Peralta der Final-Held von London bereit. Beim 2:1 gegen Brasilien schoss der 32-Jährige beide Tore. Im zweiten Spiel, möglicherweise schon durch das Mexico-Ergebnis unter Druck gesetzt, wartet Südkorea. Bei der vergangenen Olympia-Ausgabe ziemlich stolzer Bronze-Medaillen-Gewinner, und eine Mannschaft, die die Teams aus der Schweiz und England bezwingen konnte. Eines der ersten Spiele muss glücken, damit der leichte Gruppenabschluss gegen Fidschi noch von Bedeutung ist.

Frage 8: Wer sind die Stars des Turniers und wer Favorit?

In Brasilien schaut alles auf Neymar, der nach seinem Verletzungsdrama 2014 das Maracana (zurück)erobern will. Neben dem Superstar vom FC Barcelona bieten die Brasilianer eine lokale, mit wenigen internationalen Profis gespickte Mannschaft auf. Zwingend zu nennen ist der talentierte Innenverteidiger Marquinhos von Paris Saint-Germain.

Traditionell gefährlich, aber mit unbekannten Teams am Start, sind die Argentinier und Nigerianer. Außenseiterchancen, weil zuletzt in dieser Altersgruppe gut aufgestellt, haben die Asien-Vertreter Japan und Südkorea, Vorjahressieger Mexico und Algerien. Deutschland kann in diese Gruppe mit aufgenommen werden, ebenso wie der Europameister Portugal.

Frage 9: Wann geht es für Deutschland frühestens ins Maracana?

Im Halbfinale. Dafür muss Deutschland allerdings die eigene Gruppe und logischerweise das Viertelfinale für sich entscheiden. Geht Brasilien den gleichen Weg, treffen sich beide Teams zwei Jahre nach dem wundersamen 7:1 in Rios Heiligtum wieder.

Interessant aus deutscher Sicht: Die erste zwei Spiele bestreitet Deutschland in Salvador. Hier wurde Portugal 2014 mit 4:0 geschlagen. Das dritte Gruppenspiel findet in Mineiro statt, dort, wo Deutschland Brasiliens Volksseele nachhaltig quälte.

Frage 10: Warum sollte man dieses Turnier verfolgen?

Trotz des Zeitunterschieds sind die Anstoßzeiten erträglich. Deutschland spielt zunächst um 22 Uhr gegen Mexico, die anderen beiden Gruppenspiele folgen um 21 Uhr. Zudem bietet die Gruppe von Beginn an Spannung, und es wird ein Leichtes sein, zu sehen, wie gefestigt Teile der deutschen Fußball-Zukunft im jungen Alter sind. Wichtigster Punkt ist aber ein anderer: Denn wer weiß, wann ein deutsches Team wieder um Gold spielen darf. Vor dem Turnier 2016 waren die deutschen Männer zuletzt 1988 dabei, holten gegen Italien Bronze.

Frage 11: Und die Frauen?

Traditionell erfolgreicher bei Olympia sind die deutschen Frauen. Die holten von 2000 bis 2008 dreimal hintereinander Bronze, waren aber 2012 nicht dabei. In das Turnier von Rio gehen sie als eine der favorisierten Teams, wenngleich Brasilien durch den Heimvorteil und Weltmeister USA etwas stärker eingeschätzt werden. Mit Nadine Keßler musste zudem eine ehemalige Weltfußballerin ihre Karriere beenden. Ansonsten sind fast alle Führungsspielerinnen dabei, wenn es in der Gruppe gegen die Pflichtaufgabe Simbabwe und die gefährlicheren Gegnerinnen aus Kanada und Australien geht.

Hannes Hilbrecht

Wenn Hannes Hilbrecht nicht mittwochabends im Studentenkeller Moscow Mule trinkt, schreibt er für u.a. für ZEIT ONLINE, BLOG-TRIFFT-BALL oder seine HERMES-Bundesliga-Kolumne. Ab September ist sein Blog onewaytoseattle.com online. Sein Ziel: Auswandern in die schönste Stadt der Welt. Die ersten Schnipsel aus seinem ersten Roman-Projekt „W“ gibt es gratis dazu.