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Ozinho Niendorfer TSV

Bundesliga-Trainer Ozinho: Jeder Sieg wäre auf seine Weise einmalig

Die B-Junioren des Niendorfer TSV spielt B-Jugend-Bundesliga, ist dabei jedoch der krasse Außenseiter. Cheftrainer „Ozinho“ Altunbulak spricht im Interview über hohe Niederlagen, Mut und sein Mittel gegen die großen Teams der Liga.

Herr Altunbulak, Sie haben den Auftakt gegen Werder Bremen mit 0:7, das zweite Spiel gegen die U17 von RB Leipzig mit 0:8 verloren. Was stimmt bei so einem Ergebnis überhaupt noch positiv?
Dass wir gegen Bremen nicht so gespielt haben wie eine Mannschaft, die dieses Spiel 0:7 verlieren muss. Wir haben die Anfangsphase gut überstanden, erst durch einen Doppelschlag gegen Ende der ersten Hälfte kam Bremen zur Führung. Danach haben wir ein, zwei Gegentore zu viel bekommen und leider kein Tor mehr geschossen, obwohl es drei sehr hochkarätige Möglichkeiten dazu gab. Was mich glücklich gemacht hat: Die Jungs waren verbissen, haben gekämpft. Wir als Trainer-Team konnten viel Teamgeist erkennen. Das war in unserer Situation noch nicht selbstverständlich.

Warum ist Ihre Situation denn besonders?
Wir hatten nicht die beste Vorbereitung, trainierten zum Beispiel kein einziges Mal auf einem richtigen Rasenplatz, sondern auf Kunstrasen. In der Liga spielen wir auf normalen Plätzen. Den Nachteil spürt man spätestens, wenn man gegen herausragende Mannschaft wie Werder und Leipzig bestehen muss. Außerdem mussten wir auf zahlreiche Neuzugänge verzichten, die noch nicht spielberechtigt sind. Auch das macht mir Mut. Wir werden uns verbessern, im Kader und in der Leistung auf dem Feld.

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Dennoch bleibt die Frage: Ist es gut, wenn junge Fußballer andauernd verlieren?
Wir wollen unsere Spieler verbessern, aber gleichzeitig den Verein so  prominent wie möglich präsentieren. Ab und zu passen diese Ziele nicht zueinander, da muss man ehrlich sein. Allerdings wachsen die Spieler auch an den Aufgaben, sie werden herausgefordert, müssen in jedem Spiel alles investieren, um eine kleine Chance zu haben. Das kann Spieler positiv prägen.

Welche Eigenschaft ist ihnen bei ihren Spielern am wichtigsten?
Ich mag kluge, lernwillige Spieler. Sie sind in dieser Liga unsere größte Chance.

Warum?
Weil alle anderen Kicker athletischer und technisch viel weiter entwickelt sind. In dieser Liga spielen die besten überall, in Wolfsburg, Bremen, Hamburg und Leipzig, teilweise auch in Kiel oder Rostock, nur nicht in Niendorf. Das wissen wir Trainer genauso wie die Spieler. Deshalb stehen wir vor einer Frage: Wie bekommen wir es hin, dass unsere Nachteile in Schnelligkeit, Technik  und Kondition nicht mehr so gravierend sind? Das geht nur über den Kopf: Unsere Spieler müssen nicht in ihren Positionen, sondern in dynamischen Abläufen denken. Wege und Kraft sparen, weil die Spielintelligenz davor schützt, sich unnötig zu verschleißen. Wir müssen den Gegner mit dem Kopf austricksen.

Wie gut eine Mannschaft im Kopf ist, hängt aber vom Lehrer, dem Trainer ab.
Ja, das ist so. Das ist unser Job. Die Jungs bekommen von uns die Anweisungen und Tipps, wie sie sich verhalten müssen. Je besser wir unseren Job machen und die Dinge verständlich erklären, desto selbstständiger und reifer sind die Spieler auf dem Platz. Diese Aufgabe reizt mich ungemein. Allerdings sind Trainer keine Zauberer und von Talent und Veranlagung der Spieler abhängig.

Haben Sie ein Trainer-Vorbild?
Es gibt viele Trainer, an denen man sich gerne orientieren möchte, die einem imponieren. Ich schätze Pep Guardiola und habe seinen Ballbesitz-Fußball und die taktische Reife seiner Mannschaft in München sehr aufmerksam verfolgt. Sie wurden mit jedem Jahr besser, schossen mehr Tore, standen hinten besser. Die Bayern waren unter Guardiola sehr konstant, trotz der wöchentlichen Wechsel in der Aufstellung. Jeder wusste jederzeit, was zu tun war. Beeindruckend.

Den Ballbesitzfußball von Pep Guardiola dürfte man in Niendorf schwer für sich nutzen können.
Wer behauptet das? Ich sehe es anders, in der richtigen Mischung können uns auch Guardiola-Ideen helfen. Zum Beispiel die des vielen Ballbesitzes. Der Unterschied ist natürlich, dass wir nicht die Mittel haben, unsere Gegner damit einzuschnüren, sie mit unserem Ballbesitz dauerhaft zu bedrohen. Aber wenn wir den Ball haben und mitspielen, dann hat der Gegner nicht die alleinige Kontrolle über das Spiel. Es wäre doch unklug, einer Mannschaft, die technisch und taktisch stärker ist, den Ball kampflos zu überlassen und sich einzumauern.  Dann laufen wir dem Ball hinterher und sind noch schneller körperlich erledigt, weil unsere Wege weiter sind.  Und wenn wir gut spielen, aber knapp hinten liegen sollten, will ich, dass die Mannschaft in der Lage ist, zurückzuschlagen. Sie soll auch Tore schießen können und mutig sein. Das ist sie nicht, wenn sie nur lernt, sich in der Defensive zu verstecken.

Wie können Sie das Training steuern, damit ihre Mannschaft doch mehr Punkte als erwartet holt?
Unsere Einheiten müssen effizient sein. Die anderen Teams aus den Leistungszentren trainieren doppelt so häufig wie wir. Wir müssen uns in unserer knappen Zeit auf wenige Übungen konzentrieren oder sie clever miteinander verbinden. Konditions- und Ballübungen zum Beispiel. Im Idealfall trainieren wir so, dass gleichzeitig verschiedene Reize gesetzt werden.

Oder anders formuliert: Wenig, das dafür aber besser können.
Genau das meine ich. Wir können niemals genauso viel beherrschen wie unsere Gegner, aber wir können Räume erarbeiten, in denen wir mit dem Gegner auf einem ähnlichen Niveau sind.

Was ist die schwierigste Aufgabe für Sie?
Dass wir unsere Art des Fußballspielens nach dem Entwicklungsstand unseres Kaders ausrichten müssen. Ich trainiere den 2000er-Jahrgang in Niendorf seit 2013. Nur ein Drittel der Spieler von damals ist noch dabei. Die Spieler, die gehen, teilweise in die Leistungszentren, müssen ersetzt werden. Allerdings können wir uns nicht gute Spieler wie Rosinen rauspieken, die zu uns passen, sondern müssen hoffen, dass gute Jungs zu uns kommen wollen. Jedes Jahr muss deshalb improvisiert, ein neues Konzept erstellt werden.

Ärgert Sie das, wenn die besten Spieler gehen?
Nein, im Gegenteil. Meistens freue ich mich. Wenn ich weiß, dass sie weiter in guten Händen sind, einen Fortschritt machen. Für mich als Trainer ist jeder Spielerwechsel  in eine höhere Liga oder zu einem größeren Verein ein Kompliment, eine Bestätigung. Sie zeigen mir, dass ich nicht alles falsch gemacht haben kann. Was mich traurig macht, sind Spieler, die nicht offen sind, sich nicht trauen, ehrlich zu sein, wenn sie Wechselgründe erörtern.

Eigentlich Angst davor, dass sich in den nächsten Wochen eine Packung an die nächste Packung reiht?
Wir werden vermutlich einige Spiele knapp verlieren, einige vielleicht ähnlich hoch wie gegen Bremen oder Leipzig. Auch noch höhere Klatschen können wir nicht ausschließen. Wichtig ist aber, dass wir nicht aus Enttäuschung erblinden und weiterhin sehen, dass es anderen Teams ähnlich geht. Auch sie werden gegen die besten Mannschaften der Spielklasse teilweise einiges einstecken müssen.

Wen würden Sie am liebsten schlagen?
Ich habe keinen Wunschsieg. Vielleicht liegt es daran, dass wir nicht wissen, wann wir in dieser Liga einen Sieg erringen werden. Sie ist verdammt gut besetzt, wir sind dazu in jedem Spiel Außenseiter. Aber diese Ausgangslage macht es auch besonders: Jeder Sieg wäre auf seine Weise einmalig.

Für mehr davon: BLOG-TRIFFT-BALL folgen.

Hannes Hilbrecht

Wenn Hannes Hilbrecht nicht mittwochabends im Studentenkeller Moscow Mule trinkt, schreibt er für u.a. für ZEIT ONLINE, BLOG-TRIFFT-BALL oder seine HERMES-Bundesliga-Kolumne. Ab September ist sein Blog onewaytoseattle.com online. Sein Ziel: Auswandern in die schönste Stadt der Welt. Die ersten Schnipsel aus seinem ersten Roman-Projekt „W“ gibt es gratis dazu.