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Jörg Albertz: „Gascoigne ging gern fischen!“

Jörg Albertz ist eine Legende beim Hamburger SV. Für die Rothosen spielte der schussgewaltige Linksfuß von 1993 bis 1996 und von 2001 bis 2003. Große Erfolge feierte der 3-malige Nationalspieler in Schottland bei den Glasgow Rangers. Zudem schnürte er als einer der ersten deutschen Profis von 2003 bis 2005 in China (Shanghai Shenhua) seine Schuhe. Im Interview spricht der heute 46-Jährige über die Probleme seiner Ex-Klubs und über den aktuellen Zustand des chinesischen Fußballs.

Foto: Witters.

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Herr Albertz, von Düsseldorf sind Sie 1993 nach Hamburg zum HSV gewechselt. 2009 noch Halbfinalist im UEFA-Cup ist der HSV mittlerweile Dauerabstiegskandidat in der Bundesliga. Was läuft falsch im Verein?
Was genau falsch gelaufen ist, kann ich als Außenstehender nicht beurteilen. Dafür müsste man das tägliche Training sehen und die Abläufe im Verein genau kennen. Was ich mir schon denke, ist, ob man so etwas wie einen Aufsichtsrat mit zehn Personen braucht und warum im Vereinsmanagement nie Kontinuität erreicht wurde, um der Mannschaft das ruhige Umfeld zu geben, das sie braucht. Was man definitiv sagen kann ist, dass der HSV nicht den Anspruch haben sollte gegen den Abstieg zu spielen. Dass das der Fall war, tut mir in der Seele weh. Der Verein gehört meiner Meinung nach zu den Top-5 und dort sollte er auch stehen.

Nach den unzähligen Trainerentlassungen der letzten Jahre und den dürftigen Ergebnissen zeigt der Trend auch diese Saison nach unten. Steigt diese Saison der letzte Bundesliga-Dino ab?
Wenn alle halben Jahre die Trainer entlassen werden, kommt nie Kontinuität in den Verein, deswegen ist die Entwicklung auch nicht verwunderlich. Ich habe ja schon mal den Spruch losgelassen, dass die Uhren in Hamburg vielleicht einmal auf null gestellt werden sollten, damit der Verein sich erholen kann und umdenkt. Für die Fans wäre das natürlich extrem schade, weil die eindeutig in die Bundesliga gehören. Persönlich würde ich mir wünschen, dass die Uhren nie auf null gestellt werden, aber vielleicht muss es jetzt einmal sein.

Apropos Kontinuität: Heribert Bruchhagen, der bei Frankfurt eine prägende Figur der letzten Jahre war, ist der neue starke Mann beim HSV. Kann Bruchhagen eine langfristige Lösung für den HSV sein, wenn man sein Alter betrachtet?
Ich kenne Heribert Bruchhagen sehr gut und schätze ihn sehr. Wenn einer die Erfahrung und die Kompetenz mitbringt, um Ruhe in den Verein zu bringen, dann ist das er. Man muss ihm nur die Zeit geben.

Dietmar Beiersdorfers Bilanz der letzten Jahre ist desaströs. War er vielleicht die schlechteste Entscheidung, die der HSV je treffen konnte?
Da muss ich ihn ein bisschen in Schutz nehmen. Es gab sicher einige Dinge, die er in die falschen Bahnen geleitet hat, wie zum Beispiel Transfers, die andere vielleicht nicht getätigt hätten, aber da stecken ja viele Gremien dahinter, die das abnicken müssen. Der schwarze Peter gebührt nicht nur ihm allein.

Was sagen Sie zur finanziellen Abhängigkeit des HSV von Klaus-Michael Kühne, auf dessen Zahlungen der HSV angewiesen ist?
Ich glaube, dass das für keinen Verein der Welt angenehm ist, wenn man von einer Person abhängig ist. Aber ich sehe das Problem als Sportler eher auf dem Platz. Solange die Punktzahl nicht stimmt, wird das Umfeld beim HSV nicht ruhiger werden.

Sie sind dann 2001 noch einmal zum HSV zurückgekehrt. Was waren damals Ihre Gründe?
Das war ganz einfach. Mit Dick Advocaat bin ich in Glasgow nicht mehr klargekommen und Frank Pagelsdorf (damals Trainer des HSV, Anm.d.Red.) hat mich angerufen und gefragt, ob ich noch einmal für den HSV spielen will. Da musste ich nicht lange nachdenken, weil mir der HSV sehr ans Herz gewachsen ist und ich die Stadt und die Fans liebe.

Nach der ersten Zeit in Hamburg hat das Abenteuer Glasgow Rangers angefangen, wo Sie ein prägendes Gesicht der 90er-Jahre geworden sind. Wie haben Sie die Krise und den Absturz der Rangers miterlebt und was ist falsch gelaufen?
Das war schrecklich. Ich glaube, dass auf finanzieller Ebene einiges falsch gemacht worden ist. Die genauen Gründe kenne ich leider nicht. Mittlerweile hat man die Krise wieder einigermaßen bewältigt, obwohl man noch weit davon entfernt ist eine Mannschaft wie in den 90er-Jahren zusammen zu haben. Ich hoffe, dass man Celtic bald wieder spielerisch und auch finanziell Paroli bieten kann. Da sind die Rangers aber auf einem guten Weg.

Die Rangers stehen auf dem 2. Rang und spielen wieder hochklassigen Fußball. Wann wird die Lücke zu Celtic geschlossen werden?
Das dauert sicher noch einige Zeit. Finanziell hat man noch nicht die Ressourcen, um Celtic ernsthaft gefährlich zu werden. Der Weg, der mit jungen Spielern gegangen wird, ist aber sicher der richtige. Mit der Zeit kommen dann ja auch wieder Sponsoren, die in den Verein investieren, dann kann man die Lücke wieder schließen.

Wie beurteilen Sie die Arbeit des noch relativ unerfahrenen Trainers Mark Warburton?
Er ist ohne Frage der richtige Mann für den Job. Er forciert den Weg mit jungen Spielern, bildet sie gut aus und baut die Mannschaft Stück für Stück auf. Ich bin überzeugt davon, dass er noch längere Zeit auf der Trainerbank sitzt.

Wie waren die Anfänge als Fremder bei den Rangers und wie schnell wurden Sie von den Teamkollegen akzeptiert?
Das war gar nicht schwer. Obwohl mein Schulenglisch nicht von Nutzen war, da das Schottisch damit eigentlich nichts zu tun hat (lacht). Aber die Typen im Team waren sensationell und haben mich auch gleich als einen von ihnen akzeptiert. Man muss auch dazu sagen, dass ich meine Leistung auf dem Platz gebracht habe, was das Ganze sicher noch leichter gemacht hat.

Sie haben damals mit dem Weltklassespieler Paul Gascoigne zusammen gespielt. Wie haben Sie ihn als Mensch und als Spieler erlebt?
Paul war ein Ausnahmespieler und sicher einer der Weltbesten, die es je gab. Zu seinem Absturz haben sicher zu einem großen Teil seine Freunde beigetragen, die ihn oft auch vor Spielen animiert haben, vielleicht doch noch einen zu trinken oder noch eine Runde zu schmeißen. Nichtsdestotrotz war er ein ganz, ganz feiner Kerl mit einem Riesenherz, ich kenne wirklich wenige Menschen, die so herzlich wie Paul sind. Leider bleiben von ihm vor allem die Eskapaden in Erinnerung.

Ist Schottland ihre 2. Heimat geworden?
Ja, ich wäre gerne auch noch länger dort geblieben, aber ich habe mich leider nicht mehr mit dem Trainer Dick Advocaat verstanden.
Gibt es vielleicht ein lustige Anekdote aus der Zeit bei den Rangers?
Wo soll ich da anfangen (lacht)? Paul Gascoigne war immer für einen Scherz gut. Er war immer gern fischen und hat dann 2 Fische im Auto eines Mitspielers versteckt. Einen Fisch so, dass man ihn finden konnte und den 2. natürlich so, dass er nicht auffindbar war. Tja, das Auto war dann zum Wegwerfen, weil es so immens nach altem Fisch gestunken hat.

Sie sind dann als erster europäischer Star nach China zu Shanghai Shenhua gewechselt. Wie schnell haben sie sich eingewöhnt und was waren die Probleme im Alltag?
Natürlich benötigt man die ersten paar Monate ein bisschen Eingewöhnungszeit und in Shanghai ist auch alles ein bisschen größer als hier. Der Verein war damals aber sehr zuvorkommend und hat sich bemüht, dass für uns alles glatt läuft. Ich konnte zum Beispiel meine Hunde ohne Quarantäne mitnehmen. Auch die Mannschaft war sehr freundlich mir gegenüber und ich bin auch der Typ, der jeden mit offenen Armen annimmt, also da gab es dann wenig Probleme.

Was war sonst der größte Unterschied zum Leben in Deutschland oder Schottland?
Das Gehalt war nicht höher als in Europa (lacht). Zu meiner Zeit sind wir zum Beispiel teilweise 3 Tage für ein Auswärtsspiel unterwegs gewesen und konnten nur in unserem Heimstadion duschen. So etwas wäre in Europa undenkbar gewesen. Aber ich bin da einfach gestrickt, das war für mich kein Problem. Andere Kultur und andere Sitten, darauf muss man sich einlassen, wenn man den Schritt geht.

Sie waren in Ihrem ersten Jahr gleich Meister und Spieler des Jahres. Wie haben Sie diese Momente erlebt?
Dort noch einmal Meister zu werden, war ein riesiger Erfolg. Im 2. Jahr sind dann die Korruptionsgerüchte aufgekommen. Ich habe mir da dann ein paar Spiele noch einmal angesehen und mir gedacht, dass diese Spiele eigentlich gar nicht zu verlieren waren, außer die eigene Mannschaft spielt gegen einen. Da habe ich mir dann meinen Teil gedacht. Deswegen war das Chinaabenteuer dann auch zu Ende, da wäre ich dann auch für ein astronomisches Gehalt nicht mehr geblieben.

Wie war das Niveau der chinesischen Liga?
Also die Topmannschaften hätten vielleicht im unteren Drittel der 2. Bundesliga spielen können. Da weiß ich nicht, ob das heute auch noch möglich wäre. Der Fußball steckt heute noch genauso wie damals in den Kinderschuhen. Es muss den Verantwortlichen noch klar werden, dass man für langfristigen Erfolg im Jugendbereich anfangen, dort entsprechende Strukturen schaffen muss und es nicht ausreicht, Stars zuzukaufen. Das sehe ich als größtes Problem in China. Ich war letztens in Shanghai und habe ein Spiel gesehen und ich meine nach wie vor, dass die besten Teams eventuell im unteren Drittel der 2. Bundesliga spielen könnten. Mehr geht da nicht.

Es mag verwundern, warum so viele Stars nach China wechseln. Ist es für die Spieler überhaupt noch eine Herausforderung?
Also Fußball spielen können die schon (lacht). Einfach nach China fliegen, ein bisschen mitspielen und alles ist wie im Training, wäre auch eine vermessene Behauptung. Aber man geht sicher nicht nach China, um dort Erfolge zu feiern. Da steht der finanzielle Aspekt sicher im Vordergrund.

Ist das Konzept, die Liga mit Stars aufzuwerten und damit irgendwann das Niveau der europäischen Topligen zu erreichen, Ihrer Meinung nach realistisch?
Nein, denke ich nicht. Von der staatlichen Vorgabe, irgendwann Weltmeister zu werden, ist man meilenweit entfernt. Man kann einen Hausbau nicht mit dem Dach beginnen. Solange die Strukturen in der Jugendarbeit nicht verbessert werden, wird auch der chinesische Fußball nicht profitieren. Kurzfristig wird die Liga durch die Stars interessant, aber die Ziele können nur erreicht werden, wenn man die eigenen Spieler und Talente fördert und auf ein höheres Level bringt. Mit europäischen Spielern wird China nicht Weltmeister werden.

Antonio Conte vom FC Chelsea bezeichnet China als Gefahr für den europäischen Fußball. Muss man sich Sorgen machen, dass bald junge, talentierte Spieler aus Europa nach China gehen?
Natürlich kann das theoretisch passieren, wenn weiter solche absurden Gehälter bezahlt werden. Da ist sich jeder selbst am Nächsten. Grundsätzlich wird aber immer noch in Europa der beste Fußball gespielt. Deswegen denke ich auch, dass junge Talente zuerst hier Fuß fassen und Erfolge feiern möchten.

Könnte sich eine Gehaltsobergrenze, wie wir sie aus den USA kennen, positiv auf den chinesischen Fußball auswirken?
Ja, weil dann vielleicht mehr auf die Jugendarbeit fokussiert werden könnte. Außerdem kann das ja durchaus auch eine sympathische Wirkung nach außen haben, zum Beispiel für die Fans. Solange wir aber auch in Europa so fußballbekloppt sind und auch hier solche astronomischen Gehälter zahlen, wird sich daran nicht viel ändern.

Gibt es abseits des Geldes noch andere Faktoren, die für einen Wechsel nach China sprechen?
Also als Topstar geht man glaube ich nicht nach China, um dort Erfolge zu feiern. Da steht sicher das Geld im Vordergrund. Wenn man aber bei einem Club spielt, der einem auch hier keine Erfolge versprechen kann, kann man niemandem etwas vorwerfen, wenn er in China das doppelte oder 3-fache Gehalt angeboten bekommt.

Was kann die Motivation für erfahrene und bekannte Trainer, wie Manuel Pellegrini, Felix Magath oder Andre Villas-Boas sein, wenn sie – anstatt in Europa -lieber in China trainieren?
Ich glaube, dass da in erster Linie auch das Finanzielle ausschlaggebend ist. Aber ein Trainer hat auch immer den Anspruch die Mannschaft besser zu machen und da kann es gerade in China eine interessante Herausforderung sein, wenn man hilft ,diese grundlegenden Strukturen im Verein mitaufzubauen. Zur Zeit fehlt den Vereinen diese Struktur nach unten ja noch komplett. Dinge, die bei uns Standard sind, wie eigene Jugendmannschaften und Ligen, gibt es in dieser Form dort noch nicht.

Ihre letzte Station war der FC Clyde. Was war damals die Motivation noch einmal nach Schottland zu gehen?
Das war ganz einfach. Zwei ehemalige Mitspieler bei den Rangers waren zur damaligen Zeit bei Clyde Trainer und Torwarttrainer. Der Trainer hat mich angerufen und gefragt, ob ich ihnen im Abstiegskampf helfen könnte. Ich habe damals zuerst gelacht und gefragt, wie er sich das vorstellt, weil ich schon nicht mehr im Training war und auch schon meine Fußballschule hatte. Er hat dann gemeint, dass es nur um 8 Spiele geht und dass ich auch alleine zuhause trainieren und am Wochenende nur für die Spiele nach Schottland fliegen könnte. Dadurch, dass wir immer sehr gut befreundet geblieben sind, wollte ich sie da nicht hängen lassen und habe zugesagt.

Sie haben dann mit dem entscheidenden Elfmeter im Playoff auch noch einiges zum Klassenerhalt beigetragen. Wie erinnern Sie sich an diesen Moment?
Das war natürlich großartig. Am Anfang dachte ich, dass alles nur ein Gag ist und dann bist du auch noch entscheidend am Klassenerhalt beteiligt. Das war sozusagen ein perfekter Abschluss für die Karriere (lacht).

Dieser Beitrag ist zuerst auf sports.bwin erschienen. Dort bekommst du übrigens noch eine Menge mehr Beiträge und Interviews aus der Welt des großen Sports.

Benny Semmler

Als Permanent-Digitaler viel zu viel online. Gern würde ich handwerkern, kochen und was mit Pflanzen können. Kann ich aber nicht. Ansonsten: Joggen. Netflix. Und neuerdings Achtsamkeit. Mal gucken wie das so ist.