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Dariusz Wosz: „HSV hat kein klares Konzept“

Kaum ein Spieler wird so mit dem VfL Bochum in Verbindung gebracht wie Dariusz Wosz. 12 Jahre lang trug der gebürtige Pole das Trikot des Ruhrpott-Klubs und zog mit dem VfL sogar in den UEFA-Cup ein. Aktuell arbeitet er als Jugendtrainer im tiefen Westen. Im Interview spricht der 47-Jährige über seine ehemaligen Klubs, seinen Ex-Coach Peter Neururer, den HSV und bekennt sich zum Projekt RB Leipzig.

Foto: Getty Images

 

FRISCHER FILM

Bochum war Ihre erste Station im Westen. Wie war es als Kind des Ostens im Westen? War Ihre Herkunft ein Thema bei den Mitspielern?
Ich hatte den Vorteil, dass ich ein paar Mitspieler hatte, die ebenfalls aus dem Osten waren, somit war es ein bisschen einfacher den Anschluss zu finden. Aber natürlich war das im Westen damals alles Neuland für mich und ich war froh, dass ich nicht alleine war.

Sie sind einer der wenigen Fußballer, die es im Osten weit gebracht haben und dann auch im Westen erfolgreich waren. Wie war es als jemand aus dem Osten in die West-Nationalelf zu kommen? Wurden Sie da kritisch beäugt?
Gottseidank nicht. Matthias Sammer war ja zum Beispiel schon dabei, das hat vieles in der Nationalelf erleichtert. Und verjährt war das ja irgendwie auch schon, somit sind wir auf das Thema untereinander gar nicht gekommen. Was immer gesagt wurde war, dass wir sehr gut ausgebildet wurden.

Was haben Sie als den größten Unterschied zwischen dem Leben als Profi in der DDR und dann in der BRD empfunden?
Da war vieles anders. Vor allem die Gehälter waren im Westen schon viel höher. Nichts gegen die Verhältnisse heutzutage, aber im Vergleich zum Osten war das damals schon eine Hausnummer.

Der Fußball im Osten kann mit dem im Westen derzeit überhaupt nicht mithalten. Was ist dort in der Entwicklung falsch gelaufen?
Das braucht sicher noch ein paar Jahre. Man sagt ja immer, dass der Osten dem Westen um 10-15 Jahre hinterher ist und so ist das auch im Fußball, wenn man von Dresden und Leipzig absieht. Kommt man dann in die erste Liga, sieht die Welt gleich anders aus. Da interessieren sich Sponsoren und Firmen plötzlich für deinen Verein und wollen ihre Geschäfte machen. Aber das dauert sicher noch, bis das im Osten in der Breite Realität ist. Es ist ja auch wichtig, dass die Leute wieder zurückkommen. Früher sind aus dem Osten alle sobald es ging in Richtung Westen gegangen und diese Entwicklung dreht sich jetzt langsam. Plötzlich schaut man nach Dresden oder Leipzig und merkt, dass sich da einiges verändert hat.

Apropos Leipzig. RB mischt derzeit die Bundesliga auf. Derzeit ist man auch der einzige Klub aus dem Osten der sehr erfolgreich ist. Wie stehen Sie zum Klub? 
Die Kritik ist gut und schön, aber hier sind sehr viele Neider dabei. Leipzig hat sich das sehr ordentlich erarbeitet. Was sagen diese Leute zu Wolfsburg oder dem HSV? In den HSV werden Millionen von einem Investor gepumpt und dort gibt es trotzdem kein klares Konzept. Ich ziehe meinen Hut vor Vereinen wie Mainz oder Freiburg, die sich Jahr für Jahr mit wenig Geld in der Bundesliga behaupten.  Verbeek (Trainer des VfL Bochum, Anm.d.Red.) hat das letztens ganz richtig gesagt: Bochum hat einen klaren Plan aber kein Geld. RB Leipzig hat Plan, Konzept und Geld, was man sehen kann, wenn sie Zweiter in der Liga sind. Mit dem Geld muss man dann aber auch umgehen können, auch das können sie in Leipzig. In Hamburg können sie das nicht. Da werden irgendwelche Brasilianer geholt, die bisher noch nicht viel getaugt haben. Bei Hertha damals war das ähnlich, da wurden Spieler aus dem Ausland geholt, wo man sich nachher gedacht hat, wozu hat man die gekauft? Ich spreche mich nicht gegen Spieler aus dem Ausland, aber gegen Kurzschlussreaktionen aus. Man muss die richtigen Spieler holen, die auch nicht teuer sein müssen. So wie Dieter Hoeneß damals Dardai, Mandreko oder mich geholt hat. Das war dann ein eingespieltes Team, das in der Champions League gespielt hat und auch keine Brasilianer hatte.

Klubs wie Freiburg oder Mainz können sich also nur mehr auf gute Jugendarbeit konzentrieren, da sie gegen Millionärsmannschaften sowieso den Kürzeren ziehen?
Nicht nur auf die Jugendarbeit. Du brauchst die richtigen Leute, die sich auch mit Fußball auskennen und nicht nur die Laptoptrainer, die am Computer die Laufwege studieren und analysieren. In Mainz, zum Beispiel, da haben sie Latza geholt. Das ist ein vermeintlich durchschnittlicher Zweitligakicker und jetzt spielt er richtig gut Fußball und das in der ersten Liga. Michael Esser bei Darmstadt ist ein ähnliches Beispiel. Bein den Vereinen sitzen überall Leute, die ihre Hausaufgaben sehr gut erledigen. Bei den Bayern natürlich genauso, die haben zum Beispiel einen Marco Reus ganz einfach deswegen nicht gekauft, weil er zu oft verletzt ist. Fehlkäufe passieren natürlich manchmal, aber das kann sich Mainz einmal erlauben, Bochum eigentlich gar nicht.

Noch einmal zurück zu RB Leipzig. Wie wichtig ist der Verein für die Region? Könnten hier auch andere Vereine auf den Zug aufspringen?
In der Anfangszeit von RB Leipzig habe ich einen Fan von dort gefragt, wie er zum RB Leipzig steht. Da hat er gemeint, dass er Bayernfan ist und die ganze Sache mit Leipzig scheiße findet. Da habe ich ihn gefragt, ob er Leipzig anfeuern würde, wenn die in fünf Jahren Bundesliga spielen und er hat gesagt, dass er das tun würde. Da habe ich ihm gesagt, dass er Leipzig unterstützen muss und zu ihnen ins Stadion gehen soll. Da hat er mir dann Recht gegeben. Für die Region mit allem Drum und Dran ist RB Leipzig richtig gut. Besonders im Jugendbereich bekomme ich das über meinen Neffen mit, der bei Leipzig in der U15 spielt. Da konzentrieren sie sich sehr darauf, dass sie den Fußball in der Region wieder aufwerten und stärken. So etwas kann ich nur begrüßen.

Kann man dem Jugendbereich bei RB Leipzig eine Vorreiterrolle zuschreiben?
Ich habe mir das kürzlich ein bisschen genauer angesehen und dort gibt es keine Skandale, keine Tattoos, keine großen Autos und keine Riesengehälter. Das finde ich überragend, dass der Klub da so darauf schaut und versucht den Jungs eine vernünftige Erziehung zukommen zu lassen.

Wie war Peter Neururer als Trainer?
Er hat mir damals gesagt, dass er mir am Platz vertraut, ich seine rechte Hand bin und er nicht enttäuscht werden möchte. Das habe ich so gut es ging versucht zu halten. Er war für mich eine Bezugsperson, der ich zu hundert Prozent vertrauen konnte. Natürlich war ich manchmal sauer, wenn er mich in der 60. Minute vom Platz genommen hat, um mich zu schonen. Aber das war natürlich die richtige Entscheidung von ihm, ich hatte ja schon ein gewisses Alter. Er ist ein Mensch, der die großartige Eigenschaft besitzt, dir die Dinge ehrlich und direkt ins Gesicht zu sagen. Das habe ich immer an ihm geschätzt. Auch wie ich unter ihm Co-Trainer bei Bochum war, hat er das so durchgezogen und ich traue mich zu sagen, dass der Verein ohne ihn drittklassig wäre.

Sie sind dann Ende der 90er Jahre zur Hertha gewechselt. Was hat Sie zu diesem Schritt bewogen und war es die richtige Entscheidung?
Auf jeden Fall. Wir wurden 3. in der Liga, haben dann gegen Milan, Barca und Chelsea in der Champions League gespielt, das war schon ein geiles Gefühl. Außerdem haben wir noch im UEFA-Cup gespielt und ich bin sogar noch Nationalspieler geworden. Also in Summe lauter schöne Erinnerungen.

Hertha ist derzeit 5. in der Bundesliga und spielt eine unglaubliche Saison. Schaffen sie es in die Champions League?
Pal Dardai weiß ja wie Champions League ist und hat schon letzte Saison um den Champions League-Platz mitgespielt. Man darf außerdem nicht vergessen, dass die Mannschaft eine durchschnittliche Mannschaft ist, die einen irren Lauf hat. Vor ein paar Jahren hat man noch zweite Bundesliga gespielt. Das ist unglaublich, was Pal (Dardai, Anm.d.Red.) aus der Mannschaft herausholt. Man muss sich ja nur die Bundesligatabelle ansehen, da liegt man vor Schalke, vor Gladbach, vor Wolfsburg. Alles Teams, die viel mehr Möglichkeiten haben als Pal. Schafft man die Europa League, wäre das ein riesiger Erfolg. Deswegen darf man hier nicht zu viel Druck machen. Peter Neururer hat immer gesagt: Wir müssen nicht gewinnen, aber wir werden gewinnen. Das einzige was wir müssen, ist sterben (lacht).

Welche Rolle spielt in Ihren Augen Michael Preetz?   
Er spielt im Doppelpack mit Dardai eine große Rolle. Ohne ihn wäre der Erfolg sicher nicht möglich. Aber jetzt jubeln ihm natürlich alle zu, vor ein paar Jahren wollten alle seinen Untergang. Einmal macht man alles richtig und ganz schnell ist alles wieder falsch. Über die Doppelmoral kann man mal nachdenken. Schauen wir mal, was die Medien sagen, wenn die Hertha nächste Saison durch die Doppelbelastung vielleicht nur im unteren Mittelfeld spielt.

Werden wir Sie auch einmal als Cheftrainer erleben?
Nein, ganz sicher nicht. Ich war ja schon einmal für zwei Spieltage Cheftrainer und das hat gereicht. Es ist egal, ob man ein gutes Konzept hat oder nicht, permanent werden Trainer gewechselt oder gehen von selbst. Außerdem möchte ich mich nicht vor die heutige Generation hinstellen und erzählen warum man dies oder jenes tun oder lassen sollte.

Glauben sie, dass es bei der heutigen Generation schwieriger ist als damals zu Ihrer Zeit?
Auf jeden Fall. Ich höre immer, dass es für die Jungs heutzutage schwieriger ist. Mit meiner Zeit kann man das gar nicht vergleichen. Ich musste damals eine Ausbildung machen, ich hatte keinen Fahrdienst, bin selbst zum Training gefahren, musste mir selber etwas zu essen machen usw. Dadurch bin ich selbstständiger geworden und hab keinen Psychologen gebraucht. Heute machen sie sich Gedanken darüber welche Schuhfarbe sie tragen und das wird schon zum Problem. Dann werden viele gleich Profi und setzen alles auf eine Karte ohne eine Ausbildung zu machen. Das geht dann oft nicht gut. Anscheinend stellt das viele vor ein Problem, wenn sie permanent ihr Handy in der Hand haben und SMS lesen müssen, das kann ich persönlich gar nicht verstehen. Ich habe acht Jahre Jugendmannschaften trainiert. Gündogan war einer meiner Spieler, Leon Goretzka auch. Ich kann nicht sagen, wieviel Prozent ich ihnen mitgeben konnte, aber ich weiß, dass sie bei mir gelernt haben „Bitte“ und „Danke“ zu sagen. Vielleicht hatten sie das auch schon von ihren Eltern, da will ich mich gar nicht in den Vordergrund stellen. Sie sind auf jeden Fall am Boden geblieben und an diesen Kleinigkeiten mangelt es heute oft.

Dieser Beitrag ist zuerst auf sports.bwin erschienen. Dort bekommst du übrigens noch eine Menge mehr Beiträge und Interviews aus der Welt des großen Sports.

Benny Semmler

Mecklenburger. Sportjournalist. Fußballblogger. Basketballfreund. Hamburger. Pfannekuchenfan. Fahrradfahrer. Wostokbrausetrinker. Padthailiebhaber. Bukowskifan. Jetzt bei FRISCHER FILM. Superkrass.