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Stefan Beinlich im Interview

Stefan Beinlich erwartet gute Zeiten für Hansa

Hier spricht Stefan Beinlich (45) über die Zeiten mit Frank Pagelsdorf. Er verrät, warum es zwischen ihm und dem HSV irgendwann nicht mehr passte. Und schätzt Hansa Rostocks Aufstiegschancen ein.

Foto: Getty Images

FRISCHER FILM

Die Ablösesummen explodieren derzeit. Neymar wurde gerade für 222 Millionen Euro von PSG gekauft.
Das ist einfach die Gesellschaftsform, die auf Angebot und Nachfrage aufgebaut ist. Das zeigt sich in allen erdenklichen Bereichen der Wirtschaft, nicht nur im Fußball. Die Summen sind jedoch mittlerweile völlig utopisch, ungreifbar und nicht darstellbar. Natürlich kann man argumentieren, dass man es über das Marketing refinanziert, so wie das Real Madrid jahrelang mit David Backham oder Cristiano Ronaldo gemacht hat. Nichtsdestotrotz, wenn eine Summe über 222 Millionen für einen Menschen gezahlt wird, weil er den Verein wechselt, ist das absurd.

Ist das ungesund für den Fußball?
Ich denke schon, aber wo fängt es an und wo hört es auf?

Sie haben in Ihrer Karriere zweimal für Ihren Herzensklub Hansa Rostock gespielt. Warum sind Sie nach dem HSV noch einmal zu Rostock zurückgekehrt und wie war es für Sie?
Das war ja mein Wunsch. Vom HSV bin ich freiwillig gegangen, weil wir einfach nicht mehr auf einer Wellenlänge waren. Sergej Barbarez und ich hätten für die Hälfte der Bezüge verlängern sollen und trotzdem Führungsspieler sein. Deswegen habe ich gesagt, ich wechsle und wenn ich wechsle, dann nur zu Hansa Rostock. Ich dachte zudem, dass die Mannschaft, wenn sie punktuell verstärkt wird und einen alten Sack wie mich hat, den Aufstieg schaffen kann. Außerdem haben sich meine Mädels total gefreut und wir leben ja immer noch hier.

Wie war die Umstellung, als Sie von England zurück nach Deutschland in die zweite Liga gewechselt sind?
Wir hatten mit Frank Pagelsdorf einen Trainer, der schönen, erfolgreichen Fußball spielen wollte. Englisches Kick and Rush war überhaupt kein Thema für ihn. Bei ihm hat es geheißen: flach von hinten aufbauen, keine langen Abschläge. Mit der Strategie kam er mir sehr entgegen und wir haben uns dann ziemlich schnell zurechtgefunden und sind aufgestiegen. Das war auch das ambitionierte und erklärte Ziel von Pagelsdorf.

Was waren Ihre schönsten Momente bei Hansa Rostock?
Auf jeden Fall die beiden Aufstiege. Zusätzlich das Leben an der Küste und zu sehen, wie sich die Stadt entwickelt hat. Vor allem im Tourismusbereich hat sich sehr viel getan. Alles in allem ist es einfach wunderschön in Rostock

Toni Kroos ist ein Erfolgsbeispiel aus der Hansa Rostock-Jugend. Wie steht es derzeit um die Jugendarbeit beim Verein?
Das Problem ist, dass durch die beiden Abstiege in zweite und dritte Liga nicht mehr die Möglichkeiten vorhanden sind, viel Geld für Nachwuchsarbeit auszugeben. Aufsteigen wäre das Wichtigste. Dann könnte man hier wieder investieren und sich verstärkt mit dem Thema auseinandersetzen. Derzeit ist es schwierig den Nachwuchsbereich zu erhalten und dann noch Qualität zu gewinnen.

Die Saison hat für Rostock gut begonnen. Was ist diese Saison möglich?
Pavel Dotchev ist ein einwandfreier Fachmann, der die dritte Liga sehr gut kennt, schon einmal aufgestiegen ist und ein ruhiger Typ ist. Die ersten drei Spiele wurden zu Null gespielt, was in der Liga sehr wichtig ist und außerdem hat man zweimal auswärts gewonnen. Ich hoffe, man baut jetzt darauf auf und redet am Ende ein starkes Wort um den Aufstieg mit.

Worauf kommt es in der dritten Liga besonders an?
Das Entscheidende in der Liga ist, dass du eine homogene Mannschaft sowohl in erfolgreichen als auch schwierigen Zeiten hast. In der dritten Liga wird vielleicht nicht der schönste Fußball gespielt, aber das ist die Liga für Kampfgeist und Wille. Das ist das, was Hansa auch braucht. Hinten kompakt stehen, motiviert nach vorne marschieren und zeigen, dass man wirklich in die zweite Liga will. Die Unterstützung der Fans ist da. Rostock hat ja trotz dritter Liga einen Zuschauerschnitt von zwölftausend Zuschauern.

Sie sind gebürtiger Berliner, haben aber den größten Teil ihrer aktiven Karriere bei Rostock verbracht und waren nach dem Karriereende auch als Manager beim Verein tätig. Woher kommt diese starke Bindung?
Die kam durch die ersten drei Jahre hier. Wir waren damals ein kleiner Kader und haben hier eine riesige Euphorie entfacht. Plötzlich hatten wir ausverkauftes Haus und haben den Aufstieg geschafft. Trotzdem ist beim Verein immer alles sehr familiär geblieben. Ich bin ja 1997 auch nicht gewechselt, weil ich mich nicht wohlgefühlt hätte, sondern weil es sportlich der nächste Schritt war, nach Leverkusen zu gehen. Um Champions League oder im Nationalteam zu spielen, musst du das tun.

Hansa Rostock hat immer wieder Probleme mit gewaltbereiten Fans. Gibt es für diese Probleme eine Lösung?
Nein, das ist wie mit den absurden Ablösesummen. Das ist kein Rostock-Problem, oder Problem im Osten, sondern ein gesamtgesellschaftliches. Ich will niemanden verleumden, aber auch nahezu jedes Team in der ersten Liga hat Probleme mit gewaltbereiten Fans. Um das zu lösen, müssten alle an einem Strang ziehen: Politik, Medien, Vereine, DFB, DFL, Fanclubs. Wie es im Detail funktionieren soll diese „Fans“, die den Fußball kaputtmachen, aus dem Stadion zu bekommen, weiß ich leider nicht.

Wie beurteilen Sie die Aussage von Ansgar Brinkmann, in der er sich mit den gewaltbereiten Fans von Dresden solidarisiert? Sind solche Statements von Ex-Fußballern problematisch?
Also ich glaube, wenn Brinkmann etwas sagt, ist es nicht problematisch für irgendjemanden. So einen hohen Stellenwert hat er nicht. Ganz allgemein haben solche Ausschreitungen und Krawalle, die von den sogenannten Fans veranstaltet werden, mit Fußball nichts zu tun und schaden immer den Clubs und dem ganzen Fußball. Das ist traurig, weil der Fußball die beliebteste Sportart ist, wo Familien zusehen gehen, wo es um Spaß und eine tolle Atmosphäre geht. Und drei Prozent der Fans sind gewaltbereite Idioten, die genau das kaputtmachen.

Welche Ziele haben Sie in Ihrer Karriere nicht erreicht?
Ich hätte gerne mal einen Titel gewonnen (lacht). Ich habe zwar Aufstiege gefeiert und den Ligapokal gewonnen und bin Reservemeister geworden, aber so etwas wie die Schale einmal hochzuhalten oder einen DFB-Pokal zu gewinnen ist mir leider verwehrt geblieben. Es würde zwar an meinem heutigen Leben nichts ändern, aber schade ist es trotzdem.

Dieser Beitrag ist zuerst auf sports.bwin erschienen. Dort bekommst du übrigens noch eine Menge mehr Beiträge und Interviews aus der Welt des großen Sports.

Benny Semmler

Mecklenburger. Sportjournalist. Fußballblogger. Basketballfreund. Hamburger. Pfannekuchenfan. Fahrradfahrer. Wostokbrausetrinker. Padthailiebhaber. Bukowskifan. Jetzt bei FRISCHER FILM. Superkrass.