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Aufn Mond?

Hansa verliert mit 0:1 gegen Großaspach. Dabei schmerzt die Leistung mehr als das Ergebnis. So mancher Hansa-Fan fühlt sich einsam wie auf dem Mond. Gibt es bald eine Trainerdiskussion?

Der Mann schnaubte, schüttelte sich kurz, dann erbebte der Brustkorb. Speichel schäumte aus den Lippen. “So viel kann ich gar nicht saufen, um das zu verkraften. Zum Mondschießen sollte man die, ey”, blökte er mit Puhdys-Frisur. Wer fies sein will, könnte sagen: Die Bierreste klebten hartnäckiger in seinem Bart als die Hansaspieler an ihren Gegenspielern.

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Der FC Hansa hat am Samstag mit 0:1 gegen Großaspach verloren. Ein schlimmer Nachmittag.

Warum hat der FC Hansa verloren?

Weil die Mannschaft fast noch enttäuschender spielte als gegen Unterhaching. Die erste Halbzeit war noch okay, die zweite brennt immer noch in der Lendengegend. Großaspach drückte irgendwann und der FC Hansa duckte sich weg. Der Sieg der Gäste war am Ende verdient. Die Gesänge der Süd waren schmerzhaft, aber wahr: “Das hat mit Fußball nichts zu tun.” 

Doch warum spielte der FC Hansa so schlecht?

Vier Notizen:

Die Abstände zwischen den Mannschaftsteilen waren teilweise extrem groß. Abwehr und Mittelfeld interagierten kaum miteinander. Der Spielaufbau lief extrem langsam, weil Abwehr und Torwart sich die Bälle viel zu oft viel zu lange zuschoben. In der Zeit konnten sich die Großaspacher sortieren und frisch mit Schlangenfett einsalben, noch einmal die Schenkel zu Andrea Berg stretchen. 

Jonas Hildebrandt und Tanju Öztürk bekamen keine Spielkontrolle. Gerade Hildebrandt gewann kaum einen Zweikampf. Immer wieder war er mehr Kuschelbär als Störfaktor für die Großaspacher. Hansa fehlte oft nicht nur der letzte, sondern auch der vorletzte Pass. Den beherrscht in Rostock Mirnes Pepic am besten. (dazu später mehr)

Durch das wirkungslose Mittelfeld kamen Rostocks formell beste Offensivspieler Pascal Breier und Korbinian Vollmann kaum in die Situationen, die sie für ihre Stärken brauchen. Beide sind am stärksten, wenn sie mit Tempo in offene Räume stoßen. Doch dafür braucht es gute Pässe. Hansa spielte aber kaum einen gefährlichen Pass aus der Zentrale und ließ sich immer wieder auf die Außen treiben.

Auch auffällig: Jens Härtel stellte wieder eine Mannschaft voller Arbeiter auf. Vollmann, Breier und Hildebrandt waren die einzigen, denen man die größte Stärke am Ball attestiert.

Was war richtig gut? 

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Wie ist die Situation für den Trainer?

Auf der Westtribüne entlud sich die Hauptwut in Tiraden gegen Sportdirektor Martin Pieckenhagen. Wie berechtigt die Kritiken an ihm sind und bleiben, wird sich in den kommenden Tagen zeigen. Transfers kündigen sich an. Von ihnen wird abhängig sein, ob Pieckenhagens Hosen noch enger werden oder er erstmal ein bisschen Luft zum Atmen bekommt. Die Verstärkungen sind nicht mehr nur sportlich gefragt. Es braucht auch eine starke Injektion mit Selbstbewusstsein und neuer Zuversicht. Für die Mannschaft, das gesamte Umfeld und jeden Hansa-Fan.

Doch auch Trainer Jens Härtel wird mehr Druck spüren. Das Problem: Härtels Versuch, sein Magdeburger-Erfolgsmodell über den aktuellen Kader zu stülpen, scheint gescheitert. Er hat nicht das Personal für diesen Spilstil, die Dreierkette schenkte den Gegner erneut Riesenchancen. Und vor allem weiß mittlerweile wohl jeder Trainer, was Härtel vorhat, auf welche Situationen er schielt. Noch schlimmer: Manche Personalentscheidungen sind kaum fassbar. Dumpfe Erinnerungen an Zeiten werden wach, als Peter Vollmann mit den Außenverteidigern Schyrba und Pelzer die 2. Bundesliga erobern wollte, und diese Absurdität partout nicht korrigieren wollte.

Auch beim FC Hansa fällt mir ein alter Spruch wieder ein.

 “Die Definition von Wahnsinn ist, immer wieder das Gleiche zu tun und andere Ergebnisse zu erwarten.“ 

In der 60. Minute brachte Härtel zum Beispiel Marco Königs. Und der übersah in der 71. Minute mal wieder ein aussichtsreiches Passfenster für eine mögliche Großchance. Wie gegen Unterhaching.

Marco Königs, ein Kerl, der für den Fußball brennt und stets alles gibt, wird in der Dritten Liga Woche für Woche aufgerieben. Nachdem John Verhoek kaum zum Zug kam gegen die gute Abwehr der Gäste, hätte Härtel mit Breier im Sturmzentrum einen anderen Impuls setzen können. Gerade als Großaspach immer aggressiver presste und zusehends hochstand. Konterfußball im eigenen Stadion – es wäre eine Alternative gewesen.

Auch andere Personalentscheidungen von Härtel wirken allmählich festgefahren. Mit Adam Straith rotierte der beste Verteidiger aus den ersten drei Spieltagen raus, Nico Rieble, der bisher diemeisten Gegnerchancen verursachte, blieb drin und war am 0:1 unmittelbar beteiligt. Julian Riedel, der seine Form steigerte und am Montag im Pokal wie Lucio auftrat, muss als Linksfuß auf der rechten Seite verteidigen. Auch das ist keine Ideallösung.

Tanju Öztürk, der am Samstag nicht sein schlechtestes Saisonspiel machte, setzte weder defensiv noch offensiv Akzente und fiel mal wieder mit einem saublöden Foul auf, das Hansa eine Ecke kostete. Härtel muss sich langsam von seinen Gewohnheiten lösen. Ansonsten fantasieren bald die ersten Fans und auch die Medien von einem moderneren Trainer-Typen wie Enrico Maaßen.

Was schade wäre. Denn Jens Härtel ist unbestritten der vielversprechendste Hansa-Trainer seit Jahren.

Die Schlüsselszenen: Screenshots ©MAGENTASPORT

36. Spielminute: John Verhoek mit einer tollen Spielverlagerung auf Breier. Der lässt den Ball direkt abtropfen. Butzen bringt sich gut in die Schussposition.

Breier-Butzen

Der Abschluss ist leider eine saftlose Rückgabe.

Butzen

71. Spielminute: 

Breier erarbeitet sich einen Vorteil im Laufduell, er läuft am langen Pfosten gut in Position. Königs muss den Ball nur in die Mitte spielen. Auch wenn er auf seinem schwachen Fuß liegt – eine flache, halbwegs scharfe Hereingabe würde genügen. Der Passweg ist offen.

71königs

Doch Königs bremst ab, stoppt, und flankt Breier in den Rücken. Was der Abstopper übrigens bewirkte: Zuvor war kein Gegenspieler im Strafraum, unmittelbar nach der Flanke schon fünf.

Breierkönigs2

Vor dem Gegentor bringt Aaron Opoku seinen Nico Rieble in Not. Der Druck auf ihn ist groß. Der einzige Ausweg: Ein Befreiungsschlag.

Opoku rieble druck

Doch Rieble geht ins Dribbling. Er verliert dabei den Ball. Das ist der Fehler, der Großaspach das Siegestor ermöglicht.

riebleballverlust

Und Mirnes Pepic?

Ein junger Mensch ist frustriert wegen einer Niederlage, und klagt sein Leid bei Freunden und Familie. Er zürnt auch über Arbeitskollegen. Ganz ehrlich: Diejenigen, die das noch nie gemacht haben, werfen bitte den ersten Stein. Nun kann man sich über die Wortwahl lustig machen, oder aber feststellen: Die Ideen und so mancher Pass von Pepic haben am Wochenende gefehlt. 

Übrigens: Ich würde mich bei solchen Stories immer eher über den treulosen Nicht-Ehrenmann von Kumpel oder über MEDIEN wie die BILD echauffieren. Denn die blies eine unnötige Allerweltsgeschichte mal wieder unnötig auf. #freepepic

Was macht Hoffnung:

Hansa wird jetzt auf den Transfermarkt aktiv sein. Das Ergebnis vom Wochenende beschleunigt hoffentlich die Aktivitäten. Dass es keiner der Probespieler wurde, lässt auf größere Ambitionen hoffen. Auch das Aaron Opoku und Nico Neidhart bald für die erste Elf infrage kommen, macht Hoffnung. Die nächsten zwei Wochen auf dem Transfermarkt werden den weiteren Verlauf der Hansa-Saison mehr beeinflussen als das kommende Auswärtsspiel in Ingolstadt. 

 

 

Hannes Hilbrecht

Hannes Hilbrecht schreibt und schrieb nebenbei für ZEIT ONLINE, NDR.de und den Berliner Tagesspiegel. Füllt ein Marketing-Magazin mit Liebe (GrowSmarter.de) Und er liest eine spannende Case Story genauso gerne wie den neuen Roman von Ralf Rothmann.