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Ein Trainer ohne Alternativen. ©Stefan Pede

Hansa-Analyse #4 // Ohne Alternative

Hansa verliert gegen Haching und spielt harmlosen Fußball. Sogar die bisher besten Spieler machen Fehler. Was macht Hoffnung? Vielleicht, das erstmal DFB-Pokal gespielt wird.

Immer, wenn ich traurig bin oder ich mich schlecht fühlte, gehe ich auf die Instagram-Seite von Michael Wendler. Das tröstet mich jedes Mal. Ich denke: Es geht immer schlimmer im Leben. Was ist schon Tabellenplatz 13 gegen diesen Absturz?

Jeder Hansa-Fan hat heute wohl einen Kater. Am Dienstag waren die meisten Hansa-Fans noch seelisch in Woodstock. Die kleinen Bayern verdient besiegt, gut gespielt, über 17.000 Zuschauer im Stadion. Ganz Rostock in einem Siegestaumel aus Bier und Diät-Cola. Dazu dieser Dauerregen, der den Rasen und die Münchner aufweichte, aber nicht die Rostocker. Hatte der Guss die negativen “Vibes” aus den ersten beiden Spieltag weggespült?

Imagefilme für Rostock und Mecklenburg-Vorpommern

Nein, hatte er nicht.

Am Samstag folgte ein Hansa-Auftritt, so labbrig wie ein Tankstellen-Brötchen und die dazugehörige verschrumpelte Bratwurst am Tag danach. Das war so traurig, Philipp Poisel hätte über dieses Hansa-Spiel einen Song schreiben können: Wie soll ein Hanseat das ertragen?

Der 4. Spieltag in der Analyse.

Warum hat Hansa verloren?

Weil die Mannschaft die schlechteste Saisonleistung bot.

Gegen Haching kann man mal verlieren. Das soll keine Entschuldigung sein, aber es gibt an guten Tagen kaum eine Drittliga-Mannschaft, die so gepflegt Fußball spielen kann wie die Randmünchner. Es ist eine unbequeme Auswärtsfahrt. Das Ergebnis ist nicht meine Hauptsorge. Es ist das Zustandekommen. 

Bei Hansa patzten gestern sogar die Besten. Adam Straith, bisher Hansas mit Abstand sicherster Verteidiger, spielte in einigen Szenen sehr, sehr unglücklich. Pascal Breier gelang in seinen zwei, drei gefährlichen Szenen diesmal gar nichts. Korbinian Vollmann hatte kein Glück. Sogar Kolke, der zweimal stark im 1:1 hielt, blieb nicht ohne Tadel. Hansa machte zu viele leichte Fehler, die Verteidiger stürzten zu überhastet raus (wie schon manchmal gegen die Bayern) und schenkten den Hachingern oft eine freie Wiese. Und das ist das schlimmste, was man gegen ein ballsicheres Konterteam machen kann.

Doch es gibt zwei Gründe, die besonders dramatisch sind:

1. Auf den Schlüsselpositionen fehlte die Qualität.

Oliver Fritsch, der vielleicht beste Sportjournalist des Landes, fand bei der WM 2018 einen sehr schönen Vergleich, um den “Fußballer-Typ” Thomas Müller zu erklären. Er schrieb: Man müsse sich Müllers Spiel wie das Schütteln eines Apfelbaums vorstellen. Zehn Spieler rütteln kräftig an den dicken Ästen, und einer hebt die herabfallenden Äpfel auf. Das ist Thomas Müller. Auch der FC Hansa hat so einen Spieler – Marco Königs. 

Er arbeitet verbissen, er macht und tut. Wenn Hansa gut drauf ist, hat er seine Szenen und schießt sogar maleins ein Tor. Aber wenn es nicht läuft, niemand am Baum schüttelt, ist er keiner, der Chancen direkt kreiert. Er öffnet keine Räume, ist durch sein fehlendes Tempo auf den letzten Metern keine dauerhafte Gefahr für Steilpässe. Gestern war es manchmal so, als ob Hansa nur zu zehnt spielte, weil Königs in den schnellen Situation zu lange brauchte. Die Kopfballverlängerung auf Breier bei einem Konter war fast seine beste Aktion.

Im defensiven Mittelfeld ist Tanju Öztürk mittlerweile ein großes Problem. Er ist zu langsam, gewinnt zu wenig Zweikämpfe. Zu oft glitten die Hachinger mit zu hohem Tempo durchs Mittelfeld. Auch fehlten auf der Sechs die Ballgewinne für die offensiven Umschaltsituationen. Beim Pfostenschuss der Gastgeber träumte er.

Nico Rieble hatte erneut Timing-Probleme. Auch verursachte er mal wieder einen Freistoß in guter Lage. Er brachte Kolke gegen sich auf, weil er – mal wieder – einen Rückpass in den falschen Fuß spielte. Das hört sich wie eine Lapalie an. Aber Kolke, der das Spiel ab und zu breit aufmachen konnte, musste mehrere Schritte zur Seite gehen und konnte den Rückpass kaum kontrollieren. Gerade Rieble macht – trotz unbestrittener Veranlagungen – viele Kleinigkeiten falsch (wie in der München-Analyse zu lesen). Das kann nur eine sichere und formstarke Mannschaft auf Dauer kompensieren.

2. Maximilian Ahlschwede tat mir am meisten leid. Er spielte lange nicht so gut wie zuletzt gegen München, aber über ihm lief fast jeder Angriff. Doch keine seiner Flanken war richtig gut. 

Nun hat Ahlschwede aber ein Problem, für das er nichts kann: Er ist ein Rechtsfuß. Auf der linken Außenbahn bedeutet das: Wenn er flanken will, muss er abstoppen und sich den Ball erst richtig hinlegen. Das kostet Zeit und Strapazen. Die Hintermannschaft kann sich besser sortieren. Zudem sind Flanken, die mit Schnitt in den Strafraum gezogen werden, nur dann gefährlich, wenn sie gut kommen. Wenn sie nur etwas abrutschen, segeln sie ins Aus oder der Torwart hat leichtes Spiel. Flanken, die sich vom Torwart wegdrehen, bieten wenigstens fast immer die Chance eines zweiten Balles. 

Dazu kam: Haching hatte sich auf Ahlschwede eingestellt, und das viel besser als München unter der Woche. Sie standen tiefer, Ahlschwede konnte nicht steil in die Tiefe starten. Sein größte Waffe blieb stumpf: das Tempo. Da Hachings Rechtsverteidiger wusste, dass von Ahlschwedes linken Fuß kaum Gefahr ausgeht, konnte er sich viel mittiger positionieren und so den Weg in die Mitte aus dem Spiel nehmen.

Hansa spielte also erneut mit einer Not-Aufstellung. Ahlschwede ist am stärksten auf rechts, muss aber auf links ran. Es fehlen die Alternativen. Die Verletzungen von Opoku und Engelhardt sowie der Abgang von Biankadi kann Hansa nicht auf Dauer kompensieren. Die Mannschaft stellt sich fast von alleine auf. Der emsige Ahlschwede ist dafür die Symbolfigur.

Die Schlüsselszenen:

Alle Szenen ©MagentaSport. Zur Spielwiederholung!

Wir schauen uns heute nur jeweils drei Schlüsselszenen aus Defensive und Offensive an. Am Donnerstagabend gibt es den Player-Grade für die Verteidigung.

Defensiv:

27. Spielminute Pfostenschuss

Butzen klärt zunächst einen Ball mit dem Kopf ganz schwach in die Mitte. Haching macht es dann auf engem Raum sehr präzise. Breier kann nicht stören, Riedel wird per Hacke getunnelt. Ein weiteres Problem, in den folgenden Screenshots aufgemalt: Öztürk bleibt quasi stehen und öffnet die Schleuse für den Hachinger. Er nimmt gar nicht an der Szene teil.

Öztürk2

öztürk geschlagen

29. Spielminute: Das 1:0 für Unterhaching

Hansa stellt einen Gegenspieler eigentlich gut zu. Nur macht keiner entscheidend Druck. Der Ball kann auf die Außen weitergeleitet werden.

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Und was macht Riedel da?! Wie schon in einigen anderen Spielen geht Riedel volles Risiko. Doch dadurch, dass er das Abspiel nicht verhindern kann, hat er seine Abwehrseite komplett geöffnet. Und sein Tackling war nicht mal notwendig. Straith war in der Nähe, der Hachinger noch weit weg vom Hansa-Tor. Dieser Treffer geht auf den Kapitän, der sich, und das ist ebenfalls fatal, durch die Grätsche komplett aus dem Spiel nimmt.

Haching10-part2

Haching3.0

32. Spielminute: Großchance Unterhaching

Die direkte Möglichkeit zum 2:0 entsteht durch einen unnötigen Fehlpass von Rieble. Der seinen Fehler in der Folge nicht reparieren kann.Rieble fehlpass

Wie schon Bayern II wird er nämlich durch einen Doppelpass einfach überspielt.

Rieble2

Rieble3

Offensiv:

15. Spielminute: Breiers Konter

Königs mit einer schönen Kopfballverlängerung auf Breier. Der macht eigentlich alles richtig, spielt seine Geschwindigkeit aus. Doch der Verteidiger setzt ein grandioses Tackling an. Der Platzverweis ist hier nur Zentimeter entfernt.

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Wie gegen Halle kann Breier, nachdem er sich eine Szene erarbeitet hat, sie nicht per Vorlage krönen. Pepic wird hier überspielt. Allerdings ist der Druck auf Breier auch groß. Der Pass muss trotzdem kommen.

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53. Spielminute: Königs versäumt ein Abspiel

Ob Korbinian Vollmann in dieser Woche von dieser Szene träumen wird? Wahrscheinlich. Unterhachings Abwehr steht komplett offen, Vollmann läuft perfekt ein, besser gesagt: Er wartet, dass er das machen kann. Hier braut sich eine riesige Torchance zusammen.

Königs

Marco Königs muss dafür den Ball nur durch die breite Gasse spielen. Der Hachinger Verteidiger im roten Kreis achtet nur auf den Ball, aber selbst wenn er den Braten riecht, hat er keine Chance. Vollmann ist einfach perfekt in Position. Aber Königs hat den Kopf nicht oben. Und macht das:

königs2

Die Leistung des Trainers:

20 Minuten spielte Hansa gut und sicher. Danach erlitt die Mannschaft für mindestens 15 Minuten mal wieder einen totalen Kontrollverlust. Das Schlimme ist: So eine Phase hatte Hansa in jedem Spiel. Schon gegen Viktoria Köln und dem Halleschen FC kostete sie wertvolle Punkte. 

Das Problem ist, dass das auch am Spielstil des Trainers liegen könnte. Härtel animiert seine Spieler, hart und aggressiv, vor allem früh zu verteidigen. Doch Rieble, Riedel und auch Straith luden so immer wieder die Hachinger zum Kontern ein. Vor dem Gegentor ist es Riedel, der mit einem Schwachsinns-Tackling die Situation richtig heiß macht.

Das ist das Problem an der Spielweise: Es kann zu 90 Prozent klappen, aber fast jedes Mal, wenn es schiefgeht, kommt der Gegner zu Großchancen. Auch deshalb verlor der FC Hansa schon so oft die Spielkontrolle. Denn selbst wenn keine Tore aus diesen Gelegenheiten resultieren: Sie verändern die Chemie des Spiels. Die einen werden verunsichert, die anderen bestärkt.

Die Kriitk bitte nicht falsch verstehen: Härtel ist ein guter Trainer, einer der besten in dieser Liga. Aber diese Gratwanderung der Abwehr löst immer wieder fatale Kettenreaktionen aus.

Härtel hat hier im wesentlichen zwei Optionen: 

1. Er könnte Ahlschwede, sofern sich die Lage auf den Außen entspannt, oder Sonnenberg als rechten Innenverteidiger stellen und den Linksfuß Riedel auf die linke Seite ziehen, dort, wo er bislang am sichersten spielte. 2. Oder eben die Dreierkette auflösen und als Viererkette mehr Absicherung schaffen.

Klar ist auch: Durch das Verletzungspech und dem sehnlichen Warten auf Verstärkung steht Härtel gerade ziemlich alternativlos dar. Er hat kaum Optionen, kaum Auswahl. Die Mannschaft stellt sich fast von alleine auf. Wer einmal in einem schlecht sortierten Spätkauf war, kann dieses Gefühl vielleicht nachvollziehen.

PS: Julian Riedel hätte seinen Fehler vor dem 0:1 fast wieder gut gemacht. Vor Vollmanns Lattenschuss leitete er die Szene stark im Mittelfeld ein, spielte zwei perfekte Pässe. Die Vorbereitung mit der Hacke war ganz große Klasse.

Was macht Hoffnung?

Das jetzt zwei Wochen kein Drittligafußball gespielt wird. Wie in der letzten Spielanalyse geschrieben, kann der FC Hansa die Drittliga-Mannschaft sein, die noch am breitesten verstärkt wird. Jede Minute, in der keine Punkte vergeben werden, ist derzeit kostbar.

Und es gibt auch eine andere, die optimistische Lesart des Fehlstarts: Auch mit einem kurzfristig stark ausgedünnten Kader hatte der FC Hansa in drei von vier Spielen Siegchancen.

 

Hannes Hilbrecht

Hannes Hilbrecht schreibt und schrieb nebenbei für ZEIT ONLINE, NDR.de und den Berliner Tagesspiegel. Füllt ein Marketing-Magazin mit Liebe (GrowSmarter.de) Und er liest eine spannende Case Story genauso gerne wie den neuen Roman von Ralf Rothmann.