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PLAYER GRADE // Der Traumtänzer Mirnes Pepic

Mirnes Pepic taumelt wie kaum ein anderer Rostocker zwischen Genie und Wahnsinn. Wir haben seine Leistung gegen Bayern München II genauer angeschaut. Das Resultat: Besser als viele denken.

Der größte Hansa-Fan, den ich kenne, ist ein rothaariger Anfangdreißiger. Er liebt den FC Hansa Rostock. Er sammelt Trikots, Pullover und Jacken wie andere Bierdeckel in ihren Hosentaschen. Er verteidigte die Einhorninvasion (von einer Frau geführt) in sein Hansa-Zimmer so leidenschaftlich wie Aragorn Helms Klamm  – nur leider vergeblich. Er ist so zuvorkommend, dass er seine Gäste stets bei FIFA gewinnen lässt. Kurzum: Ich kenne keinen anderen Menschen, der so ruhig und anständig ist.

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Nur wenn er den Namen Mirnes Pepic hört, färbt sich sein Kehlkopf blutrot. Die Augen weiten sich. Aus dem Mund kommen vom Wendler gemixte Hasstiraden. In Rostock gibt es viele, die Pepic nicht mögen. Wer das bezweifelt, der sollte mal einen Samstagnachmittag (am besten ohne Kinder) auf der Nord verbringen. Dort ist Hansas #6 in etwa so beliebt wie Greta Thunberg bei SUV-fahrenden Klimaterroristen. 

Und tatsächlich war der Start von Pepic in Rostock nicht gut. Der Ball klebte an seinen Füßen, als hätte er seine Mauken zuvor in Pattex gebadet. Aber, jetzt kommt es: Härtel hat die Schuhe von Mirnes ordentlich abgekärchert. Der Kleber ist weg. Pepic spielt immer häufiger extrem mannschaftsdienlich. Beim Spiel gegen München war er hinter Korbi Vollmann und Pascal Breier die beste Offensivkraft. Sein fehlender Kampfgeist, den die Pepic-Hater beklagen, ist mittlerweile eine urban legend. 

Doch wie gut ist Mirnes Pepic wirklich? Sagen wir es mal so: Er ist ein theoretisch sehr begnadeter Drittliga-Fußballer – nur eben einer mit Konzentrationsproblemen. Schauen wir uns das Spiel gegen München genauer an.

Seine Schlüsselszenen

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13. Spielminute: Nach einem Befreiungsschlag der Münchner bekommt Pepic den Ball. Doch anstatt den Ball schnell zu spielen oder einen Ausweg über die linke Spielfeldseite zu suchen, sucht er das riskante Dribbling gegen die gegnerische Überzahl. Pepic verliert die Kontrolle über die Situation – und spitzelt dann mit letzter Kraft einen verheerenden Fehlpass. München spielt die 4:2-Situation – zum Glück für Pepic – nicht gut aus. Grade: 1/5.*

12. Minute

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18. Spielminute: Tolle Körpertäuschung, tolle Flanke auf Königs. Mit etwas mehr Stürmerglück ist es eine Torvorlage. Grade: 5/5.*

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27. Spielminute: Julian Riedel leitet mit einem Fehlpass auf der rechten Außenbahn einen Konter ein. Pepic stürmt mit vollem Tempo zurück, weil er sieht, das Wriedt unter Umständen völlig blank stehen wird. Und genauso kommt es. Kurzum: Pepic schafft es nicht rechtzeitig, holt aber viele Meter auf. Soll nochmal einer behaupten, Pepic laufe nicht zurück. 50 Metern in etwas mehr als 5 Sekunden – das ist ordentlich. Grade: 3/5.

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37. Spielminute: Bei der zweiten großen Torchance der Münchner übersieht Pepic einen Gegenspieler. Er steht zu weit weg, obwohl er die Gefahr direkt vor Augen hat. Der freistehende Bayern-Spieler leitet kurz darauf den vielleicht besten Angriff der Münchner ein. Straith muss auf der Linie klären. Mit einem besseren Stellungsspiel hätte Pepic diese Möglichkeit erschweren oder gar verhindern können. Grade: 1/5.*

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41. Spielminute: 100 Meter in einer neuen Weltrekordzeit! Zwischen Kolkes Abwurf, der Ballannahme und dem Steilpass von Pepic und Breiers Sprint zum Tor vergehen keine zehn Sekunden und nur sechs Ballkontakte. Pepic nimmt den Ball so an, dass er ihn direkt lang spielen kann. Er bereitet quasi seine eigene Vorlage vor. Der Pass auf Breier ist perfekt temperiert. Grade: 5/5.*

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48. Spielminute: Das Zusammenspiel zwischen Pepic und Breier funktioniert erneut: Hansas #6 spielt wieder einen wunderbaren Ball in die Spitze. Kurz darauf entsteht nach Breiers Flanke eine sehr gute Chance für Königs. Grade: 5/5

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58. Spielminute: Breier erkämpft sich den Ball an der Eckfahne. Pepic, der manchmal Szenen nicht bis zum Ende spielt, ist hier hellwach. Er nimmt den Ball auf und spielt rasch den bestmöglichen Pass auf Vollmann. Es ist die dritte Großchance, die Pepic in diesem Spiel initiiert. Grade: 5/5.*

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84. Spielminute: Ein Tor, das dem 0:1 in Halle erstaunlich ähnelt. Hansa steht mit acht Spielern im eigenen Strafraum, vergisst dabei aber, den Rückraum und damit die eigene Klärungsaktion zu decken. Pepic rückt zwar hastig raus, geht dabei aber auf die Seite, die bereits zwei andere Rostocker schützen können. Wäre Pepic nach rechts abgebogen, hätte er dem Torschützen Druck machen können. Grade: 2/5.*

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85. Spielminute – Spielende: Wenn du führst, und die Eckfahne nicht weit weg ist, könnte wohl jede Drittliga-Mannschaft Rostocks #6 gebrauchen. Pepic Qualitäten am Ball ließen die opulente Nachspielzeit rasch zusammenschmelzen. Insgesamt zeigte Pepic eine läuferisch sehr starke Leistung und war ständig präsent. Grade: 5/5. 

Player Grade: 67,0

Ein durchschnittlicher Wert für Pepic, den wir aus insgesamt 23 Aktionen und unserer Formel errechneten. Der im 3er-Bereich liegende Wert kommt zustande, weil er gefährliche Situationen offensiv kreierte, aber ebenso auch defensiv verschuldete. Der Grade zeigt deutlich: Reduziert Pepic seine oft kleinen, aber schmerzhaften Fehlentscheidungen, wird er Hansa noch viel mehr helfen.

Seine Stärken

Ziemlich gute Pässe spielen. Gegen den FC Bayern München II zerschnitt Kansas Traumtänzer einige Male die Abwehr. Auch ist Pepic sehr schnell mit dem Ball. Er hat einen sehr guten ersten Schritt und ist in engen Räumen extrem beweglich. Bestens zu sehen, als ihm gegen Ende des Spiels der Ball vom Schuh ditscht, er aber gelenkig noch ein Foul ziehen kann. Besonders auffällig: Pepic verschleppt nicht mehr das Hansa-Spiel, er beschleunigt es regelmäßig. Einige Male spielte er sehr direkt und ließ sogar den Ball tropfen.

Seine Schwächen

Gegen München zeigte sich eine Schwäche, die schon gegen Halle zu beobachten war: Ihm fehlte bei gegnerischen Ballbesitz schlicht der Überblick. Er ließ Gegenspieler und Räume zu weit offen, dachte defensiv nicht jede Situation konsequent bis zum Schluss. Auch wagte Pepic ein sehr gefährliches Dribbling, obwohl er wusste, dass es nach hinten keine Absicherung mehr gab. Das war leichtsinnig! Pepic trifft in sensiblen Defensiv-Momenten noch zu oft die falschen Entscheidungen. 

Wie wichtig wird er dieses Jahr?

Ein Spieler, der gegen einen gut spielenden Gegner an vier Großchancen direkt oder unmittelbar beteiligt ist, hat zweifellos seine Qualitäten. Pepic ist der beste Ballverteiler in Hansas Mittelfeld, und schaltet er sich vorne ein, wird es meist gefährlich. Ein guter Pepic ist für Hansa unverzichtbar. Doch damit seine Schwächen nicht Punkte kosten, braucht es eine Leistungssteigerung von Tanju Öztürk oder eben eine zusätzliche Option, die hinter Pepic aufräumt.

Hannes Hilbrecht

Hannes Hilbrecht schreibt und schrieb nebenbei für ZEIT ONLINE, NDR.de und den Berliner Tagesspiegel. Füllt ein Marketing-Magazin mit Liebe (GrowSmarter.de) Und er liest eine spannende Case Story genauso gerne wie den neuen Roman von Ralf Rothmann.