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Hansa-Rückschau // He Wants To Break Free

Ein Mecklenburger Jung mit Hansa-Vergangenheit killt die Bayern. Hansas Superstürmer schießt zwei Tore. Jens Härtel hat ein gutes Händchen. Unsere Analyse nach dem 11. Spieltag.

Text Hannes Hilbrecht
Illustration Stefan Pede

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Sargis Adamyan schießt Bayern München ab. Zwei Tore in der Allianz Arena. 2:1 für die TSG Hoffenheim beim Darth Vader des deutschen Fußballs.

Sargis Adamyan, verdammte Scheiße! Sargis Adamyan! Ein Jung aus Ueckermünde. Ja, der Adamyan, der es in Rostock in der Dritten Liga nicht gepackt hatte. 

Es ist irre. Ein Fußballmärchen. Und ein Beispiel dafür, wie wichtig der richtige Coach zur richtigen Zeit ist. Fußballtrainer Karsten Neitzel schrieb neulich in einem Gastbeitrag für das Mandarin-Magazin GrowSmarter: “In der Altersspanne von 17 bis 21 geht uns extrem viel Talent durch falsche oder unzureichende Förderung verloren.”

Adamyan ist so ein Fall. Hansa verlor mit ihm, das wissen wir spätestens seit gestern, ein großes Talent, ohne einen nennenswerten Gegenwert zu bekommen. Doch war das nicht nur die Schuld des Vereins. Sein ehemaliger Trainer Axel Rietentiet beschwor vor fünf Jahren die vorhandene Begabung, glaubte aber nicht an das richtige Mindset. Marc Fascher, ein Motivator, aber kein Schleifer, bekam Adamyan spielerisch nicht in die Spur. 

Adamyan, ausgebildet in Neubrandenburg und Rostock, wurde über Umwege ein fantastischer Zweitligaspieler. Nun verdirbt er den Bayern in der Bundesliga das Oktoberfest und vergibt zwei Ordnungsschellen an Manuel Neuer. 

Wobei wir bei ehemaligen Hansa-Talenten sind: Ben Zolinski, auch ein Rostocker Eigengewächs, das in Warnifornien scheiterte, schoss gestern für Paderborn schon sein zweites Bundesliga-Tor. Ohne Worte.

Was das mit dem aktuellen FC Hansa zu tun hat? Als finanziell klammer Verein muss er seine begrenzten Ressourcen ideal nutzen. Und die einzigen relevanten Ressourcen einer Profimannschaft ist der Kader und der Nachwuchs. Und beinahe hätte der FC Hansa auch in diesem Jahr einen ähnlichen Adamyan-Fall gehabt. Jens Härtel setzte nämlich zu Beginn den Irrsinn fort, den Pavel Dotchev einst begonnen hatte: Pascal Breier auf die rechte Außenbahn zu stellen. 

Wir schrieben schon im Januar 2019, dass das ein Fehler ist und erklärten das auch zu Saisonbeginn nochmal umfassend. Breier ist ein Stürmer. Und seitdem er diesen Platz in der Aufstellung erkämpft hat, knipst er im gegnerischen Strafraum die Lichter aus. Fünf Tore in den vergangenen vier Spielen. An neun neun von 14 Saisontoren war er direkt beteiligt. Breier Wants To Break Free  – als Stürmer – und Jens Härtel hat ihn endlich auf seiner Lieblingsposition entfesselt.

Und nun zu den wichtigsten Fragen des Meppen-Spiels.  

Warum hat der Hansa 2:1 gewonnen?

Weil die Mannschaft vier, fünf fantastische Angriffe inszenierte. Und fantastisch ist in diesem Fall keine Übertreibung. Hansa machte in diesen Szenen mit und ohne Ball alles richtig. Der Ball wurde schnell nach vorne gespielt, und die Spieler, die den Ball nicht am Fuß kleben hatten, liefen perfekt orchestriert in die richtigen Räume. Kai Bülow, das werden wir gleich detailliert in den Bildern sehen, leitete beide Angriffe gedankenschnell ein. 

Außerdem überzeugte die Mannschaft mit viel Ballsicherheit. Nartey und Pepic hielten die Bälle gut, machten kaum Fehler. Hansa gab so wenige Konterchancen her. Wenn Bülow einen seiner wenigen Fehlpässe spielte, räumte er das drohende Schlamassel wieder auf. Sonnenberg und Reinthaler, die als Bubi-Innenverteidigung immer besser harmonieren, leisteten sich keinen Rieble-Schnitzer. Insgesamt kam Hansa dem Auftreten einer Spitzenmannschaft sehr nahe und hätte das Spiel 3:0 oder 4:0 gewinnen können. Ebenfalls positiv: Versteckte sich Hansa sonst nach Führungen, und schien mehr Angst vor dem 1:2 als Lust auf das 3:0 zu haben, war es diesmal andersrum. Rostock hörte nicht auf, das Spiel zu bestimmen. Hansa hatte Bock auf das 3:0. 

Was waren die Szenen des Spiels? 

Beide Tore. Schauen wir sie uns genauer an. PS: Alle Screenshots ©MAGENTASPORT. Zum Abo! (unbezahlte Empfehlung)

Das 1:0.

Bülow gewinnt den Ball und will Opoku steil schicken. Meppen fängt den unsauberen Pass ab. Doch Bülow macht das, was ein echter Dude eben so macht: Er holt sich die Kugel stoisch zurück. Auch dank Schiedsrichterglück kann Nartey den Ball anschließend nach vorne treiben. Durch Narteys hohes Tempo mit Ball bekommt Meppen kaum Zeit, um sich zu sortieren. Hansa läuft in ein aussichtsreiches 4 auf 4. 

BÜLOWBALLGEWINN

Breier erhält den Ball und screent die Situation. Auch wenn Pepic den Pass will und fordert: Man muss Messi, Sancho oder Holger T.  aus der Sonntags-Freizeitliga auf dem PSV-Gelände sein, um diesen Ball auf Pepic gewinnbringend flanken zu können. Es ist richtig, dass Breier den einfachsten Weg zum Abschluss nimmt – einen Distanzschuss.

BREIEROHNEPASSMÖGLICHKEIT

Er zieht in die Mitte, dribbelt gegen die Laufrichtung des dazu eilenden Gegenspielers und verschafft sich so den Platz für den Abschluss. Mit dem Timing-Gefühl eines Mahomes oder Wilsons schießt er im perfekten Moment. Wie im Foto zu sehen: Er findet ein SEHR enges Fenster zwischen den Abwehrbeinen. 

BREIERSCHUSSFENSTER

Der Ball ist nicht perfekt, aber richtig gut platziert, vielleicht 30 Zentimeter vom Pfosten weg. Ein ter Stegen hält den Ball sicher. Ein Drittliga-Keeper eben viel seltener. Eine gut vorbereitete Einzelleistung führt zum 1:0.

Das 2:0.

Kai Bülow kann nicht nur Bälle gewinnen oder mit seinem Stellungsspiel Räume für die Gegner eng machen. Ihm gelingt es neuerdings,  Angriffe einzuleiten. Vor dem 2:0 nimmt er mit einem Doppelpass zwei Meppen-Spieler aus dem Spiel. Anschließend öffnet er mit einem starken Pass auf den völlig blanken Nartey noch zwei weitere Meppener aus der Gegenbewegung. Bülow generiert blitzschnell etwa 30, 40 Meter Raumgewinn. 

BÜLOW-AUSGAN

Nartey macht es wieder gut und ruhig. Er nimmt Butzen mit, der gedankenschnell die Situation antizipiert und rasch seinen Gegenspieler überläuft. Ab diesem Moment kann Meppen eine Rostocker Großchance kaum noch verteidigen. Zwei Verteidiger müssen wir Rostocker aufnehmen und drei Bereiche decken. Das ist mathematisch unmöglich.

STRESS FÜR DIE VETEIDIGUNG

Hansas Breier und Omladic kreuzen und ziehen so die Abwehr auseinander. Butzens Hereingabe auf Breier ist perfekt. Er spielt den Ball nicht auf den ersten Pfosten, was schon smart ist, weil die Verwertungschance für Omladic aus dem Winkel relativ klein ist. Er passt den Ball aber auch nicht direkt auf Breier, sondern so, dass der Stürmer den Ball aus dem Lauf nehmen kann.

KREUZEN

Das Kuriose: Hansa erspielte sich ebenso schön und schnörkellos drei weitere Großchancen. Das war fußballerisch großartig und lässt auf gute Detailarbeit im Training schließen. 

Wie war die Leistung des Trainers?

Auf Jens Härtel gehe ich im Laufe der kommenden Woche (der Text ist schon fertig) nochmal genauer ein. Kurzum: Seit dem Großaspach-Spiel coacht er beeindruckend. Gegen Meppen fand ich besonders einen Schachzug interessant: Er spielte mit Nartey und Pepic sehr robust im Zentrum. Aus einem Zehner wurden quasi zwei Achter. Das machte es für Meppen extrem schwierig, weil Hansa das offensive Zentrum sehr intensiv und breit bearbeitete, auf beiden Seiten schnell Überzahl generieren konnte. Rostock schaffte es dank Pepic und Nartey über beinahe 90 Minuten, den Druck der Meppener auf den Ball zu entspannen, weil es immer eine sichere Anspieloption gab.

Was muss besser werden?

1. Die Chancenverwertung. 

2. Und die Defensive. Hansa machte in der Verteidigung ein gutes Spiel und ließ vielleicht drei, vier gefährliche Situationen zu. Aber ein Problem gab es: Meppen schoss trotzdem ein Tor. Hansa konnte trotz eines im gesamten Saisonverlauf starken Kolkes erst in einem Ligaspiel die Null halten. Das ist ein Problem. Wer aufsteigen will, braucht auch dreckige 1:0-Siege.  Nicht zu vergessen: Schon zu Beginn der zweiten Halbzeit hätte der Anschluss für Meppen fallen müssen. Kolke hielt in der Szene riesig. 

Was sind die Luxusprobleme und was sagt die Stockwatch?

Runter: Opoku

Ich bin ein großer Freund von Aaron Opoku. Trotzdem – so scheint es – ist sein Nitro gerade aufgebraucht. Er steckt in einem Tief. Die Gegner verteidigen ihn besser, nehmen seine Geschwindigkeit etwas auf dem Spiel, in dem sie ihn zentraler empfangen, und gar nicht erst versuchen, ihn an der Außenlinie zu verfolgen. Opoku braucht eine Pause, so wirkt es zumindest. 

Auch weil zu viele unglückliche Spiele dem Selbstvertrauen eines Talents mehr schaden als ein, zwei Spiele auf der Bank. Großer Vorteil: Käme Opoku als Joker, sind seine direkten Gegner womöglich müde gelaufen. Besonders bei eigenen Führungen und einem demnach höherstehenden Gegner kann der Wechselspieler Opoku sehr wertvoll sein.

Rein: Pepic, Nartey und Bülow

Pepic, Nartey und Bülow. Hansa hat ein Luxusproblem im Zentrum. Wer hätte das vor zwei Monaten gedacht. Gegen Magdeburg würde ich das Mittelfeld genauso belassen. Es steht kompakt und überzeugt mit Ballsicherheit. Im Umschaltspiel, das in Magdeburg wichtig sein wird, überzeugten gegen Meppen alle drei. Gerade der erfrischende Nartey und das Dezemberkind (unbedingt die verlinkte Story lesen) Pepic können noch so viel mehr und sich im Saisonverlauf weiter „aufleveln“. 

Und Bülow ist für mich der entscheidende Faktor, warum die Rostocker jetzt sechsmal nicht verloren haben. Er beruhigte nicht nur das bis dato hektische Hansaspiel durch seine Erfahrung und sein besonnenes Auftreten – er verteidigt einfach extrem gut. Gegen Meppen tackelte er mehrmals präzise. Wenn er foulte, foulte er klug. Er leitete beide Tore mit einem guten ersten Pass oder einem Ballgewinn ein.

Früher hing ein Bild von David Duchovny alias Hank Moody an meiner Wohnzimmerwand. Heute würde ich mir einen Bülow an die Wand hängen. Er ist bisher die Story der Saison.

Rein: Rasmus Pedersen

Auch wenn er noch nicht viel zeigen konnte: Pedersen ist ein richtig Guter. Er spielt die Abspiele mit Druck, wirkt körperlich robust und schnell auf den ersten Metern. Auch hat er ein Gespür für gefährliche Räume. Ich würde Pedersen sehr gerne von Beginn an sehen.

Raus: Korbinian Vollmann

Total irre, weil er eigentlich viel zu gut für die Bank ist: Korbinian Vollmann. Der Kader ist aber mittlerweile offensiv so breit, dass auch Vollmann an manchen Spieltagen ein Härtefall sein könnte.

Das Zitat der Woche

“Der alte Mann und der Ball”. Lobpreisung an Kai Bülow, gelesen im Transfermarkt-Forum.

Demnächst auf BTB: Warum Hansa am Ende der Saison aufsteigt. (Am Donnerstag. Wirklich).

Hannes Hilbrecht

Hannes Hilbrecht schreibt und schrieb nebenbei für ZEIT ONLINE, NDR.de und den Berliner Tagesspiegel. Füllt ein Marketing-Magazin mit Liebe (GrowSmarter.de) Und er liest eine spannende Case Story genauso gerne wie den neuen Roman von Ralf Rothmann.