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Hansa-Rückschau // Vielleicht bald Helden

Hansa hat gegen starke Miezekätzchen den Bayern-Dusel und gewinnt. Omladic ist der neue Breier. Und die BTB-Redaktion sucht Tipps für eine Babyparty. Die ganz normale Hansa-Rückschau. Und: #staystrongstefanpede.

Screenshot: magentasport.de

Imagefilme für Rostock und Mecklenburg-Vorpommern

“In meinem Blut werfen die Endorphine Blasen.”

Ach, Leute. 

Ich war Anfang Zwanzig. Hatte Korn-Maracujasaft im Becher. Trug mit Pfefferminzlikör beträufelte schwarze Rundkragenshirts. „Wir sind Helden“ summten in meinen Ohren. Und ich durfte gute Kumpels beobachten, die mit ihren Sneakers noch steifer als ich über den mit Bierlake überzogenen Discoboden schabten. Das damals, also die Stimmung, der Schweiß, die Lust auf das Leben, alles war perfekt. Kein Finanzamt. Keine 40-Stunden-Woche. Jeden Tag ausschlafen. Die pure Euphorie. Eben Endorphine im Blut, die Blasen warfen.

So unbeschwert und vom Glück überschwemmt wie damals fühlte ich mich auch am Samstagnachmittag – plus die große Portion Erleichterung des Abpfiffs. Hansa und die Saison 2019/20 – da geht was. Gegen 1860 hat Hansa das achte Mal in Folge nicht verloren. Im Gegenteil: Es war der dritte Sieg hintereinander. Teilweise richtig guter Fußball. Eigentlich wollte ich, dass Kolumnen-Illustrator Stefan Pede 1:0-Torschütze Maximilian Ahlschwede als Judith-Holofernes-Double malt. Zum Glück, lieber Maxi, hat Stefan das nicht getan. Er kämpft mit einer Männergrippe. Der 13. Spieltag in der Rückschau. 

Warum Hansa hat gewonnen?

Weil der FC Hansa zwei Angriffe orchestrierte, die „mindestens“ erstklassig waren. Sowohl beim 1:0 als auch beim 2:0 ging es rasend schnell. Die Pässe kamen perfekt, die Laufwege stimmten, die Abschlüsse saßen. Die Tore waren das Resultat von Hochgeschwindigkeitsfußball. Ja, richtig gelesen: Hochgeschwindigkeitsfußball. Im Ostseestadion. Von Hansa.

Sowohl beim 1:0 und 2:0 überbrückte der FC Hansa binnen Sekunden das Spielfeld. Beim 1:0 beeindruckte Ahlschwede mit seinem offensiven Mindset, weil er zunächst nach vorne stürmte wie ein Stürmer, und dann den perfekten Schuss in den Torgiebel jagte. 

Ebenfalls bisweilen stark: Omladic, Opoku, Breier, Nartey – alle hatten in der unmittelbaren Entstehung der Tore mindestens einmal ihre Füße im Spiel. Besonders Omladic sammelt momentan Scorerpunkte wie andere Pilze. In einer Liga, in der meist die Brechstange dominiert, spielte sich Hansa jede große Torchance (wir zählten vier) ansehnlich heraus. Der FC Hansa ist nicht vordergründig nach Flanken, Standards und Distanzschüssen gefährlich, sondern nach Kombinationen. Also nach echtem Fußball. 

Was war trotzdem nicht gut?

Was positiv klingt und wirklich positiv ist, kann aber ein Problem sein: In den ersten 40 Minuten war im Sechziger Strafraum so viel los wie in Schwerin am Samstagabend um 20 Uhr: Nüscht. Die Gehwege um das Löwengehege schienen hochgeklappt.

Hansa kam zu keiner einzigen nennenswerten Chance. Die Münchner spielten gut und clever. Sie zogen ein engmaschiges Netz um den eigenen Strafraum, gaben Rostock nur Platz in den ungefährlichen Räumen 30 bis 40 Meter vor dem Tor. Flanken und die wenigen Standards verpufften ohne Gefahr. Der FC Hansa schoss im Saisonverlauf fast jedes seiner Tore aus dem Strafraumzentrum, nach flachen Zuspielen oder Hereingaben. Und genau die erschwerten die Gäste, weil sie den Strafraum, die Box, wie Kommentatoren-Hipster sagen, permanent vollstellten.

Hansas Glück war das steigende Selbstbewusstsein der Löwen. Die erspielten sich tatsächlich zwei, drei gefährliche Szenen. Ein Ruck ging durch das Team von Daniel Bierofka. Sie gaben ihren Stellungsfußball auf, wollten nun Druck machen. Von diesem Umstand schmarotzten die Hanseaten. Beim 1:0 konterte die Härtel-Elf gegen die zu weit aufgerückten Gäste.

Fußball ist manchmal eine krude Sache – die eigentliche Münchner Stärke verkam plötzlich zu ihrer Schwäche. Ohne den neuen Mut der Gäste wären die Rostocker niemals in Halbzeit eins in Führung gegangen.

Die Löwen zeigten trotzdem eine Blaupause, wie man Hansa offensiv abwürgen kann. Hansa kann, das werden wir im Laufe der Woche in einem Analyse-Beitrag darstellen, vor allem die feine Klinge. Doch gerade gegen Außenseiter, die Hansa als Spitzenteam akzeptierten und eben defensiv begegnen, braucht es auch andere Mittel.

PS: Liebe Sechziger, schmeißt Coach Bierofka bloß nicht raus. Wie er seine Mannschaft taktisch auf das Feld schickte, das war smart. Und das sage ich nicht nur, weil er mit Kappe und Hoodie aussieht wie ein Zwilling von Steffen Baumgart. 1860 war in Rostock zu weiten Teilen die besser sortierte und besser spielende Mannschaft. Nicht individuell, aber im Kollektiv. 

Die Szenen des Spiels:

Das 1:0. 

Die Rohdaten: 9 Ballberührungen, 60 Meter in 10 Sekunden, 3 Pässe. 

Bei diesem Angriff gelang den Rostockern jede Ballberührung. Entscheidend für das Tor ist jedoch die Geschwindigkeit von Maximilian Ahlschwede. Der galoppierte die rechte Seitenlinie entlang und machte aus einem „3 auf 3“ ein „4 auf 3“. Und Fußball ist bekanntlich sehr oft einfache Mathematik. Frei nach dem Motto: Schaffe Überzahl, und es steht immer einer frei. 

Wichtig: Narteys Ballgewinn im Mittelfeld, den mancher Schiri wohl als Foul gewertet hätte.

Das 2:0.

Die Rohdaten: 10 Ballberührungen, 60 Meter in 12 Sekunden, 5 Pässe und eine Flanke. 

One-Touch-Ostsee-Football. Dieses Tor fällt, weil gleich mehrere Spiele überragend abliefern. Max Reinthaler gewinnt den Ball gegen Gebhardt. Opoku spielt einen gestochen scharfen Pass auf Nartey, der den Ball nur wegen Opokus Passschärfe und Präzision direkt weiterleiten kann. Breier erläuft den Ball und legt ihn perfekt für Opoku in den Raum. Die Münchner Abwehr steht plötzlich blank da wie Jan Gustav im Geografie-Abitur.

Opoku krönt die Einleitung des Angriffes mit der perfekten Flanke. Zuvor brachte er sich wie ein Bundesligaspieler in eine bessere Position für die Hereingabe. Am Ende hat Omladic das richtige Timing. Ein phänomenales Tor. Oder: Einfach gute Fußarbeit made by Hansa. 

Der Star des Spiels:

Gar nicht so einfach. Nik Omladic sammelte zwei Scorerpunkte. Seinen Kopfball verwandelte er im Stile eines Mittelstürmers. Maxi Ahlschwede feierte mit dem Tor ein starkes Startelf-Comeback, machte aber beim Gegentor zweimal keine gute Figur. 

So geht der Feuerwehrhelm für den Star des Nachmittags an Markus Kolke. Mal wieder. Mehrfach hielt er großartig. Er scheint einen Magnet in den Handschuhen zu verstecken. Manchmal zieht er die Bälle förmlich an. Überragend: Sein Save unmittelbar vor dem 1:2. Da schaltete das Torwartbein mal eben auf Vibrationsalarm und rettete auf der Linie.

Und es sind nicht nur Kolkes Paraden. Es ist sein Auftreten. Kolke ist ein Anführer. Vielleicht sollte er die Binde, die er spät an Julian Riedel abgab, künftig behalten dürfen. Ganz sicher hat sich MK1 jetzt schon ein kleines Denkmal in Rostock gebaut.

Die Frage der Woche: Wie hält der Kinderriegel?

Sven Sonnenberg und Max Reinthaler, der Kinderriegel, beeindruckten mich mal wieder mit ihrer Physis. Wenn die beiden Bullen zum Kopfball rausrückten, machten sie wie Bruce Willis “keine halben Sachen”.

Doch es gab Probleme, besonders bei Reinthaler. Der ist zwar eine Erscheinung, sah aber allein in der ersten Halbzeit dreimal nicht gut aus gegen den pfiffigen Sascha Mölders. Reinthaler war etwas zu langsam, und das nicht mit den Beinen. Im Kopf fehlten Sekundenbruchteile. 

Mölders nutzte das mit seinem Geschick mehrfach aus. Erst befreite er sich vor dem Abseitstor (um Zentimeter) in Reinthalers Rücken. Beim Pfostenschuss erkannte der Hansa-Hüne zu spät Mölders Laufweg. Ein anderes Mal ließ sich Reinthaler von Mölders zu einfach aus der Szene blocken, sodass Mölders mit einem einzigen Hüftschwung einen guten Abschluss bekam.

Reinthaler, auch das sah man, hat alle Anlagen, ein guter Verteidiger zu werden. Was es dafür braucht: Viele Stunden im Videokeller und, genauso wichtig, die Zeit, Fehler machen dürfen. Das ist das Gute an der aktuellen Lage: Hansas-Innenverteidigung zahlt fleißig Lehrgeld – und holt dank Kolke trotzdem drei Punkte.

Der Held der Woche:

Ein Leser, der Bock auf BTB-Content, mehr Analysen und Texte hat und deshalb den eigenen Chef auf unsere Projekt aufmerksam machte. Danke und schon jetzt großer Sport, Kollege!

Der Ausblick: 

Jetzt also gegen Jena. Zwei Punkte haben die Thüringer erst auf der Sollseite. Sie sind Tabellenletzter. Und es gibt keinen Pannewitz mehr, der im Jenaer Mittelfeld die Pflanzen umtopft. Jena gegen Hansa – selten waren die Rostock mehr favorisiert. Und genau deshalb stinkt das Spiel ein bisschen fischig. 

Jena wird defensiv spielen und trotzdem aggressiv sein. Auf Konter lauern. Jenas Trainer Rico Schmitt ist ein Guter. Jena wird ein Spiel aufziehen, das dem FC Hansa nicht liegen wird. Vielleicht ist der FC Carl-Zeiss so verzweifelt, dass er die Hansa-Kabine mit Thü-Pop von Fritz beschallt. Thüringer Klöße und so. 

Jena ist halbtot. Und Halbtote, die kaum noch was zu verlieren haben, sind die gefährlichsten Gegner. 

Die Zahl der Woche:

Fast 18.000 Zuschauer im Stadion. Großartige Stimmung. Viel Geduld, denn in den sehr kargen 40 Minuten der ersten Halbzeit gab es kaum Pfiffe oder Unmut. War es die generelle Zufriedenheit, oder der Umstand, dass es vor dem Stadion reichlich Fischbrötchen gab?

Noch besser sind die Aussichten.

Ein erfolgreiches Spiel in Jena und gegen Duisburg, einem potenziellen Topspiel, sollte die Ränge voll sein. 20.000 Zuschauer – das wäre ein Traum. Die Mannschaft, der Trainer und das Management haben diese Euphorie in den vergangenen Wochen erarbeitet. Sie sind jetzt schon Helden des Herbstes. Zumindest ein bisschen. 

Die Hansa-Gedanken:

One-Score-Game #13. Wieder ein Ergebnis mit einem Tor Unterschied. Hansa mag es weiterhin knapp. Doch gegen 1860 waren die Chancen auf einen deutlichen Sieg zwischenzeitlich so groß wie lange nicht. 

Breiers Abschluss-Versagen. Natürlich muss er das 3:0 machen. Bitter: Im Gegenzug fällt der Anschluss und aus der Hansa-Kür wird ein Thriller. Trotz dieses Stürmer-Patzers war Breier wieder wichtig. Würde Hansa Eishockey spielen, hätte der Hansa-Stürmer zwei Assists gesammelt. Breier bereitete die beiden Vorlagen vor.

Pepic großer Wert. Mirnes gefiel mir phasenweise sehr gut. Er hat sogar an Tempo zugelegt. Gefühlt arbeitet Pepic seit dem Sprachnachrichten-Tohuwabohu mehr auf dem Feld. In der Schlussphase war er ein Zeiträuber. Er klaute den Gästen an der Eckfahne viele Sekunden.

The Big Bülowskis Ruhe. Kai „The Rock“ Bülow machte ein, zwei Fehler. Aber er putzte auch wieder viel aus. Bemerkenswert: Mit wie viel Entspannung er kritische Situationen löste. Teilweise hingen zwei Sechziger schon wie Kletten in Bülows Akademiker-Vokuhila, und er spielte trotzdem den sauberen Pass oder zog das Foul. Weiter ein Gewinn für die Mannschaft. #bitteverlängern

Opokus Frustrationstoleranz. Kurz vor der Halbzeit ärgerte mich Opoku. Er wurde hektisch, machte einiges falsch und verlor ein bisschen die Beherrschung. Zumindest schien das so, dass Opoku etwas bockig wurde. Die Sozialarbeiterin, mit der ich das Spiel verfolgte, urteilte nach gewissenhafter Analyse: Der Junge muss an seiner Frustrationstoleranz arbeiten. BTB empfiehlt: Ein Lifecoaching “Locker durch die Hose atmen” mit Motivationstrainer Markus Kolke. 

Die beste Nachricht der Woche. Hansa stellt nun Datenexperten und Videoanalysten ein. Das ist extrem wichtig und fortschrittlich. Im American Football helfen ulkige Werte wie DVOA, EPA und Co. dabei das Spiel zu verbessern und vor allem den Value, den Wert, von Spielern richtig einzuschätzen. 

Die Tabelle.  Viel wichtiger als der aktuelle Rang der Rostocker: Es ist wieder relevant, was die Top-5 der Tabelle so veranstalten. Da hat die Kicker-App wieder einen Sinn.

Das Hilfegesuch

Eine Rostocker Haubitze wird bald Papa. Ein verrückter Typ. Hat etwa 60 Hansa-Trikots im Schrank, seit 1993 ist jede Saison dabei. Hätte er die Namensrechte an seiner Tochter nicht beim Fängeln verloren, würde die junge Lady sicher Jari, Kim oder Chałaśkiewicz heißen. 

Ich darf jedenfalls die Pullerparty organisieren. Fast alles ist erlaubt, außer: Drogen, Stripperinnen, Pferdewetten, der Flixbus-PC-Simulator, Fitzek-Thriller, die Bibel, Hip-Hop, Dresden-Trikots, Bayern-Fans, veganes Catering, Winnie Pooh, Nazis, New-England-Patriots-Merchandise, scharfes Essen und Witze über seine angebliche Ähnlichkeit zu Ken Leemans.

Falls jemand eine geile Puller-Pary-Idee hat: Bitte E-Mail an uns. Der beste Vorschlag gewinnt – nach Hintergerundcheck des Instagram- oder Facebook-Profils – eine Einladung zur Hansa-Baby-Pullerparty. 

Hannes Hilbrecht

Hannes Hilbrecht schreibt und schrieb nebenbei für ZEIT ONLINE, NDR.de und den Berliner Tagesspiegel. Füllt ein Marketing-Magazin mit Liebe (GrowSmarter.de) Und er liest eine spannende Case Story genauso gerne wie den neuen Roman von Ralf Rothmann.