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Ewald Lienen: „Dafür gab es kein Geld, aber Ärger“

BLOG-TRIFFT-BALL führte mit Ewald Lienen im September ein ganz besonderes Interview. Was für 30 Minuten angesetzt war und sich eigentlich hauptsächlich um das Fußballgeschäft drehen sollte, entwickelte sich zu einem intensiven Gespräch über die großen Themen der Gesellschaft.

Foto: Witters

FRISCHER FILM

 

Herr Lienen, schön, dass Sie sich Zeit für uns nehmen. Erst einmal, wo treffen wir sie an? Sie sind ja zuletzt ein wenig um die Welt gekommen.
Momentan in Mönchengladbach, wo ich seit langer Zeit lebe.

Ist es eher ein Krafttanken für die neue Aufgabe oder müssen Sie den Abschied aus Galati noch verdauen?
Erst einmal heißt es „Galatzi“, denn das „t“ wird in Rumänien oft anders ausgesprochen. Ansonsten fiel der Abschied natürlich sehr schwer,  da wir meines Erachtens auf einen sehr guten Weg waren. Wir hatten eine sehr talentierte und vor allem spielstarke Mannschaft beisammen, die immer besser in Tritt gekommen ist.

Woran ist es am Ende gescheitert? Die Saisonzielstellung wurde ja im Endeffekt erfüllt.
Weil kein Geld mehr da war. In Rumänien fallen aufgrund der sozialen Situation des Landes die großen Einnahmen aus Ticketing und Merchandising weg. Es bleiben die Fernsehgelder, die jedoch, wie man es sich denken kann, deutlich geringer ausfallen als in Westeuropa, und das Geld der Sponsoren. In den meisten Fällen hauptsächlich das Geld eines externen Mäzens oder des Eigentümers. Bei Galati hatte der Hauptgeldgeber kein Interesse mehr an einem weiteren finanziellen Engagement. Die Mittel waren demnach mit dem Saisonende einfach weg und die Suche nach einem neuen Investor, der den Klub mitsamt seinen Verbindlichkeiten weiter unterstützten sollte, schlug fehl.

Sie reden über den Zustand des Klubs sehr bewegt und auch über das Land verlieren Sie eher wohlklingende Worte. Dabei wird Rumänien in Deutschland nicht wirklich positiv bewertet, es dominieren ja eher negative Klischees. Wie haben Sie das Land und die Menschen erlebt?
Sehr, sehr positiv. Allerdings, und das möchte ich zwingend vorrausschicken, bin ich sowieso ein absoluter Gegner davon, Länder oder auch Menschen zu beurteilen, ohne diese persönlich besucht oder kennengelernt zu haben. Das geht aus meiner Sicht gar nicht. Ich selber habe meine Zeit in Rumänien nicht nur im Beruf, sondern auch in der Privatsphäre sehr angenehm erlebt. Wenn man in einem städtischen Café war, hat man genau merkt, wie offen und respektvoll sich die Menschen im gegenseitigen Umgang verhalten. Kurzum: Es hat mir sehr gut gefallen und auch die restlichen Mitglieder meines Trainerteams gewannen in den gut zehn Monaten ähnlich positive Eindrücke.

Wäre Rumänien also wieder eine Option, oder lockt eher eine andere europäische Adresse? Vielleicht sogar auch nur in Deutschland?
Es ist immer abhängig davon, wie der betreffende Verein aufgestellt ist. Wird seriös und kompetent gearbeitet? Ist der Verein perspektivisch gut aufgestellt, welche Ziele werden definiert, die er mit mir erreichen will? Ich möchte als Trainer etwas aufbauen und entwickeln, das war immer mein erster Anspruch. Und natürlich habe ich in Rumänien Klubs wahrgenommen, die durchaus in dieses Profil passen.

Entwickeln und aufbauen konnten Sie auch damals etwas in Rostock. Das ist aber bald siebzehn Jahre her. Gibt es trotzdem noch Beziehungen?
Unabhängig vom FC Hansa Rostock habe ich mich bei all meinen Stationen wohlgefühlt und kehre dorthin immer wieder gerne zurück. Mit dem FC Hansa verbindet mich ein sehr erfolgreiches Jahr, und noch um einiges wichtiger: viele, bis in die heutige Zeit währende Freundschaften. Egal, ob es Beziehungen zu ehemaligen Spielern oder damaligen Vereinsverantwortlichen sind.

Das „sehr erfolgreiche Spieljahr“, 1997-98,  war ihre in Deutschland tabellarisch erfolgreichste Saison. Mal daran gedacht,  was passiert wäre, wenn sich Oliver Neuville im Winter nicht so schwer verletzt hätte?
Natürlich denkt man als Trainer an solche Geschichten. Hätten wir mit Oliver Neuville den einen Punkt mehr geholt, der uns anschließend in den Europapokal katapultiert hätte? Wäre damit mehr Geld dagewesen, um die erfolgreiche Mannschaft zusammenzuhalten? Am Ende ist es geschehen wie es ist, aber dennoch, auch wenn sie einem nichts nützen, dürfen diese Gedankengänge ja erlaubt sein.

Die Mannschaft konnten Sie wie gesagt nicht zusammenhalten. Der Grund für ihr späteres Ausscheiden?
Sicherlich. Der FC Hansa unterlag ja damals einem traurigen wie bekannten Schicksal. Wir haben 1997/98 ein tolles Jahr gespielt. Anders kann man es nicht beschreiben. Wir wurden ja unter anderem auch zu der Mannschaft gewählt, die den schönsten Fußball demonstrierte. Die bittere Konsequenz: unsere Spieler waren so begehrt, dass wir sie nicht halten konnten. Rückblickend habe ich  vielleicht einen persönlichen Fehler gemacht.

Der da wäre?
Ich hatte damals Angebote von renommierten Bundesligisten, die weitaus lukrativer waren als es ein Jahr beim FC Hansa jemals sein könnte. Das hätte ich eventuell zu meinen größeren persönlichen Vorteil annehmen müssen. Auf der anderen Seite habe mich voll mit dem Verein identifiziert, habe mich dem Klub verbunden gefühlt. Demnach war es eigentlich auch kein Fehler dazubleiben, da ich ja das gemacht habe, was ich für richtig hielt und auch immer noch für korrekt halte.

Sie meinen das Erfüllen von Verträgen.
Ja, genau das meine ich. Ich finde die Entwicklung bedenklich, dass auch für Trainer die Verträge immer weniger gelten. Ist die Möglichkeit da, sich zu verbessern, ist heutzutage der Trainer weg. Natürlich kann ich persönlich das auch irgendwo verstehen, schließlich halten sich die Vereine noch weniger an die bestehenden Arbeitspapiere. Aber ich erachte die gesamte Entwicklung als schädlich, vor allem für die Vereine selber. Ohne Kontinuität ist es nämlich schwer, etwas aufzubauen. Zu meinen Verträgen: Mir war immer wichtig – hier komme ich auf Rostock zurück – dass ich meine unterschriebenen Vertragslaufzeiten erfülle.

In Rostock wurden Sie im März 1999 entlassen. Das kränkte bestimmt.
Ja, weil ich mir sicher war, dass wir uns trotz einiger schlechter Ergebnisse auf einem guten Weg befanden. Ich hatte mit einigen Vorstandsmitgliedern, mit denen ich auch täglich zusammenarbeite, ein sehr gutes und vertrauensvolles Verhältnis. Die Entlassung wurde  vielleicht auch aus anderen Institutionen mitbefeuert, die eher weniger mit dem Tagesgeschäft vertraut waren. Das hat mich schon sehr gestört.

Schlussendlich hat der FC Hansa in Bochum in allerletzter Sekunde die Klasse gehalten.
Darüber habe ich mich natürlich für Fans, Spieler und den kompetenten Personen in der Vereinsführung sehr gefreut. Ich wäre übrigens gerne als Trainer dabei gewesen.

Von der Bundesliga ist der FC Hansa weit entfernt. Es droht sogar der Abstiegskampf in Liga drei. Wie beurteilen Sie den langfristigen Abstieg des FC Hansa?
Ich möchte dazu nicht allzu viel sagen, dafür bin ich auch zu weit weg. Trotzdem ist diese Entwicklung für mich schwer begreiflich, da am Ende alles so schnell ging. Der Verein hatte ja alles für eine positive Zukunft beisammen. Die Neubauten des Stadions, das Verwaltungsgebäude und das Nachwuchsleistungszentrum sowie tolle Trainingsbedingungen, alles war auf einem richtig guten Weg. Am Ende mangelte es aber an der Kontinuität und den Kompetenzen in der Vereinsführung. Ein Problem, das viele Klubs nur zu gut kennen. Im Nachhinein habe ich kein Verständnis dafür, dass man mit den bis zu diesem Zeitpunkt erfolgreichen Managern und Entscheidungsträgern nicht weitergearbeitet hat.

Ein anderes Thema: Ich kann mich erinnern, dass Sie damals nur ungerne oder gar nicht Autogramme geschrieben haben. Sind sie sich da treu geblieben, oder gibt es jetzt Chancen auf eine begehrte Signatur?
Dieses Thema wird mich wohl noch lange Zeit begleiten. Dabei stimmt es nicht, dass ich gar keine Autogramme geschrieben habe. Ich habe oft Ausnahmen bei den „professionellen“ Sammlern gemacht. Die mit großer Leidenschaft bei der Sache waren und quer durch die Welt reisten, um ihre Autogramme zu bekommen. Denen hat es wirklich etwas bedeutet. Wenn aber jemand nur um ein Autogramm bat, weil er damit später prahlen wollte, habe ich diese stets  verweigert. In den meisten anderen Ländern gibt es diese Autogramm-Kultur auch gar nicht. Wenn man auf der Straße angesprochen wird, dann höchstens, weil die Menschen einem viel Glück fürs nächste Spiel wünschen wollen. Ein weißes Blatt Papier streckt dir dort niemand entgegen.

Hatten auch Kinder keine Chance?
Ich habe diesen Kindern und Jugendlichen in langen Diskussionen zu erklären versucht, dass sich der Wert eines Menschen nicht an seinem Bekanntheitsgrad bemisst. Dementsprechend die Unterschrift eines bekannten Sportlers nicht mehr Wert darstellt, als die von jedem anderen Menschen.

Wie sehen Sie die gesamte Problematik heute?
Mittlerweile habe ich mein Sendungsbewusstsein diesbezüglich etwas verloren. Es ist zwar schön, dass ich immer wieder auf Menschen treffe, denen ich damals Autogramme verweigert habe, und für die meine Erklärungen ein wichtiger Denkanstoß waren, sich mit diesem überzogenen Personenkult auch einmal anders auseinanderzusetzen. Ich habe mir immer gewünscht, dass die Menschen aus sich heraus genug Selbstbewusstsein entwickeln, anstatt sich dafür ein Stück von einem sogenannten Star zu holen. Heute habe ich keine Zeit mehr mich mit solchen Diskussion zu beschäftigen, weil es wichtigeres zu tun gibt.

Zum Beispiel sich sozial engagieren…
…Vorsicht, ich finde es nicht gut, wenn man den Begriff „Soziales Engagement“ überstrapaziert oder im falschen Zusammenhang verwendet. Mir geht es vielmehr um soziales, ja menschliches Verhalten. Dass man das Interesse für andere besitzt und nicht nur an sich selber denkt. Zum Beispiel, wenn man als Trainer ein Auge für seine Spieler hat und sich ihrer Sorgen und Nöte annimmt. Das ist kein besonderes Engagement, sondern sollte der Normalfall sein. In einer Gesellschaft, in der viele Menschen zusammenleben, muss man sich das Interesse für seine Mitmenschen bewahren. Das ist mir sehr wichtig.

Haben Sie ein konkretes Beispiel aus Ihrem Leben?
Meine Frau und ich sind damals mit einigen Kindern ihrer Behindertengruppe in den Urlaub nach Dänemark gefahren. Für uns ein völlig normaler Vorgang. Die Normalität im Umgang und  Zusammenleben mit behinderten Mitmenschen war im Übrigen eine der zentralen Botschaften der Behinderteninstitution, für die meine Frau damals gearbeitet hat. Daraus haben die Medien ein ganz großes Ding gemacht. Der Profifußballer als Wohltäter, während sich die Kollegen auf Mallorca bräunen. Das fand ich völlig unangemessen und abstoßend. Nicht nur, weil die Medien aus dieser Geschichte Profit schlagen wollten, sie haben auch unsere eigentliche Botschaft ins Gegenteil verkehrt. Wieso ist es denn„Soziales Engagement“, wenn ich mit Menschen Zeit verbringe, mit denen ich Zeit verbringen möchte? Bin ich sozial engagiert, wenn ich mit einem Menschen mit Behinderung einen Kaffee trinken gehe? Das ist doch Quatsch. Ich interessiere mich für den Menschen, er für mich. Das ist doch ganz normal, da braucht mir niemand einen Zettel mit der Aufschrift „sozial engagiert“ auf den Rücken kleben.

Dennoch kann man Ihre Person, so denke ich zumindest, als sozial engagiert beschreiben. Sie waren an der Gründung der Vereinigung Deutscher Vertragsfußballer und insbesondere in der Friedensbewegung aktiv. Ein Umstand, der nicht nur positiv begleitet wurde.
Uns Sportlern wurde damals von rechtsgerichteten Politikern nahegelegt, auf kritische politische Meinungsäußerungen zu verzichten. Und der Friedensbewegung wurde generell eine Nähe zur DKP vorgeworfen. Mit diesem lächerlichen Argument wurde damals oft versucht, politische Initiativen zu diskreditieren, anstatt sich mit deren Inhalten auseinanderzusetzen. Natürlich (und glücklicherweise) waren an den Friedensbekundungen viele DKP-Mitglieder beteiligt. Es ging aber nicht im Entferntesten um die DKP-Programmatik, sondern um ein parteiübergreifendes Projekt. An dem die DKPler sehr gut und konstruktiv mitgearbeitet haben. Ich selber hatte mit ihnen, obwohl sie andere Meinungen vertreten haben, keinerlei Berührungsängste. Und als die Berufsverbotsgesetze kamen, habe ich vehement dagegen eingesetzt. CDU-, FDP- und SPD-Mitglieder? Als ob diese nicht die Schüler indoktrinieren könnten.

Das sind sicherlich Meinungen, die nicht bei jedem Vereinspräsidenten, gerade aus dem eher konservativ geprägten Fußball-Milieu, gut angekommen sind.
Es ist doch allgemein so, dass hier auf dem linken Auge viel hysterischer reagiert wird als auf dem rechten. Ich möchte linksextreme Gewalttäter und andere Idioten nicht in Schutz nehmen, auf gar keinen Fall. Aber das es tatsächlich Menschen gibt, die das linke mit dem rechten Gewaltpotenzial gleichsetzen, ist für mich unbegreiflich. Der Rechtsextremismus ist extrem menschenfeindlich und eine der größten Geißeln der Welt. Wie viele Menschen sind jedes Jahr, europaweit, über Jahre hinweg, von Nazis ermordet worden? Der Unterschied ist doch nur, und hier wird es brenzlig, dass anders als bei den „linken“ Taten keine Eliten angegriffen werden. Wer interessiert sich schon für den ermordeten Ausländer, der in diesem Land einen einfachen Job verrichtet hat? Ich möchte, und das sei hier ganz klar betont, keine Gewalttaten oder gar Mordtaten miteinander aufwiegen. Dafür ist jede Einzelne zu schrecklich. Dennoch sollte man die Verhältnisse beachten. Und da gehen von Rechtextremisten, die in Griechenland längst mordend und prügelnd durch die Straße ziehen, in Frankreich 20 Prozent erringen, ganz andere Gefahren aus.  Wenn man in Deutschland die Rechtsextremen genauso sehr ins  Visier genommen hätte wie die Linksextremen, dann müsste uns vor den Nazis auch nicht mehr Bange sein. Dem ist aber leider nicht so.

Sie sind da ja sehr offen und direkt.
Ja, mit voller Absicht. Andere machten damals für Getränkehersteller Werbung und verdienten sich die Taschen voll. Ich habe meine Popularität für politische Meinungen genutzt. Dafür gab es kein Geld, aber umso mehr Ärger. Aber das war er es mir wert, wenn die Gegenleistung war, wichtigen Themen Gehör zu verschaffen. Wichtig ist aber nicht das Gerede, nicht diese Sonntagsreden von Politikern, nein, wir müssen aktiv werden. Beispielsweise friedlich auf die Straße gehen, aber insbesondere den Problemen im täglichen Leben entgegentreten und gemeinschaftlich Zivilcourage zeigen.

Herr Lienen, sind das aber nicht Themen, die im Millionengeschäft Fußball eher unbedeutend sind?
Es freut mich sehr, dass Sie den Begriff „Millionengeschäft“  noch einmal verwenden. Ich finde diesen Begriff nämlich unpassend. Fußballmillionäre sind vielleicht ein paar wenige Sportler. Ich kenne tausende Spieler, selbstverständlich nicht alle persönlich, die von solchen Zahlen träumen. Die froh sind, wenn ihre Gehälter im niedrigen vierstellen Bereich pünktlich auf dem Konto sind. Wissen Sie, junger Mann, ich habe soviel im Fußball erlebt, über nicht bezahlte Gehälter und ausgenutzte Spieler, dass ich darüber ein Buch schreiben könnte. Der Begriff „Millionengeschäft Fußball“ gilt nur für sehr wenige Leistungssportler auf der ganzen Welt.

Dürfen wir uns dann auf ein Buch freuen?
In der nächsten Zeit noch nicht, da besitzt erst einmal meine Aufgabe als Trainer die oberste Priorität. Ich lebe dieses Spiel und bin ein großer „Fußballliebhaber“. Deshalb möchte ich noch ein paar Jahre an der Seitenlinie arbeiten. Dann aber, wenn die Zeit reif ist, werde ich sicherlich  Zettel und Stift zu Hand nehmen.

St. Pauli Heimtrikot für 40 €.

Hannes Hilbrecht

Wenn Hannes Hilbrecht nicht mittwochabends im Studentenkeller Moscow Mule trinkt, schreibt er für u.a. für ZEIT ONLINE, BLOG-TRIFFT-BALL oder seine HERMES-Bundesliga-Kolumne. Ab September ist sein Blog onewaytoseattle.com online. Sein Ziel: Auswandern in die schönste Stadt der Welt. Die ersten Schnipsel aus seinem ersten Roman-Projekt „W“ gibt es gratis dazu.