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Marteria kickt für Hansa: Ein letzter Strohhalm?

Wenig Positives gab es zuletzt über den FC Hansa zu berichten. Das könnte sich Ende März des kommenden Jahres ändern, arbeitet der Verein doch an ein großes Event für die finanzielle Rettung des Vereins. Das klingt nach reichlich Spaß – ist aber auch bitterer Ernst.

Bildquelle: Hansa Rostock

Streuselschnecken, Christstollen und Quarkkuchen, dazu genügend Kaffee und Apfelschorle. Es sah nach einer netten Kaffeerunde aus, aufgedeckt hoch oben im Tagungsraum der Rostocker Geschäftsstelle.

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In ihr fand am Montagnachmittag jedoch kein netter Plausch statt, sondern eine Informations- und Fragerunde mit ernstem Unterton. Der Anlass klang zunächst erfreulich: Am letzten Märzwochenende des nahenden neuen Jahres kommt es nämlich zu einem Event der besonderen Art in der Rostocker Arena. Es treffen sich zwei Auswahlen zum Benefizspiel, die von ganz besonderen Kapitänen aufs Feld geführt werden. Musik-Star und Ex-Hansa-Kicker Marteria auf der einen, Mittelfeldlegende Stefan „Paule“ Beinlich auf der gegenüberliegenden Seite.

Der Grund war dann trotz der Aussicht auf große Namen und alte Helden eher von bescheidener Natur. Es geht für den FC Hansa bei diesem Spiel nicht nur um Geld, sondern auch um Punkte. 1,045 Millionen Euro muss der FC Hansa bis zum 21. Januar an den DFB hinterlegen, ansonsten droht ein Punktabzug. Wird weniger als die Hälfte getilgt, droht der Verlust von zwei Punkten, bei Einreichung von fünfzig Prozent der geforderten Summe wird lediglich ein Punkt abgeschrieben. Wird die erforderliche Summe zusammengekratzt, bleiben die Zähler in Rostock. Wie wichtig das ist, erklärte auch der zuletzt hart kritisierte Michael Dahlmann: „Jeder Zähler ist für uns entscheidend. Wir können es uns tabellarisch nicht leisten, Punkte auf diesem Wege herzugeben. Es geht sportlich um alles.“

Heißt übersetzt so viel wie: Regionalligafußball ist in Rostock nahezu undenkbar – weshalb jeder Punkt für die Zukunft des Klubs benötigt wird. Auch deshalb legte Dahlmann nach: „Am 29. März können nicht die Spieler punkten, sondern unsere Fans. Das möchten wir ihnen klar machen.“

Gepunktet wird aber weit vor dem ersten Frühlingsmonat. Bis 10. Januar müssen bereits 15000 Karten verkauft sein, um die reelle Chance auf die Abwehr der DFB-Sanktionen zu wahren. 15000 Zuschauer wären demnach gleichbedeutend mit einem großen Satz in Richtung Ausgleich der Liquiditätslücke. Gelingt es sogar, die Partie auszuverkaufen, könnte auf einen Schlag ein Großteil der Bedrohung gebannt sen.

Die besagte Lücke im Etat war aus den desolaten sportlichen Resultaten und dem damit verbundenen Zuschauerrückgang entstanden. Dadurch, dass die Rostocker weit unter kalkulierten Besucherschnitt spielen, gingen bereits 500000 Euro verloren. Weitere 250000 Euro an einkalkulierten Einnahmen gingen dem FC Hansa durch die Lappen, als im Sommer das Stadionfest wegen befürchteter Krawalle abgesagt werden musste. Ebenso eingerechnet sind 100000 Euro, die fehlen, da die erwünschte Zuschauermarke beim Testkick gegen Schalke 04 verpasst wurde.

So summierte sich das tiefe Minus in den Rostocker Kassen langsam zusammen. Eine schwierige Situation für den Klub, der bereits im Frühjahr mit dem Verkauf der Geschäftsstelle harte Maßnahmen zur Rettung des Vereins ergriff.

Nun ziehen die Mecklenburger ihren vielleicht letzten Trumpf. Rapper Marteria, der bürgerlich Marten Laciny heißt, ist längst das inoffizielle Aushängeschild des Vereins – und der wohl einzig verbliebene Hoffnungsschimmer.

Das gleich aus mehreren Gründen. Neben dem finanziellen Aspekt bietet sich nämlich eine weitere große Chance. Der Musiker wird nämlich eine prominente Mannschaft berufen, die sich auch aus Bereichen wie Fernsehen und Musik zusammensetzen wird. Für den Verein, der in der Stadt zuletzt merklich an Rückhalt und Ansehen verlor, eine große Chance wieder Werbung in eigener Sache zu machen.

Ein potenzieller Startelfkandidat könnte so unter anderem Punkrock-Legende Campino sein. Der Frontmann der Toten Hosen ist seit ein paar Jahren eng mit Laciny befreundet und teilt mit ihm die unbedingte Fußballleidenschaft. So besuchten beide einmal ein Spiel des FC Liverpool an der berühmten Anfield Road. Die Freundschaft, die beim gemeinsamen Arbeiten am letzten Hosen-Album entstanden war, ging sogar so weit, dass der Rostocker Künstler die Düsseldorfer Band bei einem Argentinien-Konzert besuchte.

Campino selbst rettete seinen Herzen-Klub Fortuna Düsseldorf vor ein paar Jahren dadurch, dass die Band die vakante Sponsorenbrust der Fortunen übernahm und für den Betrag von einer Millionen Euro mit dem Hosenkopf ausstaffierte. Laciny dürfte bei seinem Kumpel wahrscheinlich auf offene Ohren stoßen.

In den nächsten Tagen sollen nach Auskunft von Presssprecher Lorenz Kubitz die ersten Namen und die Trainer der beiden Mannschaften bekannt gegeben werden. Auch mit dem Ziel, durch populäre Gäste die Attraktivität des Spiels und somit gleichbedeutend das Interesse des Rostocker Publikums zu steigern.

Nach Ende der gut siebzig minütigen Gesprächsrunde, in der sich Hansa-Vorstandschef Dahlmann einigen kritischen Fragen erwehren musste, staunten die Teilnehmer jedenfalls nicht schlecht, als die ersten Blicke auf die Smartphones fielen. Bereits zwei Stunden nach Veröffentlichung der ersten Details hatten sich bei der Facebook-Veranstaltung bereits 984 Gäste eingetragen, am Abend waren es bereits weit über 2000  unverbindliche Zusagen. Auf dem Ticketzähler, der auf der Homepage den Er- oder Misserfolg der Aktion protokolliert, waren am Abend bereits über 500 Verkäufe registriert worden. Keine 12 Stunden später waren dann schon 1000 Tickets an den Mann gebracht.

Die Rostocker Hansa-Kerze flackert also wieder ein wenig auf – ganz passend zur Rostocker Weihnachtsmarktzeit.

BTB meint: Bei aller Kritik an dem Verein und im Besonderen an seiner Führungsspitze – das Projekt hat Format. Unterstützen wir gerne.

Tickets gibt es hier: http://www.lms-ticket.de/dkb-arena/ajax.aspx?sub=Veranstaltungen2&id=2fac1f99-4b93-4a70-96ba-fd406d04a490

 

Hannes Hilbrecht

Wenn Hannes Hilbrecht nicht mittwochabends im Studentenkeller Moscow Mule trinkt, schreibt er für u.a. für ZEIT ONLINE, BLOG-TRIFFT-BALL oder seine HERMES-Bundesliga-Kolumne. Ab September ist sein Blog onewaytoseattle.com online. Sein Ziel: Auswandern in die schönste Stadt der Welt. Die ersten Schnipsel aus seinem ersten Roman-Projekt „W“ gibt es gratis dazu.