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Steffen Baumgart über Hansa: „Was ist besser geworden?“

Steffen Baumgart ist nicht nur gebürtiger Rostocker, sondern auch ein Hansa-Held aus den Neunzigern. Der langjährige Bundesligaprofi, der auch für den VfL Wolfsburg auflief, wagt nun einen neuen Anlauf für seine Cheftrainerkarriere. Wir haben mit ihm über die Trainerausbildung, Konzepttrainer und vor allem über die letzten Jahre beim FC Hansa geplaudert.

Screenshot: spreekick.tv

FRISCHER FILM

Herr Baumgart, was haben Sie seit Ihrem Abschied aus Rostock eigentlich gemacht? Bis zur Vertragsunterschrift beim Berliner AK war es ruhig um Sie geworden.
Ich habe viel Zeit in meine Trainerkarriere investiert. Im Fokus stand dabei meine Ausbildung zum Fußballlehrer, die ich in Hennef bei Köln erfolgreich absolvieren konnte. Zudem habe ich eine Bezirksligamannschaft im Raum Berlin betreut. Ein Kumpel hatte mich gefragt, ich habe es dann gerne gemacht.

Viele Trainer sagen, dass es diese Ausbildung in sich hätte. Können Sie das jetzt bestätigen?
Es ist mit sehr viel Arbeit verbunden. Vor allem mit einem großen Lernaufwand. Man muss sich hinsetzen und viel  Wissen aufnehmen. Das ist schwieriger, als man zunächst denken mag. Das Lernen war ich zum Beispiel gar nicht mehr gewohnt.

Waren Sie denn ein fleißiger Schüler?
Ich war nie ein Schüler, der besonders intensiv und fleißig gelernt hat. Das war schon zu Schulzeiten einfach nicht mein Ding.

Fühlen Sie sich seit der Fußballlehrer-Lizenz intelligenter?
Frank Wormuth, der Chef-Ausbilder, hat uns zu Beginn des Lehrgangs gesagt: „Ihr seid alles schon Trainer. Wir geben euch nur den letzten Schliff.“ Und ich finde, dass man das Zitat so stehen lassen kann. Wir alle waren schon Trainer, als wir nach Hennef kamen. Hatten unsere Vorstellungen und Ideen. Die zehn Monate haben uns nun sehr dabei geholfen, diese Gedanken zu hinterfragen und möglicherweise neue Ansätze zu finden.

Wann haben Sie eigentlich gemerkt, dass Sie einmal Trainer werden wollen?
Das habe ich schon vor meiner eigentlichen Spielerkarriere gewusst. Sie müssen wissen: Ich komme aus einer Trainerfamilie. Sowohl mein Opa als auch mein Vater haben lange im Handball trainiert, sodass ich praktisch unter Trainern aufgewachsen bin. Deshalb stand es für mich immer fest, dass ich auch einmal eine Mannschaft anleiten möchte. Als ich im Alter von 22 Jahren die Chance bekam, bei Hansa in der 2. Liga zu spielen, sagte ich zu meinem Vater: Ein Bundesligaspiel für Hansa, dann kann ich mich voll auf meine Trainerkarriere konzentrieren.

Aus einem Spiel wurden 14 Profijahre.
Daran war damals nicht zu denken. Ich kam aus Aurich, aus der vierten Liga. Dass ich mich bei Hansa durchsetzen würde – so weit habe ich gar nicht geträumt. Die ganze Entwicklung mit Frank Pagelsdorf, der aus dem FC Hansa eine Bundesliga-Mannschaft formte – das hat allem die Krone aufgesetzt.

Stimmt es, dass Sie vor Ihrer Zeit als Bundesligaspieler eine Ausbildung zum KFZ-Mechaniker gemacht haben?
Ja, das ist richtig. Ich habe damals vieles gemacht. Ich war auch ein Jahr bei der Bereitschaftspolizei, aber in dem Beruf bin ich nicht richtig aufgegangen. Dann ging es nach Aurich und ich habe mich nach West-Standards zum KFZ-Mechaniker umschulen lassen. Ich kann aber niemandem empfehlen, mich an sein Auto zu lassen. Das würde mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht gut gehen.

Sehen Sie es als Vorteil an, einen solchen Weg gegangen zu sein? Heute gibt es ja schon viele Fußballer, die mit 20 an der ersten Million kratzen.
Die Zeiten haben sich einfach geändert. Heute verdienen junge Bundesligaspieler mit ihrem ersten Vertrag wahrscheinlich mehr als ich es in 14 Jahren als Profi getan habe. Die haben ausgesorgt, wenn sie nicht alles blind verprassen. Klar, verdient wurde auch in den Neunzigern gut. Das steht völliger außer Frage. Aber die Dimensionen sind einfach andere geworden.

Sie waren als Spieler sowohl Stürmer als auch Abwehrspieler. Wird es den offensiven oder defensiven Trainer Baumgart geben?
Eine Mischung aus beidem wird es hoffentlich treffen. Ich sehe es aber schon als Vorteil an, beide Spielweisen sehr gut kennengelernt zu haben. Was natürlich klar ist: Ohne eine gute Defensive ist es immer schwierig, langfristig erfolgreich zu arbeiten. Deshalb bin ich schon der Trainer, der sagt: Die Null muss hinten stehen. Und wenn man dann noch einen Stürmer hat, der aus Mist Bonbons macht, kann man sich schon mit einfachen Mitteln gute Ergebnisse erkämpfen.

Haben Sie eine Philosophie, Herr Baumgart?
Ja, die habe ich. Die wurde auch beim Fußballlehrerlehrgang zur Papier gebracht. Aber sie werden mich nie  groß davon reden hören.

Aber Konzepttrainer sind derzeit sehr in Mode.
Es gibt auch Konzepttrainer, die müssen nicht immer betonen, dass sie ein besonders kluges Konzept hätten. Bei mir würde es ebenso nie vorkommen, dass ich gegen die Mannschaft mit dem besten Dreiersturm der Welt nur eine Dreierabwehrkette aufbiete, um mich dann dafür feiern zu lassen, nach 20 Minuten taktisch clever auf eine Viererabwehr umgestellt zu haben. Das ist nicht meine Art.

Wird des den „diametral“ verschiebenden Sechser oder die abkippende Acht an Ihrer Taktik-Tafel also nicht geben?
Bitte was? (lacht). Die wird es vielleicht auf dem Platz geben, aber selbst wenn würde ich das niemals so benennen. Verstehen das alle Spieler? Ich glaube nicht. Und genau das ist mir wichtig: Die Spieler sollen ja kapieren, was ich von ihnen will. Darin liegt für mich das eigentliche Handwerk. Ich habe es als Spieler übrigens gemocht, klare und verständliche Ansagen zu bekommen. Das Professorengerede war nie mein Ding. Darauf werde ich als Trainer sehr viel Wert legen.

Sie streben einen Beruf an, in dem es ziemlich zügig werden kann. Denn häufig werden die Trainer als Alleinverantwortliche  für die sportliche Situation gebrandmarkt. Und ich sage: Mit Recht. Wenn es sportlich nicht läuft, ist eben der Trainer Schuld.
Das sehe ich ähnlich. Natürlich trägt der Trainer die Verantwortung, für das, was auf dem Platz passiert. Wer auch sonst? Genau deshalb will ich ja Trainer werden. Weil mich diese Aufgabe reizt. Die Sache ist halt die: Man ist nicht nur verantwortlich, wenn es läuft, sondern man steht auch im Mittelpunkt, wenn die schlechten Resultate überwiegen. Wichtig ist aber: Wie definiert ein Verein Erfolg und Misserfolg? Die Arbeit eines Trainers muss ja den Umständen richtig bewertet werden. Vielleicht arbeitet ja ein Trainer erfolgreich, nur verkennen das die Verantwortlichen in den Vereinen häufig. Weil sie eben keine Ahnung vom sportlichen Geschäft haben.

Das klingt hart.
Im Osten ist es besonders drastisch. Da gibt es überall Personen, die sich einbilden, Ahnung vom Fußball zu haben und laut mitreden wollen. Und das ist für viele Vereine ein großes Hauptproblem. Und darunter leiden dann die Trainer und teilweise auch andere wichtige Figuren.

Sprechen Sie aus eigener Erfahrung?
Ich habe es komischerweise dreimal bei Bernd Hofmann erlebt. In Berlin, Magdeburg und Rostock gab es Leute, die ihn loswerden wollten. Die meinten: Sie könnten alles besser. Alle drei Vereine sind in den Folgejahren richtig in Bedrängnis geraten. Hätten fast den Abflug nach ganz unten gemacht.

War es falsch, dass Hofmann in Rostock abgesetzt wurde?
Das kann ich nicht beurteilen. Ich sehe ja nur Ergebnisse. Und die Personen, die behauptet haben, sie könnten alles besser, haben für mich den Nachweis für ihre Ankündigungen noch nicht erbracht. Eher im Gegenteil. Ich meine: Der Verein, der FC Hansa Rostock, dieser ehemals große Bundesligist, ist in diesem Jahr dem Abstieg in die Regionalliga nur knapp entgangen. Seit Jahren stehen sie in der Dritten Liga unten, sind von den Ergebnissen her immer schlechter geworden.

Dazu die finanziellen Gesichtspunkte.
Das kommt noch dazu. Gegen Red Bull schimpft man und behauptet, die würden den Fußball kaputt machen. Nun ist die letzte Hoffnung in Rostock auch ein Investor. Wie passt das zusammen? Natürlich ist er Hansa-Sympathisant und seine Aussagen, die er bisher getätigt hat, lassen Gutes erhoffen. Aber bleibt nicht festzuhalten, dass der FC Hansa seine Ziele rund um die viel zitierte „Konsolidierung“ letztendlich nicht alleine erfüllen konnte? Obwohl dass das große Ziel jener Leute war, die doch alles besser konnten? Das sind Fragen, die ich mir stelle. Und es ist immer noch nicht die komplette Liste. Was ist zum Beispiel aus der Jugend geworden? Der FC Hansa Rostock hatte einst eines der besten zehn Leistungszentren in ganz Deutschland. Davon ist nicht mehr viel übrig. Die A-Jugend ist abgestiegen, man tut sich schwer, Talente heranzubekommen. Strukturen, die in Rostock lange aufgebaut wurden, sind kaum noch vorhanden. Wenn ich in Rostock vor Ort bin, habe ich das Gefühl, dass die private Fußballschule von Rene Schneider besser strukturiert ist als der Nachwuchs vom FC Hansa. Und das alles mündet in einer Frage: Was ist seit dem versprochenen Wandel in Rostock überhaupt besser geworden?

Das Stadion heißt zum Beispiel wieder „Ostseestadion“.
Und das Stadion ist nur zu einem Drittel gefüllt. Einerseits zeugt es von der Stärke, die in der Region schlummert, wenn 26000 Zuschauer zu einem Alt-Herrenkick gehen, was übrigens ein starkes Event war. Anderseits ist es traurig, wenn in der Liga nur 10000 Fans den Weg ins Stadion finden. Die Zahlen sind doch ernüchternd. In den Finanzen, im Sport und beim Zuschauerschnitt. Und in der Jugendarbeit.

Sie klingen nicht nur ein bisschen angekratzt.
Das bin ich auch. Der FC Hansa ist mein Verein, ich hänge an ihm. Ich habe mit ihm soviel durchlebt und durchstanden. Es tut weh, ihn in dieser Verfassung zu sehen. In Dresden, ich war live vor Ort, war ich nach dem Klassenerhalt unwahrscheinlich erleichtert. Habe mir aber gleichzeitig gedacht: Wie konnte es so weit kommen?

Wenn Sie mit alten Spielern zusammentreffen, ist der FC Hansa dort ein bestimmendes Gesprächsthema?
Ab und an kicke ich mit ein paar ehemaligen Gefährten in der Hansa-Traditionsmannschaft, die ja sehr erfolgreich an den Meisterschaftsturnieren teilnimmt. Der FC Hansa ist dabei aber kaum ein Thema. Was sollen wir denn Schönes erzählen? Ich glaube, es würde die Stimmung nur herunterziehen, wenn wir groß über den Verein sprechen würden. Es nagt an vielen von uns.

Gibt es jemand, den Sie aus dem alten Bekanntenkreis zutrauen würden, dem Verein gut zu tun?
Ganz ehrlich? Ich weiß es nicht. Es ist halt auch ein verbreiteter Irrglaube, dass ehemalige Spieler es automatisch besser könnten. An einem Verein hängt so viel mehr als nur die Vorleistung, ein guter Sportler gewesen zu sein. Was man aber sagen kann, ist, dass die Ergebnisse vom FC Hansa Rostock in vielen Bereichen einfach so schlecht wie nie zuvor sind. Und da reden meines Erachtens zu viele Personen um den heißen Brei.

Ist es für Sie ein Horrorszenario, vielleicht bald mit dem Berliner AK gegen Hansa Rostock zu spielen?
Definitiv. Ich wünsche mir sehr, dass der FC Hansa zurückfindet und bald wieder dort spielt, wo der Verein in jedem Fall hingehört. Und das ist mindestens die Zweite Liga. Leider muss man eher festhalten, dass der FC Hansa sich erst einmal im gesicherten Mittelfeld der Dritten Liga etablieren muss. Etablieren. Dritte Liga. Das sagt doch eigentlich alles.

Was sind denn Ihre Ziele  in der Regionalliga Nordost beim Berliner AK? Der ein oder andere Hansa-Fan wird Ihren Weg ganz genau verfolgen.
Wir wollen den Abstand nach oben verringern. In der letzten Saison waren wir Siebter. Nun wird das Ziel sein, die Platzierung leicht zu verbessern und so lange wie möglich oben mitzumischen. Irgendwann, und da stimmen der Verein und ich voll überein, wollen wir vielleicht auch höhere Ziele anpeilen.

Wie sieht Ihr persönlicher Plan aus? Wie lange geben Sie sich die Zeit, als Trainer durchzustarten, bevor andere Pläne verfolgt werden?
Ich weiß diese Chance sehr zu schätzen. Viele Trainer wollen auf den Markt, und die Möglichkeit auf eine Herausforderung, wie ich sie jetzt in Berlin bekam, ist nicht selbstverständlich. Aber ich schaue optimistisch in die Zukunft und denke, dass ich mir alles weitere erarbeiten kann.

Hannes Hilbrecht

Wenn Hannes Hilbrecht nicht mittwochabends im Studentenkeller Moscow Mule trinkt, schreibt er für u.a. für ZEIT ONLINE, BLOG-TRIFFT-BALL oder seine HERMES-Bundesliga-Kolumne. Ab September ist sein Blog onewaytoseattle.com online. Sein Ziel: Auswandern in die schönste Stadt der Welt. Die ersten Schnipsel aus seinem ersten Roman-Projekt „W“ gibt es gratis dazu.