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Oliver Zapel

Der neue Oliver Zapel im BTB-Interview

Der Fußballtrainer Oliver Zapel begann seinen Weg an der Line in Hamburg-Harburg, Rahlstedt, Barsbüttel und Eichede, meilenweit entfernt vom Profifußball. Doch in diesem Sommer ist ihm der riesen Sprung gelungen, Zapel wurde Trainer des Drittligisten SG Sonnenhof Großasspach. Vor dem Spiel bei Hansa Rostock sprachen wir mit ihm.

Foto: SG94

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Oliver Zapel, sie sind mit 48 Jahren als Trainer im Profifußball angekommen. Schon an das frühe Aufstehen und an die Vormittag-Trainings gewöhnt?
Ich war schon immer ein Frühaufsteher, weshalb mir die Umstellung keine Kopfschmerzen bereitet hat. Außerdem trainieren wir zu humanen Zeiten und nur zweimal die Woche vormittags, sonst in der Regel am frühen Nachmittag. Das Konzept des Vereins ist ja ein duales System: Unsere Spieler gehen morgens normal arbeiten, erst danach sind sie Fußballprofis. Das klappt sehr gut.

Muss der Trainer denn selbst den Rasen mähen?
Nein, zum Glück nicht. Dafür bliebe mir auch keine Zeit.

Sie haben davor in der fünften Liga trainiert, nun sind sie in der dritten angekommen. Wie verändert sich das Arbeitspensum?
In den ersten Wochen ist es sehr stark angestiegen. Da kam ich auf fast 100 Stunden die Woche. Was aber auch daran lag, dass ich das Gefühl hatte, mich in der Liga einarbeiten zu müssen.

Sie gelten als akkurater Trainer, der vieles, wenn nicht sogar alles plant. Da müssen ja die neuen Möglichkeiten im Profifußball gigantisch sein.
Früher in Eichede haben wir manchmal die Spiele unserer Gegner mit dem I-Pad gefilmt, um Bildmaterial für Analysen zu haben. Nun bekommen wir hochwertige Aufzeichnungen von Fernsehkameras. Das ist ein Unterschied, den man sich auch als Laie gut vorstellen kann, und den ich sehr auskoste. Ich habe von den ersten beiden Spieltagen jedes Spiel gesehen.

Wie unterscheidet sich ihre Arbeit noch von Eichede zu Großaspach?
Eigentlich kaum. Ich habe ähnliche Spielertypen und wie früher auch einen genauen Plan, den ich umsetzen will. Dafür muss ich mit den Spielern auf eine Länge kommen, wir müssen reden, uns zuhören und verstehen. Das ist ein Prozess, klappt nicht sofort perfekt. Zurzeit bin ich aber sehr zufrieden.

Wie haben sie ihre Arbeit begonnen?
Ich habe mir meine Spieler angesehen und überlegt, was ich mit ihnen vorhaben könnte, wie wir am besten Erfolg haben werden. Welchen Fußball wir spielen wollen, welche Philosophie wir annehmen und vertreten wollen. Dann habe ich für unsere Mannschaft ein Playbook geschrieben.

Ein Playbook – wie im US-Sport?
Ja, ein 170-Seiten-Werk. Mit erdachten Spielzügen und Erklärungen, Charts und Abbildungen. Es dient zur taktischen Reifung, aber auch dazu, dass wir eine gemeinsame Sprache finden. Zwischen Schwäbisch und Hochdeutsch ist das ja nicht immer ganz so leicht. Außerdem bekommen die Spieler einen Leitfaden, eine Orientierung. Mich freut es, wenn sie im Mannschaftsbus darin lesen und sich damit beschäftigen.

Ich war noch nie in Aspach oder in Eichede. Allerdings kann ich mir vorstellen, dass die Unterschiede marginal sind zwischen den Arbeitsorten.
Das ist so. Hier gibt es vielleicht ein paar mehr Hügel, aber ansonsten ähnelt sich vieles. Größter Unterschied ist, dass wir hier ein tolles Stadion haben und ein noch professionelleres Umfeld. Allerdings gibt es trotzdem vergleichbare Situationen wie früher in Eichede: Wir müssen ab und zu in die Nachbardörfer fahren, um dort zu trainieren, wenn unsere Plätze gesperrt oder nicht bespielbar sind.

Wie kommt man eigentlich von einer kleinen Stadt in Norddeutschland in eine kleine Gemeinde in Schwaben?
Wegen des Profils des Vereins. Der hat bisher mit Newcomern auf der Trainerbank viel Erfolg gehabt. Sie wollen unverbrauchte Trainer mit neuen Ideen. Dazu haben sie ein sehr gutes Scouting, mit vielen Informationen über Fußballlehrer. Mein Glück war es, dass ihr Profil mit meinem übereinstimmte. Dann ging zwischen mir und dem Klub alles ganz schnell. Eine halbe Stunde und wir waren einig.

Auch wenn die Frage altbacken klingt: Wie lange haben sie auf diesen Sprung nach oben gewartet?
48 Jahre.

Welches ist der größte Vorteil, wenn man wie sie die Knochenmühle Amateurfußball gegangen ist?
Die Begeisterung, die ich ausstrahlen kann. Ich musste mich anders als viele andere Trainer mit großer Profikarriere als Spieler von ganz unten nach oben hocharbeiten. Für mich ist es etwas Besonderes, jetzt Teil des Geschäfts zu sein. Ich sauge alles auf, bin neugierig und sehr sensibel, was neue Inhalte eingeht. Ich weiß es zu schätzen, dass ich jetzt das Privileg genieße, im Profifußball zu arbeiten. Ich denke, sowas kommt auch bei den Spielern an.

Bestes Beispiel: Vor ein paar Monaten noch vor ein paar hundert Zuschauern in Hartenholm, heute bei Hansa Rostock. Einem ehemaligen Bundesligisten.
Meine Augen funkeln, wenn ich an das Spiel, an Hansa Rostock und die Arena denke. Das wird ein Erlebnis. Schon Chemnitz war laut und spannend – aber in Rostock könnte es noch eine Steigerung geben.

Nervös?
Nein, vorfreudig, gespannt. Ich muss nicht fünfmal am Tag auf die Toilette gehen, nur weil wir in Rostock vor sehr lauten Fans spielen werden. Zumal der Krach für uns einen Vorteil bereit hält.

Der da wäre?
Unsere Jungs mögen es, wenn es laut ist. Das stachelt sie an. Das war in Chemnitz sehr gut zu sehen, als die Heimmannschaft von den Fans getragen wurde, wir aber keineswegs einbrachen. Wir machten weiter unseren Job, nur eben noch konzentrierter.

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Hannes Hilbrecht

Wenn Hannes Hilbrecht nicht mittwochabends im Studentenkeller Moscow Mule trinkt, schreibt er für u.a. für ZEIT ONLINE, BLOG-TRIFFT-BALL oder seine HERMES-Bundesliga-Kolumne. Ab September ist sein Blog onewaytoseattle.com online. Sein Ziel: Auswandern in die schönste Stadt der Welt. Die ersten Schnipsel aus seinem ersten Roman-Projekt „W“ gibt es gratis dazu.