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Enrico Maaßen: „Natürlich wollen wir Gladbach bezwingen“

Der Viertligist SV Drochtersen-Assel will als Viertligist und Dorfverein Bundesligist Borussia Mönchengladbach in der 1. Runde des DFB-Pokals (Samstag, 15.30 Uhr) ärgern. Wir sprachen mit dem ungewöhnlichen Trainer eines ungewöhnlichen Viertligisten vor einem ungewöhnlichen Spiel.

Foto: Patrick Franck

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Enrico Maaßen ist in dieser Woche ein viel beschäftigter Trainer. Zum Interview-Termin hat er ein bisschen Verspätung, die Stadion-Begehung in Drochtersen dauerte etwas länger. Die Kapazität des Stadions wurde erhöht, von 2500 auf 7500 Plätze. Viel gab es zu sehen. Gewaltig sei das, sagt Maaßen. Er grinst wie ein Junge, der vor seinem ersten Fußballspiel steht.

BLOG-TRIFFT-BALL: Herr Maaßen, sich mit der Fernseh-Übertragung der Champions League im ZDF auf den nächsten Gegner vorzubereiten, haben sie sicher auch noch nicht erlebt.
Enrico Maaßen: Das ist für uns alle neu, für das Umfeld, für die Spieler und natürlich für mich als Trainer. Am meisten haben sich die Spieler über die neue Art der Vorbereitung gefreut. Zu der Zeit, in der ich ihnen sonst einen zehnminütigen Schinken (Szenen-Zusammenstellung, Anm.d.R) über den nächsten Regionalliga-Gegner serviere, waren wir gemeinsam essen und haben entspannt das Spiel von Borussia Mönchengladbach in Bern geschaut.

1. Runde DFB-Pokal, Gladbach, Profifußball. Was macht das aus dem kleinen Dorf, aus dem Verein der kommt?
Im Moment herrscht die Ruhe vor dem Sturm. Die Tickets sind seit Wochen ausverkauft und die für das Spiel produzierten Fanschals warten auf ihre Käufer. Spannend wird der Samstag. Kaum jemand wird zuhause sein, weil jeder unser Spiel im Stadion ansehen will. Für die Region ist es ein einmaliges Erlebnis, dass wir gegen einen Bundesligisten spielen. Die Menschen hier sind stolz auf das Team und die Spieler. Viele von ihnen kommen aus Drochtersen und den umliegenden Dörfern. Die Identifikation des Publikums mit der Mannschaft ist deshalb sehr groß.

Glauben Sie, dass Gladbach Sie und Ihr Team überhaupt ernstnehmen wird?
Gladbach ist ein sympathischer Verein, gerade weil er sich so akribisch nach oben gearbeitet hat. Der Verein steht für Qualität, für fleißige Arbeit. Ich gehe davon aus, dass sie sehr gut vorbereitet sein werden. Bei unserem letzten Spiel, so hörte ich, war ein Scout von ihnen anwesend.

Wollen Sie Gladbach schlagen?
Was ist das für eine Frage? Natürlich wollen wir Gladbach bezwingen, die kleine Minichance nutzen, die sie uns vielleicht geben! Würden wir nicht gewinnen, sondern nur nicht zu hoch verlieren wollen, wären wir hier fehl am Platz.

VIDEO: Drochtersen baut das Stadion aus.

Wie lange haben Sie an ihrem Masterplan gesessen?
Ein paar Tage braucht man schon. Die grundsätzliche Einstellung, dass man zuallererst verteidigen muss, ist ja klar. Aber Feinheiten fallen einem nach und nach ein, Ideen muss man sich manchmal erarbeiten. Gestern haben wir im Team lange gesprochen. Die Spieler wissen, wie wir uns Möglichkeiten erkämpfen wollen, und sie sind heiß darauf, das Geplante umzusetzen.

Ist im Training mehr Zug drin, weil die Spieler gegen Gladbach vielleicht noch mehr spielen wollen als in der Liga gegen Rehden?
Ich habe grundsätzlich gute Jungs im Kader, die sorgen immer für Zug im Training. Was mich plagt: Ich muss einige von ihnen enttäuschen. Im Kader können nur 18 Spieler stehen, in der Startaufstellung nur elf. Es wird bitter, denn wir haben kein wirkliches Leistungsgefälle. Viele Bauchentscheidungen werden nötig sein.

Wen würden Sie aus dem Gladbacher Kader gerne dabei haben?
Den Christensen aus der Abwehr. Rafael für den Sturm, vielleicht noch Dahoud für das Mittelfeld.

Und welcher Ihrer Spieler könnte die Gladbacher Verantwortlichen imponieren?
Ich hoffe doch einige. Das wird letztlich das Spiel zeigen. Und klar ist: Ob es reicht, Borussia Mönchengladbach zu imponieren, selbst wenn wir alles raushauen, weiß ich  nicht. Das ist eben eine ganz andere Hausnummer.

Überlegt, selber nochmal die Fußballschuhe zu schnüren? Sie waren ein guter Kicker, sind jung für einen Trainer und könnten sich ja selbst noch dieses Erlebnis gönnen.
Keine Sekunde. Vor allem wegen der Mannschaft, in der es jeder Spieler verdient hat, im DFB-Pokal aufzulaufen. Aber auch, weil ich momentan kein funktionstüchtiges Innen- und Kreuzband im rechten Knie habe. Ich wurde ja ziemlich abrupt Trainer, war nach meiner letzten Spielerverletzung noch nicht operiert worden. Als ich Cheftrainer wurde, habe ich das mit der Operation vorerst bewusst gelassen. Es wäre unpassend gewesen, als Trainer, der vorangehen und Stärke ausstrahlen will, auf Krücken am Seitenrand zu stehen. Mit vielen Kraftübungen kann ich aber dafür sorgen, dass es erträglich ist und ich keine Schmerzen habe.

Hat der erste Sieg in der laufenden Saison die Vorfreude auf Samstag gesteigert?
Er hat sehr geholfen! Wir waren mit der Punktausbeute nicht ganz zufrieden. Und wenn man dreimal zu Hause in Folge nicht gewinnt, dämpft das einfach die Stimmung. Mit dem Sieg in Egesdorf sind wir wieder im Soll, was das Saisonziel Klassenerhalt betrifft, und können ohne Sorgen den Samstag erwarten und hoffentlich genießen.

Halt! Sie sprechen von Klassenerhalt? Im vergangenen Jahr wurden Sie mit der Mannschaft Liga-Vierter und damit bester Regionalliga-Nord-Aufsteiger aller Zeiten.
Wie heißt es so schön: Wir wollen im Jetzt leben. Die Liga ist stärker geworden, wir haben Spieler verloren. Wir müssen uns finden und können nicht davon ausgehen, dass wir wie letztens Jahr einen Rausch erwischen, durch den vieles scheinbar von alleine klappt und wir durch die Saison getragen werden. Wir wollen die Klasse halten und dann mal sehen, was mit harter Arbeit möglich ist.

Kann die vergangene Saison ein Bumerang sein, der sie erwischt, eben weil viele eine Steigerung, mindestens aber eine Wiederholung erwarten?
So ist unsere Gesellschaft: Mehr, mehr und noch mehr. Aber das ist das Leben, damit muss man besonders im Fußball umgehen können. Und wir sind zuversichtlich, denn bisher hat es mit dem „mehr“ immer geklappt. Erst der Aufstieg in die vierte Liga, dann ein super erstes Jahr. Und wenn wir uns dort als Dorfverein weiter etablieren und halten können, ist das eindeutig auch ein neuer großer Erfolg.

Wollen Sie eigentlich den Fußballlehrer machen?
Das ist das Ziel. Allerdings will ich es Schritt für Schritt erreichen. In dieser Saison möchte ich gerne die A-Lizenz machen und mit meiner Mannschaft erfolgreichen Fußball spielen.

Wären Sie schon Fußballlehrer, könnte ein Sieg über Gladbach für sie als 32-Jährigen das Sprungbrett in den Profifußball sein. Darüber mal nachgedacht?
Es wäre die falsche Herangehensweise, das von einem einzigen Spiel abhängig zu machen. Genauso könnte ich ja sagen, dass ich als Trainer gescheitert bin, wenn wir zu hoch verlieren. Ich werte das Spiel als Bonus für eine außergewöhnliche Vor-Saison.

Sie arbeiten hauptberuflich als Leiter eines Fitnessstudios. Das könnte für Vereine, die sich einmal für sie interessieren könnten, vielleicht unprofessionell wirken.
Ich sehe das total anders. Bei uns arbeitet jeder im Verein in einem anderen Hauptberuf, trainiert wird grundsätzlich am Abend. Und meine Zusatzqualifikationen, die ich im Job erworben habe, kann ich neben meiner fachlichen Kompetenz im Trainerjob nutzen. Zum Beispiel indem ich präventiv mit den Spielern arbeite und die Aufgaben eines Athletiktrainers mit übernehmen kann.

Mehr Hintergrund zum Thema:
Enrico Maaßen im Portrait.

Was schätzen Sie am Viertliga-Fußball?
Die Ehrlichkeit des Fußballs, diese Leidenschaft. Die Jungs gehen alle arbeiten oder studieren und kommen abends her, um Spaß zu haben und möglichst gut und erfolgreich Fußball zu spielen.

Was wäre gegen Gladbach ein Erfolg?
Wenn wir alles geben, eine gute Leistung zeigen und das Spiel knapp halten. Wenn sich Gladbach mit uns herumärgert, wir eine unangenehme Aufgabe sind und das Spiel für die Fans lange spannend ist. Nebenbei ist mir wichtig, dass wir Spaß haben und es genießen, gegen tolle Fußballer zu spielen. Und ich ich möchte viel Schwung aus dem Spiel mitnehmen, denn am Montag beginnt für uns der Liga-Alltag.

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Hannes Hilbrecht

Wenn Hannes Hilbrecht nicht mittwochabends im Studentenkeller Moscow Mule trinkt, schreibt er für u.a. für ZEIT ONLINE, BLOG-TRIFFT-BALL oder seine HERMES-Bundesliga-Kolumne. Ab September ist sein Blog onewaytoseattle.com online. Sein Ziel: Auswandern in die schönste Stadt der Welt. Die ersten Schnipsel aus seinem ersten Roman-Projekt „W“ gibt es gratis dazu.