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Hansa im Pokal // Weiße Nächte?

Hansa hat gegen Stuttgart nur gute Pokal-Erinnerungen. Doch diesmal wird es schwieriger. Hilft eine Abwehrmethode aus dem American Football? Und was hat Dostojewski plötzlich mit Hansa zu tun?

Der Himmel leuchtete auch um Mitternacht noch hansablau. In Rostock. In Hamburg. In Bremen. In München. In Dresden. Überall dort, wo Hansa-Wimpel statt Duftbäumen in den Autos hängen. Hansa-Koggen auf Kotflügeln kleben. Teenager und ewig Junggebliebene fremde U-Bahnhöfe vollpappen. Wo die Leute Hansa-T-Shirts auch nach Niederlagen mit Stolz unter einer offenen Fliesjacke tragen.

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Ich taumelte damals bierschwanger durch Ost-Berlin. Der Sieg pochte in meinen Venen. Wann, dachte ich, hatte ein Hansa-Sieg das letzte Mal so viel Hoffnung ausgelöst?

Der FC Hansa hatte soeben Stuttgart geschlagen, mit 2:0. Einen Bundesligisten, der damals von der Champions League träumte und in Rostock das erste Mal schweißnass in seinem Albtraum erwachte. Stuttgart hatte Mario Gomez, Rostock Marco Königs. Es war wie beim Skat, wo der Bauer das Ass aussticht. Ich betrank mich in dieser Nacht selig. Zappelte zu Finch Asozial und Dritte Wahl. An diesem Abend träumte wohl jeder Hanseat von mehr Spielen gegen den VfB Stuttgart – eben mindestens zweimal im Jahr.

Die gute Nachricht: Die Favoriten scheinen in diesem Jahr noch verwundbarer zu sein. Mainz 05 und der FC Augsburg sind raus, Düsseldorf hätte es beinahe erwischt. Und das ist nur die Bilanz vom Samstag, dem zweiten Pokal-Spieltag des langen Wochenendes. Die schlechte Nachricht für Hansa: Stuttgart ist kein Bundesligist mehr. 

Die wichtigsten Fragen und die Abwehr-Analyse zum Spiel:
Warum wird es dieses Jahr schwieriger als letztes Jahr?

Der VfB Stuttgart spielte im August 2018 hochmütig. Als hätte sich die Mannschaft nicht auf Hansa vorbereitet und eingestimmt. Als wüsste Holger Badstuber nicht, dass Cebio Soukou das Tempo eines Bundesligaspielers hat.

Der größte Unterschied zwischen damals und heute: Im vergangenen Jahr war die Pokalpartie in Rostock das erste Pflichtspiel des VfBs. Die Mannschaft war kalt, noch nicht unter Wettkampfhärte erprobt, während Rostock längst im Spielbetrieb steckte.

Dieses Jahr ist der VfB ideal vorbereitet. Gegen Hannover 96 (2:1) und Heidenheim (2:2) musste sich die Mannschaft gegen starke Zweitligamannschaften strecken. Gerade das Spiel in Heidenheim, als ein 2:0 verspielt wurde, sensibilisierte die Mannschaft. Ein Start mit zwei Stuttgarter Siegen wäre für Hansa womöglich besser gewesen. Der VfB weiß seit Heidenheim wieder, was passiert, wenn die Zügel nur zehn Minuten etwas schlaff durchhängen.  

Zudem ist die Mannschaft nicht viel schwächer als zu Bundesliga-Zeiten. Mit Daniel Didavi spielt ein hochbegabter, wenn auch unbeständiger Offensivspieler immer noch für den VfB. Philipp Klement hätte letztes Jahr wohl auch in der Bundesliga geholfen. Der VfB in diesem Jahr ist besser vorbereitet. 

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Worauf kommt es an?

Wie gut Hansas Abwehr diesmal funktioniert. Ich habe mir nochmal alle Gegentore und gegnerischen Großchancen der laufenden Drittliga-Saison angesehen. Dabei sind vier große Kernschwächen ersichtlich.

1. Riebles Ballverluste im Spielaufbau

Nico Rieble ist hier leider die Sollbruchstelle. Gegen München II und Unterhaching entstanden zwei Großchancen durch seine Fehlpässe im Spielaufbau, beide Male fast an der identischen Position. Rieble erblickte in den Szenen jeweils ein freies Passfeld zum Mitspieler, übersah aber, wie leicht diese Gasse für die Verteidiger zu schließen war. Ebenso verheerend: Dass Rieble, der sich mühte und streckte, die Szenen im Nachgang nicht reparieren konnte.

Alle Screenshots ©MAGENTASPORT

Rieble fehlpass

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2. Riedels Übereifrigkeit

Gegen Haching verursachte Julian Riedel das entscheidende Gegentor, weil er zu sehr auf den Ball schielte. Durch sein erfolgloses Vorpreschen öffnete er nicht nur einen Raum, sondern ließ auch seinen Gegenspieler davonlaufen. 

Auch gegen München II und Halle kreierte Riedel gefährliche Situationen, weil er den Ball beim Stürzen nicht gewann. Da Hansa meist mit Dreierkette spielt und auf der Doppelsechs eine qualitative Lücke klafft, entstanden nach missglückten Tacklings sofort Überzahlsituationen für die Gegner.

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Haching3.0

3. Das Zuordnungsproblem im Rückraum

Zwei der sechs Hansa-Gegentore fielen, als die Rostocker den Strafraum mit sieben bis acht Feldspielern deckten, aber niemand den zweiten Ball verteidigte. Hansa träumte und rückte zu spät raus. So gewährten die Hanseaten ihren Gegnern kaum bedrängte Schüsse aus aussichtsreichen Positionen. 

Gegen Halle vor dem 0:1

1-0-schuss

Gegen Bayern vor dem 2:1

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4. Die Schläfrigkeit

Tanju Öztürk (Dreifachchance Halle, Pfostenschuss Haching), Mirnes Pepic (1:3 gege Viktoria Köln, gegen München II) und Julian Riedel (auch 1:3 gegen Viktoria Köln) schliefen in Schlüsselszenen, dachten die Situation jeweils nicht umsichtig mit. Gleiches gilt auch für Kolke im ersten Spiel. Sie alle hatten den Ball im Blick, aber nicht die Gegenspieler. 

Hansa hat unter Defensivspezialist Jens Härtel ein mittelschweres Abwehrproblem. Durch den offensiven Abwehr-Stil ermöglicht Hansa zu viele Großchancen. Gegen Halle, München II und Haching ließen die Rostocker alleine zehn Hundertprozentige zu. Umso erschreckender, dass nur ein einziges Gegentor aus diesen Szenen resultierte. Die zwei anderen Treffer waren Schüsse aus der Distanz. Das heißt: Es hätte alles noch viel schlimmer enden können. 

Fazit 

Hansas defensive Grundordnung ist dabei gar nicht so schlecht. Das Pressing funktioniert im ersten Drittel dank schlauer Spieler wie Korbinian Vollmann und Pascal Breier sehr effizient. Doch sorgt die Übereifrigkeit an der Mittelfeldlinie immer wieder für Großchancen des Gegners aus dem Nichts. Das verunsichert nicht nur die eigenen Köpfe, sondern motiviert auch den Gegner.

Selbst wenn Riedel, Rieble oder Adam Straith Bälle an der Mittelfeldlinie offensiv gewinnen, entstehen aus den Hochrisiko-Tacklings bisher kaum eigene Großchancen. Hansa ist bisher am gefährlichsten, wenn die Mannschaft geradlinig hinten raus spielt oder Ballgewinne im gegnerischen Drittel erzwingt. Jens Härtel muss sich fragen: Ist der Ertrag das eingegangene Risiko wert?

Was kann Hansa defensiv besser machen gegen Stuttgart?

Das Erfolgsrezept aus dem damaligen Spiel gegen Stuttgart kopieren. Bend, don’t break. Oder auf Deutsch: Sich beugen lassen, aber nicht brechen. 

Das ist eigentlich ein Defensiv-Prinzip aus dem American Football. Es bedeutet, dass man dem Gegner kleine Raumgewinne anbietet, aber eben die Big Plays verhindert. Da sich das für den Gegner relevante Spielfeld mit jedem Metern Raumgewinn automatisch verengt, wird das Weiterkommen für ihn immer schwieriger. 

Auch im Eishockey ist diese Taktik bei Außenseitern sehr beliebt: Sie geben dem Gegner viele Schüsse und Möglichkeiten, aber nur aus den schlechten Winkeln. Mannschaft verteidigen nicht jeden Abschluss, sondern konzentrieren sich darauf, die großen Kaliber aus dem Spiel zu nehmen. 

Beim damaligen 2:0-Pokalfest operierte Hansa hier perfekt. Sie stellten sich nicht komplett hinten rein und waren in einigen Szenen sehr aggressiv, doch ließen sie die Stuttgarter immer mal wieder aus ungünstigen Lagen schießen. Die Rostocker ließen Flanken dann zu, wenn der Strafraum und die Gegenspieler gut gedeckt waren. Hansa wusste: Gegen einen Gegner wie Stuttgart wird man Chancen nicht verhindern können. Also verteidigte Hansa vor allem die Hundertprozentigen. Stuttgart sammelte 26 Torschüsse, doch nur ein winziger Bruchteil davon war akut gefährlich.

Dieser Ansatz steht dem aktuellen Rostocker Abwehrspiel manchmal entgegen. Momentan will Hansa durch das aggressive Verteidigen jede Möglichkeit im Keim ersticken. So bekommen die Gegner zwar nicht viele, aber dafür sehr gute Gelegenheiten. Stuttgarts Offensivspieler um Mario Gomez haben sicher eine bessere Quote. Der Schwabe schmeißt bekanntlich wenig weg.

Wie ist der VfB verwundbar?

Der VfB Stuttgart hat zwei gravierende Schwachstellen. 

Das fehlende Tempo in der Innenverteidigung und teilweise im zentralen Mittelfeld (Gonzalo Castro). Dazu die taktischen Undiszipliniertheiten auf den defensiven Außenbahnen.

Man darf sich nicht täuschen lassen: Auch wenn Heidenheim beide Tore mit viel Druck erzwang, war Stuttgart in der ersten Halbzeit durch das schnelle Umschaltspiel über Konter sehr verwundbar. Holger Badstuber ist ein Dominator in der Luft, aber mittlerweile schwach in den Sprints. Mit Marcin Kaminski hat der VfB seinen besten Abwehrmann für Monate verloren. 

Die Außenverteidiger Pascal Stenzel und Borna Sosa sind schnell und offensiv patent, aber auch gut für Stellungsfehler. Sie sind überspielbar und mitunter stressanfällig.

Santiago Ascacibar ist ein großartiger Mittelfeldspieler an guten Tagen, der aber nicht immer komplett bei der Sache ist und nicht jeden Meter geht. Castro hat seine Stärken am Ball und im Zweikampf, aber nicht mehr im Spiel ohne den Ball.

Wie kann Hansa gewinnen?

In dem der FC Hansa die Stärken seiner Mannschaft auf den Gegner loslässt und defensiv sehr viel kompakter steht. Stuttgart schoss drei seiner vier Tore nach hohen Bällen in den Strafraum, das vierte fiel nach einer Standard. Mario Gomez und Hamadi Al Ghaddioui sind dort besonders stark. Gomez, weil er die richtigen Lücken findet, Ghaddioui, 1,93 groß, ist im Kopfballduell eine Macht.

Auch ist klar: Ein John Verhoek oder ein Marco Königs sind gegen Stuttgarts robuste Prellböcke kaum ein adäquates Mittel. Hansa wird – hoffentlich – nicht auf Ballbesitzfußball abzielen.

Der flinke Pascal Breier ist gegen Badstuber die erfolgsversprechendste Variante. Weil er Stuttgarts Innenverteidigung nicht nur im Sprint, sondern auch im Kopf fordert. Breier ist gut darin, Schneisen für Pässe zu öffnen. Hansa braucht gegen Stuttgart vorne Geschwindigkeit und Agilität. Im Idealfall rotieren Hansas vier offensiv ausgerichtete Spieler auf ihren Positionen, stiften Chaos in Stuttgarts Viererkette. Chaos ist manchmal das einzige Mittel gegen eine überlegene Abwehrreihe.

Mirnes Pepic wird deshalb der vielleicht wichtigste Spieler sein. Von allen Rostockern spielt er die besten Pässe in Schnittstellen, er agiert manchmal wie ein Quarterback. Wenn Pepic früh andeutet, Badstuber „erwischen“ zu können, kann das alle Stuttgarter im Kopf beschäftigen. Ein Gedankenspiel, was Härtel umtreiben könnte: Stelle Pepic offensiver, damit seine manchmal gravierenden Defensivschwächen von den Mitspielern rechtzeitig korrigiert werden können. 

Ahlschwede, der einen Stenzel überlaufen oder im Sprint schlagen kann, aber auch defensiv denkt, wäre mutmaßlich die Idealbesetzung auf dem rechten Flügel. Butzen könnte zudem mit Ahlschwede tauschen, wenn „Ahli“ kurz Luft braucht.

In einer Viererkette wäre Nico Rieble gegen Stuttgart zudem ein Benefit, da er für einen Außenverteidiger gut in der Luft ist. Gegen Stuttgarts Flankenregen, der zu erwarten ist, ein nicht unerheblicher Vorteil.

Bülow haben wir statt Öztürk auf dem Zettel, da er letztes Jahr gegen Stuttgart hervorragend verteidigte. Als Sechser denkt er stärker wie ein Innenverteidiger, das hilft unter Dauerdruck. Auch hat Bülow in seiner Karriere mehr Erfahrung gegen hochklassige Mannschaften gemacht als Öztürk.

Die BTB-Wunschaufstellung

Kolke – Butzen, Straith, Riedel, Rieble – Bülow, Hildebrandt – Ahlschwede, Pepic, Vollmann – Breier

Und dann ist da noch der wichtigste Trumpf, der Kreuzbube im Hansa-Blatt: Das Publikum im Stadion, ganz in weiß, ohrenbetäubend laut!  Wenn der FC Hansa über 90 Minuten zeigt, was er bisher nur punktuell abrufen konnte, dann ist in diesem Kessel alles möglich. Auch gegen ein deutlich besseres Stuttgart. 

Sicher wäre bei einem Sieg eines: Die schönste weiße Nacht spielt dann vorübergehend nicht mehr in St. Petersburg, sondern in Rostock, im Warnow-Verona. Ein Drama, nicht von Dostojewski geschrieben, sondern von Jens Härtel.

Und wir wissen ja alle: Jedes kleine Wunder beginnt mit einer kühnen Träumerei. 

Hannes Hilbrecht

Hannes Hilbrecht schreibt und schrieb nebenbei für ZEIT ONLINE, NDR.de und den Berliner Tagesspiegel. Füllt ein Marketing-Magazin mit Liebe (GrowSmarter.de) Und er liest eine spannende Case Story genauso gerne wie den neuen Roman von Ralf Rothmann.